Aktualisiert 31.01.2011 11:22

«DGST»

Schweizer Susan Boyle räumt ab

Es wurde gesungen, geturnt, die Kettensäge gewetzt – gar die Jury-Kompetenz in Frage gestellt. Doch am wichtigsten: Maya, eine 49-jährige Buschauffeuse, wird «DGST» gewinnen.

von
Oliver Baroni

Es gab Boogie-tanzende Kinder, einen unlustigen Ostschweizer, hektische Bodenturner und Sänger und Sängerinnen noch und nöcher. Doch bereits nach der Ausstrahlung der ersten Casting-Runde der neuen Talentshow des Schweizer Fernsehens SF ist klar: Die Schweiz hat ihre eigene Susan Boyle. Doch erst mal von vorne…

Die Moderatoren Andrea Jansen und Sven Epiney stehen pflichtkonform vor einem Alpenpanorama mit beschneiten Berggipfeln und sagen die neue grosse Schweizer Unterhaltungskiste an. Der Titel ist Programm: Hier wird Helvetia gefeiert! Dabei ist das Showformat britisch und das Produktionsteam deutsch , was durchaus begrüssenswert ist. So sieht man der Sendung das internationale Format gleich von den ersten Bildern an an: Nach allen Regeln der Kunst wird Glamour und Superstarruhm vorgegaukelt (obwohl ab und an erkennbar ist, dass der Fan-Pulk bei der Ankunft des Jurorentrios gar nicht so riesig ist). Der Kameraschwenk über das jubelnde Publikum im Zürcher Theater 11 macht Lust auf mehr.

Argentinien weint, der Boogie rockt

Die Show ist ein Zusammenschnitt der Aufzeichnungen der Casting-Vorrunden, die im letzten Dezember stattgefunden haben. Die besten, schlechtesten - auf jeden Fall die unterhaltsamsten – Kandidatinnen werden dem TV-Zuschauer in appetitanregenden Häppchen serviert. Nach der Vorstellung des Jurorentrios um DJ Bobo, Christa Rigozzi und Roman Kilchsperger geht es gleich los mit der ersten Kandidatin.

Die erste Kandidatin ist eine 55-jährige Hausfrau, die sich an «Don't Cry for Me Argentina» wagt - und scheitert. Ein wenig beflügelnder Anfang. Doch Abhilfe kommt in Form der Pflichtkategorie 'putzige Kinder'. Jan und Giannina – beide 11 – werden von Christa gefragt: «Seid ihr ein Liebespaar?» «Nein!», so die entsetzte Antwort von Jan. Die beiden tanzen in der Folge einen Boogie komplett mit Anmachgesten gen Christa. Das Publikum tobt vor Begeisterung.

Solide Motorsägen und herzerweichende Schicksale

Mit der Coiffeuse Allison aus Schaffhausen kommt die erste obligate Uuuuuuuuh-Uuh-Oooooo-Yaaaayy-Soulsängerin. Sehr solid, ihre Leistung, sehr solid auch der Zuspruch des Publikums und der Jury. Ebenfalls solid ist die Leistung des ersten Vertreters der Abteilung «urchig». Der Motorsägenkünstler aus dem Emmental macht sich zu den Punkrock-Klängen von Billy Talent an einem Baumstamm zu schaffen. Innert Windeseile hat er einen lebensgrossen Steinbock geschnitzt.

Bei «Britain's Got Talent» und seinen internationalen Ablegern (zu denen «DGST» auch gehört) geht es aber nicht nur um reines Talent. Herzerweichende Schicksale sind hier gefragt. Letzteres bedient die elfjährige Shania, die ihren gehörlosen Eltern einen selbstgeschriebenen Song widmet. Angesichts eines solchen Vorschlaghammers an Rührpotential bekunden die Juroren Mühe, der Kleinen zu bedeuten, dass der Song und die Darbietung leider etwas mickrig geraten sind. Zum Glück kann man Kinder auf nächstes Jahr vertrösten! Danke, Shania, bis zur nächsten Staffel!

Nach Lucio, dem Heizungsmotor, der komplett daran scheitert, Luftblasen mit seiner Spucke zu machen, ist es Zeit für einen weiteren Fixpunkt von Talentshows: Der inbrünstige Opernsänger. Seit Handyverkäufer Paul Potts in der ersten Staffel von «Britain's Got Talent» abräumte, sucht jedes Land sein entsprechendes Pendant. Alessandro aus dem Tessin gibt der Rolle aber einen zusätzlichen, reichlich schrägen Dreh. Nach ein paar Strophen Arie reisst er sich die Hosen vom Leib und legt eine Luftgitarrenperformance zu Heavy-Metal-Musik hin. «Deine Unterhosen haben mich abgelenkt», so die sichtlich verwirrte Christa. Doch letztendlich begeistert Alessandro Jury wie Publikum gleichermassen.

Jury-Kompetenz in Frage gestellt

Mit Clarissa aus Rumänien fängt die Sendung so richtig an, Spass zu machen. Ihre Voraussetzung birgt einiges an Zündstoff. So vertritt die selbsternannte «Opernsängerin und Philosophin» die Meinung, dass echte, richtige Profi-Sänger so gut wie nie live singen würden. Dementsprechend trägt sie ihre Songs Playback vor. Der anschliessenden Aufforderung DJ Bobos, das Ganze nun doch bitte trotzdem live vorzutragen, kommt Clarissa nach und siehe da: Sie singt ganz ordentlich. Doch sie hat die Sympathie des Publikums längst verspielt. Unter Buhrufen muss sie aufhören.

So richtig unterhaltsam wird es, als Clarissa die Kompetenz der Jury in Frage stellt. Nicht gänzlich zu Unrecht fragt sie, was denn ein Konditor-Lehrling, eine ehemalige Miss und ein Sportjournalist von Gesang verstehen würden.

Weiter gehts mit einer hektischen Bodenturntruppe, die zu etwas, das sich verdächtig nach DJ Bobo anhört, hüpft und springt, was das Zeug hält. Das Publikum ist begeistert. DJ Bobo selbst weniger. Doch zweimal ein Ja von den anderen Juroren reicht, um weiterzukommen.

Der Geist von Gunvor

Und wieder ist es ein persönliches Schicksal, das die Talentshow beflügeln soll. Sandra aus Rheinfelden war 1998 Backgroundsängerin für Gunvor. Ja, genau: Die Nullpunktblamage bei der Eurovision. Dieses Erlebnis hatte der Performerin so zu schaffen gemacht, dass sie drauf und dran war, das Singen ein für alle Mal zu vergessen. Doch Sandra raffte sich auf und tritt nun an, den Schaden wieder zu beheben. Wenn das keine Comeback-Story erster Güte ist!

Das Publikum liebt ihren Auftritt. Dabei ist Sandra bestenfalls gehobenes Mittelmass: Eine typische Schweizer-Jazzschule-Stimme, eben, technisch ganz okay, aber stilistisch grauenhaft. «I've got a right to be wrong, I might be singing out of key», heisst es im Song. Doch angesichts ihrer Vorgeschichte und ihrer herzzerreissend mitfiebernden Tochter am Bühnenrand geht die fehlende Brillanz vergessen. Wieder ist es DJ Bobo, der als Einziger es wagt, Klartext zu reden: «Du bist gut, du hast Personality ... Ich bin mir aber nicht sicher, ob es reicht.»

Bobo rules!

Ohnehin ist es DJ Bobo, der als Juror die beste Figur abgibt. Vielen mag es absurd erscheinen, doch der Musiker, der für einige der schlimmsten Songs aller Zeiten verantwortlich ist, liefert bei «DGST» stets fundierte und relevante Kritik. Während Kilchspergers Sprüche bei aller Jovialität öfters einen despektierlichen Unterton haben («Dass du dich trotz deiner anatomischen Voraussetzungen so bewegen kannst!»), bleibt Bobo respektvoll. Erfüllt Christa ihre Rolle als warmherzige Sauglatt-Tessinerin wunderbar («Herzige Schatzeli, du bist so knackige!»), ist es am Ende doch der Aargauer Konditor, der die professionelle Sicht der Dinge wahrt.

Der 14-jährige Schgelkin aus Zürich, will allen Voraussetzungen zum Trotz als Tänzer reüssieren und wackelt erstaunlich selbstbewusst zu den Klängen von Lady Gaga mit dem Allerwertesten. «Ganz ein feiner Typ», so das Juryverdikt, doch leider nein. Letzteres muss Daniel Iskandar aus Glattfelden via Indonesien auch zu hören bekommen, hat er doch keinen, aber nun wirklich keinen Ton getroffen.

Muskulöser Schlangentanz und schwuler Gesang

«Seid ihr auch ein Liebespaar?» Zum zweiten Mal stellt Christa die Frage. Diesmal ist sie an die durchtrainierten Hünen Rauf und Oli aus Zürich gerichtet, die eine umwerfende Performance zwischen Ausdruckstanz und Akrobatik hinlegen. Problemlos kommen die Schlangentänzer weiter - anders als der St. Galler Gilbert Rene, der mit der wohl unlustigsten Bauchredner-Nummer der Welt keine, nicht einmal unfreiwillige, Lacher auf seiner Seite hatte.

«Schwulsein ist kein Talent, darum bin ich wegen der Musik da», so Mr. Gay Dominic Hunziker. Sichtbar und hörbar nervös trägt er am Klavier «Hemmigslos liebe» vor. Von der mittelprächtigen Leistung ist einzig Bobo unbeeindruckt. Die restliche Juroren und das Publikum lieben Dominics Charme und lassen ihn weiterhoffen.

Danach geht es Schlag auf Schlag: Jasmin und Remo (ja Christa, die sind tatsächlich ein Liebespaar!) singen «Heaven» von Gotthard. Fürs SF ist es eine willkommene Gelegenheit, an den Tod von Steve Lee zu erinnern. Für Bobo ist es zu viel. Aus der Abteilung Alternativkultur folgen dann die Pädagogen Martin und «Hanna» Wildi, die mit einer merkwürdigen Leuchtseil-Performance Publikum wie Jury so sehr verwirren, dass sie zur nächsten Runde durchgewunken werden.

Maya macht alle platt

Und dann kommt sie: Der Act, den die Regie bewusst bis zum Schluss gespart hat. Spannend war die Frage, wie die Schweizer Susanne Boyle aussieht. Seit dem 29. Januar wissen wir es. Maya Wirz, 49-jährige Buschauffeuse aus dem Baselland, ist ein Talentshow-Jackpot. Ihrem Aussehen und Auftreten nach zu urteilen, würde niemand von ihr Grosses erwarten. Doch die Stimme, die nach wenigen Sekunden ertönt, macht alle platt. Nach ihrer Darbietung von «O mio babbino caro» aus der Oper «Gianni Schicchi» von Giacomo Puccini erntet sie stehende Ovationen. Und eine Verneigung von Roman Kilchsperger. «Läck mi am Arsch, dass es so was in der Schweiz gibt!», entfährt es Bobo. Wir wagen die Prognose. Maya ist das grösste Schweizer Talent.

«Die grössten Schweizer Talente»

Ausstrahlung der Castings

Samstag, 29. Januar 2011

Samstag, 5. Februar 2011

Samstag, 12. Februar 2011

Samstag, 19. Februar 2011

Live-Shows aus der Bodensee-Arena, Kreuzlingen

Sonntag, 27. Februar 2011

Sonntag, 6. März 2011

Sonntag, 13. März 2011

Sonntag, 20. März 2011

Jeweils um 20.10 Uhr auf SF 1

Superquote

Die erste Folge von «Die grössten Schweizer Talente» war gleich ein Riesenerfolg: 38 Prozent Martanteil hatte die Show im Schnitt. Zur Spitzenzeit schalteten gar 780 000 Zuschauer ein, was einem Marktanteil von satten 42 Prozent entspricht. Zum Vergleich: «Kampf der Chöre» erreichte nie mehr als 33,8 Prozent Marktanteil. «Wir sind happy», so Martin Reichlin vom Schweizer Radio und Fernsehen. Nun sei man gespannt, wie sich das Zuschauerinteresse über die ganzen acht Folgen von «DGST» hinweg entwickeln werde.

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