Schweizer Tsunami-Zeuge: «Das Meer kommt!»
Aktualisiert

Schweizer Tsunami-Zeuge: «Das Meer kommt!»

Eigentlich wollte Martin Heff in Pangandaran mit seiner indonesischen Verlobten Julia Urlaubn auf Java machen. Stattdessen wurde er Augenzeuge des Tsunamis. Heff berichtet von entsetzlichen Szenen.

Der 26-jährige Schweizer hatte sich darauf gefreut, in dem beliebten Ferienort an der Südküste der Insel Java die Sonne zu geniessen und zu surfen. Aber es kam anders.

Stunden, nachdem die Flutwellen den Strand von Pangandaran trafen, sind die beiden froh, mit dem Leben davongekommen zu sein. Martin und Julia konnten nur ihre Portmonnaies und die Kleidung an ihrem Leib retten. Zusammen mit mehr als 100 weiteren Überlebenden des Tsunamis erholen sie sich nun in einer zweistöckigen Moschee von der Katastrophe.

«Das Meer kommt»

«Ich danke Gott, dass er mich und meinen Verlobten vorgewarnt hat. Am Montag sind wir zum ersten Mal tagsüber im Hotel geblieben», berichtet die 36-jährige Julia mit einem erleichterten Seufzer. Doch auch im ersten Stock ihres Hotels waren sie nicht sicher vor dem Tsunami.

Martin erinnert sich, wie ein Hotelangestellter schrie: «Da ist eine Welle, da ist eine Welle! Das Meer kommt!» Er und seine Verlobte rannten in den zweiten Stock. Als die Wellen in den ersten Stock schlugen, durchstiessen die beiden die Zimmerdecke und retteten sich zusammen mit drei Hotelangestellten aufs Dach.

Viele Vermisste, volle Spitäler

Die gesamte Vorderfront des Hotels wurde zerstört. Der Schweizer und seine Verlobte gehören zu den Glücklicheren der jüngsten indonesischen Tsunami-Katastrophe. Hunderte Menschen starben, nachdem ein starkes Seebeben am Montag die meterhohen Flutwellen ausgelöst hatte, viele werden noch vermisst.

Menschen sind auf der verzweifelten Suche nach ihren Angehörigen. Die Spitäler der Region sind voll mit Verletzten. Mindestens 90 von ihnen werden im Spitäler im Stadtteil Banjar behandelt, ein Chirurgenteam aus dem benachbarten Yogyakarta soll die Ärzte unterstützen.

Budi Harjo, der medizinische Koordinator des Spitals, erwartet noch weitere Verletzte - doch das Haus ist voll. Viele Patienten liegen nur auf Matratzen auf dem Boden», berichtet er. Auch das kleinere Spital in Pangandaran braucht dringend Matratzen, Holzschienen, Trageschlaufen, aber auch Leichensäcke.

Dort kümmern sich die Ärzte um 48 Verletzte. Unter ihnen ist auch der 27-jährige Fischer Radian bin Sukini, dessen Kleidung immer noch durchnässt ist. Er und ein Freund wurden durch die Flutwelle aus ihrem Boot geworfen und erst lange danach gerettet.

Geisterstadt

Draussen zeigt sich das Ausmass der Zerstörung. Der auch bei Einheimischen beliebte Ferienort Pangandaran, der einen der schönsten Strände von Java hatte, ist jetzt eine Geisterstadt, durchzogen vom Gestank des Todes.

Am Strand und auf den benachbarten Strassen liegen Betontrümmer und Holzbretter, die einmal Essensstände waren. Überall sind Wasserlachen. Die Flutwelle hat Boote an Land geworfen und Häuser und Hotels zerstört.

Die Menschen waren auch auf den jüngsten Tsunami in Indonesien nicht vorbereitet. Nach wie vor gibt es dort kein funktionierendes Frühwarnsystem für Seebeben, die die tödlichen Flutwellen auslösen.

Julia sagt, sie habe mit ihrem Verlobten erst kürzlich darüber diskutiert, was sie bei einem Tsunami tun würden. «Wir sagten das immer und immer wieder im Scherz. Ich glaube, jetzt werden wir nie wieder Witze darüber machen.» (sda)

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