Aktualisiert 16.08.2012 03:56

Krankheiten eindämmenSchweizer WC gewinnt Bill-Gates-Preis

Bill Gates hat ein revolutionäres Toiletten-System aus der Schweiz prämiert. Ganz ohne Abfluss könnte es Millionen Menschen für wenig Geld zu mehr Hygiene verhelfen.

Weltweit haben rund 2,6 Milliarden Menschen heute noch keinen Zugang zu einer Toilette. Einen Beitrag zur Behebung dieses Missstandes könnte in ein paar Jahren eine an der Eawag in Dübendorf entwickelte Toilette leisten, die ohne Kanalisation und Fremdenergie auskommt.

Das von einem Team der Wasserforschungsanstalt des ETH-Bereichs Eawag und des Designbüros EOOS aus Wien entwickelte Modell «diversion» wurde im «Reinvent the Toilet Challenge» mit einem Anerkennungspreis und 40 000 US-Dollar ausgezeichnet, wie die Eawag am Mittwoch mitteilte. Am Wettbewerb der Bill and Melinda Gates Foundation hatten sich 22 Universitäten und Forschungsanstalten beteiligt.

Aufgabe war, ein Klo der Zukunft zu entwickeln. Dieses sollte ohne Kanalisation und Fremdenergie auskommen, in Stoffkreisläufe eingebaut sein und nicht mehr als fünf Rappen pro Tag und Person kosten.

Die Projektleitung für den Schweizer Beitrag lag in den Händen der Verfahrensingenieurin Tove Larsen, die sich seit Jahren am Wasserforschungsinstitut Eawag mit der Separierung von Urin und Fäkalien befasst. Laut Larsen erlaubt nur eine Trenntechnologie eine effiziente Rückgewinnung der wertvollen Rohstoffe aus Urin und Fäkalien und eine einfache Wiedergewinnung von Wasser.

Die Ingenieurin und ihr Team setzten sich zum Ziel, eine Toilette zu entwickeln und zu designen, die in allen Kulturkreisen und von allen Benutzerinnen und Benutzern akzeptiert wird. Herausgekommen sei ein modernes Steh-Klo, heisst es in der Mitteilung der Eawag.

Brauchwasser wird gereinigt

Das Besondere daran sei nicht nur die separate Ableitung des Urins und ein raffinierter Geruchsverschluss. Das Modell «diversion» brauche nur ein bis anderthalb Liter Wasser pro Toilettenbenutzung. Diese Menge sei «absolut entscheidend» für die Reinigung des Klos, das Händewaschen und die von Muslimen und Hindus praktizierte Analhygiene mit Wasser.

Einen Wasseranschluss braucht die Toilette trotzdem nicht: Wird mit einem Fusspedal Wasser in das kleine Wasserreservoir gepumpt, wird gleichzeitig verbrauchtes Wasser hochgepumpt, das über einen Membranfilter gereinigt wird. Eine solarbetriebene Elektrode sorgt zudem via Elektrolyse dafür, dass das Brauchwasser frei ist von Krankheitskeimen.

Für Tove Larsen ist nicht nur die neue Technologie entscheidend. Wichtig sei auch, dass die Toilette der Zukunft eingebettet sei in ein ganzes Sanitärsystem. Deshalb sei auch eine Transportlogistik entwickelt worden, die an die Verhältnisse in Hüttensiedlungen der Entwicklungsländer angepasst ist.

Video der Bill and Melinda Gates Foundation, das die Notwendigkeit einer «Toiletten-Revolution» veranschaulicht. (Video: gatesfoundation.org)

Ein Geschäft machen mit dem Geschäft

Ein modulares System von selbst schliessenden Fäkaliencontainern und Urinfässern mit Fahrzeugen soll die Sammeltour effizient und hygienisch machen. In zentralen Behandlungsanlagen sollen dann Urin und Fäkalien kontrolliert und zu verkäuflichen Produkten wie etwa Dünger oder Biogas verarbeitet werden können.

Bis jetzt wurde aber nur nachgewiesen, dass das System funktionieren kann. Bis Ende 2013 sollen echte Prototypen der Toilette gebaut und getestet werden. Die Finanzierung ist allerdings noch nicht gesichert. Noch dürfte es Jahre dauern, bis die «diversion»-Toilette, die Sammelfahrzeuge und die Verarbeitungsanlagen in grossen Stückzahlen im Einsatz stehen.

Eine Mini-Doku zeigt die sanitäre Situation der Menschen in einem der Slums von Kampala, der Hauptstadt Ugandas. 2,6 Milliarden Menschen weltweit teilen ihr Los. (Video: YouTube/RUWASS-GIZ; ETH, Makerere University and Eawag/Greatlakesfilm) (sda)

Bill Gates investiert in das WC für die Ärmsten

Gründer Bill Gates ist eine Toilette. Der 56-Jährige, der seine Milliarden seit dem Rückzug beim Software-Konzern für die Bekämpfung von Krankheiten und Armut einsetzt, gab die Sieger eines Wettbewerbs zur Neuerfindung der weissen Porzellanschüssel bekannt (siehe Infografik).

Der erste Preis ging an eine mit Solarzellen betriebene Toilette, die auch Wasserstoff und Strom produzieren kann. Sie wurde von kalifornischen Forschern entwickelt.

Gates betonte in einem Blogeintrag, es gehe um ein extrem dringliches Problem. Mit Fäkalien verschmutztes Wasser löse Durchfall-Erkrankungen aus, denen jedes Jahr 1,5 Millionen Kinder zum Opfer fielen.

Weltweit hätten 2,6 Milliarden Menschen keinen Zugang zu Toiletten. Der Microsoft-Gründer hatte einen grossen Teil seines Milliardenvermögens in die Bill- und Melinda-Gates-Stiftung eingebracht.

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