Keine Lust auf Masken: Schweizer umgehen Maskenpflicht mit Arztzeugnissen
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Keine Lust auf MaskenSchweizer umgehen Maskenpflicht mit Arztzeugnissen

Ärzte erhalten vermehrt Anfragen für eine Dispens von der Maskenpflicht im ÖV. Die Anfragen sind nur teilweise begründet.

von
Anja Zobrist
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Es sei in Mode gekommen, ein Arztzeugnis zu verlangen, um in den öffentlichen Verkehrsmitteln keine Maske tragen zu müssen, sagt Markus Battaglia, Co-Geschäftsleiter der Praxis Bubenberg in Bern.

Es sei in Mode gekommen, ein Arztzeugnis zu verlangen, um in den öffentlichen Verkehrsmitteln keine Maske tragen zu müssen, sagt Markus Battaglia, Co-Geschäftsleiter der Praxis Bubenberg in Bern.

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«Wir weisen die Personen mit einem Zeugnis darauf hin, umso besser darauf zu achten, den nötigen Sicherheitsabstand zu halten und die Hygienemassnahmen strikt durchzuführen», sagt der Arzt für Allgemeinmedizin, Abu Awad.

«Wir weisen die Personen mit einem Zeugnis darauf hin, umso besser darauf zu achten, den nötigen Sicherheitsabstand zu halten und die Hygienemassnahmen strikt durchzuführen», sagt der Arzt für Allgemeinmedizin, Abu Awad.

keystone-sda.ch
 Personen, die aus medizinischen Gründen keine Maske tragen dürfen, von der Maskenpflicht ausgeschlossen.

Personen, die aus medizinischen Gründen keine Maske tragen dürfen, von der Maskenpflicht ausgeschlossen.

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Darum gehts

  • Wer ein medizinisches Problem hat, kann sich von der Maskenpflicht entbinden lassen.
  • Ärzte erhalten vermehrt entsprechende Anfragen. Nicht immer ist der Wunsch begründet.
  • Corona-skeptische Ärzte vergeben die Zeugnisse aber «grosszügig».

«Es ist gerade in Mode gekommen, ein Arztzeugnis zu verlangen, um in den öffentlichen Verkehrsmitteln keine Maske tragen zu müssen», sagt Markus Battaglia, Co-Geschäftsleiter der Praxis Bubenberg in Bern. Seit am vergangenen Montag die Maskenpflicht eingeführt wurde, habe er mehrere Attest-Anfragen erhalten, vor allem von jüngeren Patienten. Ähnliches hat Battaglia von Kollegen gehört.

Nicht alle hätten ein medizinisches Problem: «Die Anfragen deuten aber oft auf eine Bequemlichkeit der Patienten hin», sagt er. Mehr als einmal habe er gehört, dass eine Unverträglichkeit vorliege und man deshalb ein Arztzeugnis brauche. Für den Arzt eine Ausrede: «Man kann ja einen Gesichtsschutz aus Plexiglas kaufen.» Für viele sei dies aber wohl zu aufwendig oder unmodisch, so Battaglia weiter. Er habe sich mehrmals geweigert, ein Attest auszustellen. Eine häufige Antwort der Patienten: «Dann suche ich mir einen neuen Arzt.»

Leute mit Zeugnis sollen Abstand halten

Auch Awad Abu Awad, Arzt für Allgemeinmedizin im Zürcher Seefeld, hat in der letzten Woche mehrere Dispens-Anfragen erhalten – und einige davon erteilt. «Wenn ein medizinischer Grund vorliegt, ist es berechtigt, keine Maske zu tragen.» Vor allem ältere Menschen, die an einer Lungenkrankheit wie COPD oder Asthma leiden, haben den Arzt kontaktiert. «Da sie bereits unter Atembeschwerden leiden, bekommen sie durch die Maske noch weniger Luft. Und dies könne dazu führen, dass sich die Beschwerden weiter verschlechterten. Manche geraten in Panik oder bekommen Angstattacken.»

«Wir weisen die Personen mit einem Zeugnis darauf hin, umso besser darauf zu achten, den nötigen Sicherheitsabstand zu halten und die Hygienemassnahmen strikt durchzuführen», sagt Abu Awad.

Ärzte-Initiative vergibt Atteste ohne Untersuchung

Wer an einen Arzt gerät, der Corona für nicht gefährlicher als eine Grippe hält, hat offenbar gute Chancen, ein Zeugnis zu erhalten, selbst wenn er keine medizinischen Gründe geltend machen kann. So sprachen sich die «Ärzte für Aufklärung» im Internet für ein «grosszügiges» Ausstellen von Attesten gegen die Maskenpflicht aus. Mit der Corona-skeptischen Initiative sympathisieren 2000 Personen. Auch Ärzte aus der Schweiz stehen auf der Liste. Gut vertreten sind auch Psychotherapeuten und Alternativmediziner.

In einer verdeckten Recherche der ARD-Sendung «Reporter Mainz» haben die Journalisten die Ärzte nach einem Attest gebeten und als Grund die persönliche Ablehnung der Maske genannt. Das Resultat: Bei jedem Arzt, den die Reporter persönlich besuchten, wurde ihnen ein Attest ausgestellt. Und dies, ohne dass eine medizinische Untersuchung stattfand. Für 20 Minuten war keiner der auf der Liste aufgeführten Schweizer Ärzte telefonisch erreichbar.

SBB rät, Attest mitzunehmen

Postauto empfiehlt den Passagieren, ein Attest auf sich zu tragen, falls sie aus medizinischen Gründen keine Maske anziehen können. «Hat man ein Attest dabei, kann man unangenehme Situationen in den Verkehrsmitteln vermeiden», sagt Mediensprecherin Valérie Gerl. Eine Pflicht dazu gebe es aber nicht. Gleich hält es die SBB, auch sie empfiehlt den Reisenden, ein Arztzeugnis auf sich zu tragen.

Gefälligkeitszeugnisse sind strafbar

Der Berner Arzt Battaglia appelliert an seine Kollegen, «restriktiv mit Arztzeugnissen umzugehen». Er habe darauf geachtet, solche Dispensen nur an Patienten auszuhändigen, die er bereits lange kenne und über deren körperliches Wohlbefinden er informiert sei.

Laut dem auf Medizinrecht spezialisierten Zürcher Rechtsanwalt Philipp Skarupinski kann ein Arzt nach Artikel 318 des Strafgesetzes Ärger bekommen, wenn er ein sogenanntes strafbares Gefälligkeitszeugnis ausstellt. Allerdings gebe es dabei immer auch eine subjektive Komponente: «Wenn der Patient dem Arzt zu verstehen gibt, dass medizinische Gründe es ihm unmöglich machen, eine Atemschutzmaske anzuziehen, ist Bezugspunkt für die Wahrheit nicht objektiv die Gesundheit oder Krankheit des Patienten, sondern subjektiv die Beurteilung des Arztes.»

In diesen Fällen gibts eine Ausnahme

Laut dem BAG sind Kinder bis zum Alter von zwölf Jahren und Personen, die aus medizinischen Gründen keine Maske tragen dürfen, von der Maskenpflicht ausgeschlossen. Einige Beispiele, bei welchen Erkrankungen oder Behinderungen ein Arztzeugnis ausgestellt werden kann:

  • An Personen, die wegen motorischer Einschränkungen die Maske nicht selbstständig an- oder abziehen können
  • Bei Menschen, die an akuten Krampfanfällen wie Epilepsie leiden
  • Bei Personen, die an Atemwegserkrankungen leiden
  • An Menschen, die eine Hörbehinderung haben und für die Kommunikation auf das Lippenlesen des Gegenübers angewiesen sind
  • Bei Menschen mit psychischen oder körperlichen Behinderungen verschiedener Art

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