Anders als in der EU: Schweizer stehen auf traditionelle Drogen
Aktualisiert

Anders als in der EUSchweizer stehen auf traditionelle Drogen

Der EU-Raum wird von gefährlichen neuen Designerdrogen überschwemmt. Die Schweiz aber erweist sich als Sonderfall in Europa: Hier setzen die Konsumenten auf die klassischen Rauschmittel.

von
Marco Lüssi
Anders als im EU-Raum nimmt der Kokainkonsum in der Schweiz nicht ab.

Anders als im EU-Raum nimmt der Kokainkonsum in der Schweiz nicht ab.

Die EU-Drogenbeobachtungsstelle schlug am Dienstag Alarm: Man habe im letzten Jahr eine Rekordzahl von bis dahin unbekannten, künstlich hergestellten Substanzen entdeckt. Es gebe ein «nicht zu stoppendes Angebot» neuer Drogen, klagt EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström. Diese werden häufig im Internet verkauft.

Die Schweiz ist im Vergleich mit den anderen europäischen Staaten ein Sonderfall. Toni Berthel, Präsident der Eidgenössischen Kommission für Drogenfragen (EKDF), sagt: «Neue Substanzen spielen in der Schweiz eine geringe Rolle.» Das bestätigen auch Szenekenner. «Die bekannten Drogen wie Kokain, Ecstasy und MDMA sind in der Schweiz in tendenziell besserer Qualität vorhanden und relativ einfach erhältlich», sagt Koni Wäch, Präsident von Eve & Rave. Das unterscheide den Drogenmarkt von jenen in den meisten EU-Staaten. «Die meisten Schweizer Konsumenten sehen keinen Grund, auf Substanzen auszuweichen, die man nicht kennt und irgendwo im Internet bestellen muss.»

2013 bisher sieben Proben mit unbekannten Substanzen

Dass neue Substanzen ein Randphänomen sind, bestätigt auch die Statistik der Drogentests, die die Zürcher Jugendberatung Streetwork durchführt. Von den 413 Analysen, die im Jahr 2013 bisher durchgeführt wurden, enthielten lediglich sieben Proben unbekannte Substanzen. Im Jahr 2012 waren es 18 bei insgesamt 938 Analysen.

«Die Schweiz ist ein kleines Land, die Leute sind gut vernetzt und haben Möglichkeiten, über den Kollegenkreis an die bekannten Drogen wie Kokain und Ecstasy heranzukommen, ohne auf der Strasse danach suchen zu müssen», sagt Christian Kobel, Betriebsleiter von Streetwork. Über die Gründe dafür, dass die in der Schweiz erhältlichen Drogen eine bessere Qualität aufweisen, könne man nur spekulieren, sagt Wäch. «Doch die Tatsache, dass es in der Schweiz Angebote für Konsumenten gibt, Drogen auf ihre Inhalte zu testen, könnte durchaus eine Rolle spielen – die Produzenten wissen wohl, dass sie den Käufern nicht einfach alles andrehen können.»

Kleine Gruppe von erfahrenen Konsumenten nimmt neue Substanzen

Alwin Bachmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Schweizerischen Koordinations- und Fachstelle Sucht Infodrog, befasst sich mit dem Konsum von neuen synthetischen Substanzen in der Schweiz. «Genommen werden diese von einer sehr kleinen Gruppe, die gemäss einer – allerdings nicht repräsentativen – Studie erfahrene Drogenkonsumenten sind, die mal etwas Neues ausprobieren wollen.» Für junge, unerfahrene Drogenkonsumenten hingegen sei es vermutlich wenig attraktiv, eine unbekannte Substanz zu sich zu nehmen, über deren Wirkung man nichts wisse. Zudem müsse man immer damit rechnen, dass Internetbestellungen solcher Pillen am Zoll abgefangen würden.

Anders als in der EU nimmt der Kokain-Konsum in der Schweiz nicht ab

Nicht nur bei den neuen Designerdrogen, auch beim Kokain unterscheidet sich die Schweiz vom restlichen Europa. «Anders als in der EU nimmt der Kokainkonsum hier nicht ab, sondern hat sich stabilisiert. Hier ist Kokain – anders als in vielen europäischen Ländern – keine Edeldroge mehr», so EKDF-Präsident Berthel. Die bei weitem am häufigsten konsumierten Drogen seien in der Schweiz aber Alkohol und Cannabis.

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