Aktualisiert 28.03.2014 12:15

Heimlich geknipst

Schweizer stellen Fremde mit Fotos im Internet bloss

Fremde Menschen fotografieren und das Bild ins Internet stellen – dieser illegale Trend hat auch die Schweiz erreicht. Experten sagen, es sei eine Frechheit, aber den Täter sei ihre Straftat nicht bewusst.

von
tab

Ein Mann sitzt im Zug, auf dem Kopf trägt er einen Velohelm, auf den Knien liegt sein geöffneter Laptop, er starrt auf den Bildschirm. Ein Jugendlicher ist im Zug eingenickt und nach vorne gekippt, sein Kopf ruht auf der Rücklehne des vorderen Sitzes. Diese Bilder von völlig fremden Menschen sind auf Facebook zu bestaunen – einen fiesen Kommentar gibts dazu (siehe Bildstrecke).

Dieser neue Trend, der sich im Ausland auf Websites wie «asleep on the subway», «people sleeping on public transport» oder «awkward transit» manifestiert, macht sich derzeit auch auf Schweizer Websites breit: Menschen fotografieren andere Menschen ohne ihr Wissen sowie ohne ihre Erlaubnis und stellen diese Bilder ins Internet. «Früher hat man Fotos von seinen betrunkenen Kumpels gemacht und diese dann verschickt», sagt Internet-Experte Marc Steffen, «heute geht man einen Schritt weiter: Man knipst völlig fremde Menschen und teilt dieses Bild mit der halben Welt.» Auch Philippe Wampfler, selbst Blogger und Social-Media-Experte, sagt: «Ich habe dieses Phänomen schon mehrfach beobachtet.» Beide sind der Meinung, dass diese Art von Blossstellung moralisch verwerflich, für die Opfer demütigend und «eine absolute Frechheit» sei.

«So verletzt man die Persönlichkeitsrechte»

Der Trend ist auch rechtlich gesehen problematisch: «Grundsätzlich darf man niemanden fotografieren ohne dessen Einwilligung», sagt Bruno Baeriswyl, Datenschutzbeauftragter des Kantons Zürich. Werde das Bild dann auch noch veröffentlicht und die Person auf dem Foto sei identifizierbar, könne diese den Fotografen oder Verbreiter des Bildes anzeigen. «Es handelt sich um eine Verletzung der Persönlichkeitsrechte.» Auch der Betreiber der Plattform könnte zur Rechenschaft gezogen werden, da dieser den Platz für rechtswidrige Handlungen zur Verfügung stelle. «Die Problematik ist jedoch offensichtlich: In diesen Fällen merkt man meist nicht, dass man fotografiert wird, und weiss auch nichts von den Bildern, die irgendwann im Netz erscheinen.»

Blogger Wampfler bestätigt: «Bei diesem Trend ist man hilflos, es ist der komplette Kontrollverlust.» Einerseits könne man jederzeit fotografiert werden, andererseits sei es fast unmöglich, das einmal veröffentliche Bild wieder aus dem Internet zu löschen. «Das kann für die Person auf dem Foto durchaus tragisch sein, denn manche Aufnahmen sind tatsächlich wüst.» So gebe es Blogs wie beispielsweise den «Breitmachmacker», die sich einzig dem Thema widmeten, dicke Menschen, die im Zug viel Platz brauchen, zu fotografieren und sich öffentlich darüber zu ärgern. «Auch Seiten, die sich auf herablassende Weise über Modetrends auslassen, sind verbreitet: Beispielsweise dicke Frauen mit Leggins oder Männer, die Socken in den Sandalen tragen», so Wampfler weiter.

Unwissen wegen mangelnder Aufklärung

Einer von ihnen ist Mode-Experte Jeroen van Rooijen. Er betreibt auf Facebook eine Seite mit dem Namen «Hat das Stil?». Dort veröffentlicht er Fotos von fremden Menschen, die etwas Ausgefallenes oder modisch Fragliches tragen, und eröffnet mit einem Kommentar wie «29-Zoll-Kreolen! Kann man auch Hula-Hoop mit machen?» die Diskussion. «Ich betreibe aber keinen Internet-Pranger, sondern lasse lediglich andere Menschen über Mode diskutieren», so van Rooijen. Er habe zwar gewusst, dass man vorsichtig sein müsse, wenn man fremde Menschen fotografiere und diese Bilder dann im Internet veröffentliche. Aber dass es strafrechtliche Konsequenzen haben könne, sei ihm nicht klar gewesen.

Genau da liege das Problem, sagen Wampfler und Steffen: Die meisten wüssten nicht, dass es sich beim Knipsen und Veröffentlichen von Fotos fremder Menschen um eine Straftat handle. Und das liege an mangelnder Aufklärung. «Würde die Polizei Videos drehen, in denen sie die Problematik klar aufzeigt, würde das die Jungen sensibilisieren», sagt Steffen. Erst wenn er seinen Schülern klarmache, dass ein solches Foto zu einem Lehrstellenverlust führen könne, verstünden sie das Ausmass ihrer Handlung. Die Eltern müssten ihren Kindern schon so früh wie möglich aufzeigen, dass diese Art von Internetnutzung verantwortungslos sei. Wampfler appelliert auch an die Schulen: «Würden Lehrer vermehrt das Handy auch im Unterricht einsetzen und es nicht einfach aus dem Klassenzimmer verbannen, könnten Kinder schon in jungen Jahren lernen, richtig und vernünftig damit umzugehen.»

Wurden Sie auch schon Opfer von Meschen, die Sie heimlich geknipst haben und das Bild dann online gestellt haben? Erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen: feedback@20minuten.ch

«Du musst ja nicht so einen doofen Pulli anziehen»

Beim Fotografieren und Teilen von Bildern fremder Menschen in peinlichen Situationen handle es sich um eine kollektive Verhaltensweise, die für das Internet typisch sei, sagt Social-Media-Experte Philippe Wampfler: «In sozialen Netzwerken geht es meist um Smalltalk, um Coolsein und um lockere Themen – solche Bilder erfüllen genau diesen Zweck und sind daher sehr beliebt.» Entgegen den Erwartungen seien es aber nicht nur Jugendliche, die solche Bilder schiessen und teilen. «Ich beobachte vermehrt auch Erwachsene, die derartige Fotos machen und veröffentlichen.»

Internet-Experte Marc Steffen, der selbst Seminare zu diesem Thema hält, sagt, die wirklich schlimmen Fotos würden mehrheitlich von Jugendlichen stammen. «Es gibt beispielsweise auf Facebook eine Seite, die nur Fotos von komplett betrunkenen und ohnmächtigen Menschen zeigt.» Dennoch unterstellt er den Jungen keine Böswilligkeit. Vor allem Teenager würden die Reichweite des Internets nach wie vor unterschätzen. Und: Viele würden einfach nicht verstehen, wo das Problem liege. «Wenn man sie darauf anspricht, sagen sie: ‹Du bist selbst schuld, du musst ja nicht im Zug einschlafen oder so einen doofen Pulli anziehen›.»

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