Aktualisiert 28.03.2014 14:14

Kein Gemüse!

Schweizer stehen auf Poulet auf dem Teller

Von wegen Vegan-Hype: Herr und Frau Schweizer essen 52 Kilogramm Fleisch pro Jahr und Kopf. Besonders oft auf den Tisch kommen Geflügel, Schwein und Rind.

von
Claudia Landolt
Poulet wird in der Schweiz immer beliebter - vor allem in der französischen Schweiz. In Sierre gibt es sogar ein Poulet-Festival, das Fête du poulet, wo dieses Bild gemacht wurde.

Poulet wird in der Schweiz immer beliebter - vor allem in der französischen Schweiz. In Sierre gibt es sogar ein Poulet-Festival, das Fête du poulet, wo dieses Bild gemacht wurde.

Geht es streng nach Statistik, kann sich Vegetarismus als Ernährungsform bei einer Mehrheit der Schweizer Bevölkerung nicht durchsetzen. «Der Schweizer isst gerne und gut, und Fleisch ist fester Bestandteil des hiesigen Menüplans», fasst Heinrich Bucher, Direktor von Proviande, der Branchenorganisation der Schweizer Fleischwirtschaft, zusammen. «Wir kennen keinen Vegetarier-Boom.»

Rund ein Kilo Fleisch verdrückt jeder Bewohner hierzulande pro Kopf und pro Woche. Fleisch (inklusive Wurst und Geflügel) kommt bis zu fünfmal pro Woche auf die Teller. Fast die Hälfte davon ist Schweinefleisch aus Schweizer Herkunft. Schweinefleisch bleibt, wie schon im Vorjahr, das mit Abstand beliebteste Fleisch im Gastronomie- und Restaurantionsbereich.

Geflügel boomt

Zugelegt hat auch das oft teurere Rindfleisch. Es belegt mit einem halben Kilo Mehrkonsum pro Kopf Platz zwei auf der Beliebtheitsskala. «Der durch die Lebensmittelskandale bedingte Rückgang an Pferdefleisch kam eins zu eins dem Rindfleisch zugute», erklärt Bucher. Kalbfleisch, das noch teurer ist, wurde allerdings auch weniger gegessen: Nur 3,02 Kilogramm waren es 2013 pro Kopf.

Heimlicher Gewinner ist Geflügel, bevorzugtes Fleisch im Privatkonsum. Poulet und Co. erlebten in den vergangenen Jahren einen regelrechten Boom. Auch 2013 stieg der Konsum um knapp ein Prozent und betrug pro Kopf 11,42 Kilogramm. Geflügel inländischer Herkunft ist besonders gefragt und stieg 2013 auf 54,4 Prozent. Die Beliebtheit von Geflügel für die Mahlzeiten zuhause erklärt sich Bucher so: «Poulet ist fettarm, gilt daher als gesund und ist einfach zuzubereiten.»

Gemüse ist mein Fleisch – oder doch nicht?

Trotz des oft propagierten Trends zur fleischlosen Ernährung ist die Zahl jener, die nie Fleisch essen, unverändert klein: Weniger als drei Prozent der Bevölkerung ernähren sich so – 2,7 Prozent waren es im Jahr 2007 gewesen. Eine neue Studie von Coop geht sogar von lediglich zwei Prozent aus.

Noch asketischer, also vegan, ernährt sich eine verschwindend kleine Minderheit. Daran dürften auch die kürzlich lancierten Initiativen zu veganen Pflicht-Menüs in Mensen und Kantinen von Schulen, Spitälern, Heimen und der öffentlichen Verwaltung wenig ändern – trotz prominenter Unterstützung durch Nationalrat Bastien Girod (Grüne) oder alt Bundesrat Moritz Leuenberger (SP), die sich zur rein vegetarischen Ernährung bekannten.

Das gängige Vorurteil, wonach eine pflanzliche Ernährung die ungesündere Ernährungsform sei, werde durch keine einzige Studie belegt, weiss Steffi Schlüchter, Ernährungsberaterin der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung. Sie als ein Trend zu bezeichnen, gehe aber zu weit. «Vegetarismus ist dennoch eine ernstzunehmende Entwicklung, weil dahinter ein bewusster Umgang mit Fleisch liegt», so Schlüchter.

Denn der in der Schweiz konsumierte Fleischanteil beurteilt die Ernährungsexpertin als zu hoch. «Zwei bis drei Portionen à 120 Gramm Fleisch pro Woche wären auch aus Gründen der Nachhaltigkeit ideal», sagt Schlüchter zu 20 Minuten.

Massvoller Fleischkonsum

Die Schweizerische Gesellschaft für Ernährung empfiehlt, beim Konsum von eiweissreichen Nahrungsmitteln abzuwechseln; optimal sei täglich eine Portion Fleisch, Fisch, Käse, Quark, Eier oder Tofu. Beim Fleisch entspricht eine Portion 100 bis 120 Gramm. Man rechne: Wer diese Regel konsequent umsetzt und die sechs Proteinlieferanten konsequent variiert, konsumiert sehr viel weniger Fleisch als der Durchschnittsschweizer. Nämlich bloss sechs statt über 50 Kilo pro Jahr.

Eine Idee, für die Marketing-Leute bereits einen Terminus gefunden haben: Den Flexitarier, den Teilzeit-Vegetarier also, der eher zwei- bis dreimal pro Woche auf Fleisch verzichtet. Für Bucher ist die Idee längst Realität: «Der Durchschnittskonsument isst drei- bis fünfmal Fleisch und rund 18,1 Prozent verzichten ein- bis zweimal pro Woche darauf.»

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