Activity-Tracker: Schweizer stehen auf Selbst-Überwachung
Aktualisiert

Activity-TrackerSchweizer stehen auf Selbst-Überwachung

Viele Schweizer greifen zu digitalen Messgeräten, um ihren Körper ständig zu überwachen. Der Trend stösst bei Fachleuten auf Skepsis.

von
R. Neumann
Manuel Wick zeigt das Gerät, das ihn täglich vermisst.

Manuel Wick zeigt das Gerät, das ihn täglich vermisst.

Manuel Wick (30) aus Luzern trägt ein kleines Gerät in der Hosentasche. Es zählt jeden seiner Schritte. Der Projektleiter, der in einem Architekturbüro arbeitet, kam durch Arbeitskollegen auf die Idee, seine Aktivität zu vermessen.

Sein Gerät ist ein Activity-Tracker von Withings. «Ziel wäre, 10'000 Schritte pro Tag zu schaffen. Aber da ich einen Bürojob habe, ist das etwas schwierig», sagt Wick. Er schaffe im Schnitt 4000 bis 6000 Schritte pro Tag. Aber: «Es spornt mich an, auch mal die Treppe statt den Lift zu nehmen.»

Wie Wick überwachen sich Tausende so genannte Self Tracker in der Schweiz. Schrittmesser gehören dabei zu den simpelsten Gadgets. Blutdruck, Kalorienzufuhr, Schlafrhythmus mittels EEG-Stirnband – der Körper wird durch die Messung gläsern. Die Daten werden an ein Online-Profil übermittelt, mittels App hat der Nutzer Zugriff auf seinen Verlauf und verschiedenste Statistiken.

Geräte teilweise ausverkauft

Die Händler berichten von explodierenden Verkaufszahlen. Bei Mediamarkt heisst es auf Anfrage, dass sich der Verkauf in den letzten zwei Jahren verdreifacht habe. Deutlicher wird ein Sprecher des Online-Händlers Brack.ch. «2013 haben wir mehrere Tausend Produkte verschiedener Hersteller in dieser Kategorie verkauft.»

Bei Digitec war der Ansturm auf die Activity-Tracker derart gross, dass sie teilweise ausverkauft waren. «Einige Produkte waren zeitweise europaweit vergriffen», sagt Sprecherin Stefanie Hynek. In den letzten Monaten sei wiederholt ein Anstieg des Absatzes vermerkt worden. Hynek: «Wir gehen aber davon aus, dass dieser bei konstanten Verfügbarkeit noch viel höher ausgefallen wäre.» Die Hersteller selbst wollten auf Anfrage keine detaillierten Zahlen bekanntgeben.

Wie gross die Szene ist, kann auch Self-Track-Pionier Yago Veith nicht abschliessend beziffern. Er spricht aber von einem Beginn eines neuen Zeitalters. Vor allem, wenn die grossen Marken auf dem Markt wie Apple in das Geschäft einsteigen.

Daten ersetzen Hausarzt nicht

Doch diese ständige Überwachung birgt Gefahren. Gerhard Schilling vom Verband der Schweizer Hausärzte betrachtet die Self-Tracker skeptisch. «Isoliert betrachtet können solche Daten die Nutzer zu Unsinn verleiten.» Die Daten müssten in ein gesamtheitliches Betreuungskonzept integriert werden.

Der vermessene Mensch habe zwar durchaus seine Vorteile. So begrüsse Schilling es beispielsweise, wenn seine Patienten ihren Blutdruck selbstständig messen und überwachen. «Aber es ist nun mal völlig normal, dass der Blutdruck nach körperlicher Anstrengung hoch ist – deshalb gleich in Panik zu geraten und in den Notfall zu rennen, ist kontraproduktiv.» Die Daten ersetzten nun mal das persönliche Gespräch mit dem Hausarzt und seine fachliche Einschätzung nicht.

Ein Grund, weshalb sich Krankenkassen zu diesem Thema noch sehr zurückgehalten haben. Beim Verband der Schweizer Krankenkassen Santésuisse sagt Sprecher Christophe Kaempf, dass das Fachwissen, um gemessene Daten richtig zu interpretieren, unersetzbar sei.

«Gegenteiliger Effekt»

Deshalb seien seitens der Krankenkassen noch keine Anstrengungen unternommen worden, um die Kosten für solche Apps und Messgeräte zu übernehmen. Zwar könne der Schluss gezogen werden, dass die Menschen durch die eigene Überwachung ihres Körpers bewusster und gesünder lebten. Doch Kaempf gibt zu bedenken: «Der gegenteilige Effekt könnte eintreten: Die Leute interpretieren die Daten falsch und gehen zum Arzt, weil sie glauben, etwas sei nicht in Ordnung.»

Manuel Wick hat zusätzlich zum Schrittmesser auch eine Waage gekauft, die nebst seinem Gewicht den Körperfettanteil und seinen Puls misst. Doch er gibt zu: «Meine Werte haben sich seit dem Gebrauch der Geräte nicht messbar verändert. Ich versuche einfach, auf dem gleichen Level zu bleiben.»

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