Nach Obamas Wahl: Schweizer Wirtschaft befürchtet Druck aufs Bankgeheimnis
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Nach Obamas WahlSchweizer Wirtschaft befürchtet Druck aufs Bankgeheimnis

Wirtschaftsvertreter sehen mit der Wahl von Barack Obama zum US-Präsidenten sowohl Chancen wie auch Risiken in den Beziehungen der Schweiz mit den USA.

Sie hoffen auf einen verstärkten bilateralen Dialog. Sie befürchten aber auch einen stärkeren Druck auf das Bankgeheimnis. Die Schweizer Börse reagierte verhalten. Für die Schweizer Wirtschaft ist es laut Thomas Pletscher, Geschäftsleitungsmitglied des Wirtschaftsdachverbands economiesuisse, von zentraler Bedeutung, dass der bilaterale Dialog mit den USA als wichtigster Wirtschafts- und Investitionspartner hinter der EU ausgebaut wird.

Diese Anstrengungen seien umso wichtiger, als die Chance eines Freihandelsabkommens mit den USA verpasst worden sei. Der Dialog werde aber angesichts des Finanzbedarfs der USA wohl härter. Daran hätte sich allerdings auch bei einer Präsidentschaft unter dem Republikaner John McCain nichts geändert, sagte Pletscher. Immerhin geht er davon aus, dass die Wahl Obamas zusammen mit den klaren Mehrheitsverhältnissen der Demokraten im Kongress zu kohärentem Handeln führen dürfte, was sich letztlich eher stabilisierend auch in der Finanzmarktkrise auswirke.

Bankiers hoffen auf weiterhin gute Beziehungen

Die Bankiervereinigung hofft auf die Fortsetzung des bisherigen pragmatischen Dialogs. «Wir hatten in den letzten 16 Jahren unter Clinton und Bush immer sehr gute Beziehungen», sagte ein Sprecher der Bankiervereinigung. Für bestehende Probleme seien immer pragmatisch Lösungen gesucht worden. Es sei aber denkbar, dass nun wieder dass mit der neuen US-Präsidentschaft das Bankkundengeheimnis stärker in den Fokus gerückt werde.

Einen verstärkten Druck auf das Bankgeheimnis erwartet auch Martin Naville, Chef der Schweizerisch-Amerikanischen Handelskammer. «Die klassischen Steueroasen werden stark leiden. Die Schweiz gehört zwar nicht dazu, läuft aber Gefahr, wegen des Bankgeheimnisses in den gleichen Topf geworfen zu werden.»

Pharma vor Veränderungen

Naville wies zudem darauf hin, dass Schweizer Firmen in den USA zum Teil neue Spielregeln zu gewärtigen hätten. Dies dürfte laut einem Analysten der Bank Vontobel etwa für die Pharmagiganten Novartis und Roche gelten. Die neue US-Regierung werde versuchen, Parallelimporte zu ermöglichen, rechtswidrige Einigungen zwischen Herstellern von Generika und Markenpräparaten zu verhindern und Medicare die Aushandlung günstigerer Medikamentenpreise zu gestatten.

Mehr Regulierung für Banken und Luxusgüterindustrie

Neben dem Pharmabereich dürften in der Einschätzung der Zürcher Kantonalbank auch Banken und die Luxusgüterindustrie regulatorisch stärker gefordert werden. Auftrieb könnten aufgrund von Obamas Wahlprogramm insbesondere Unternehmen aus dem Bereich alternative Energien erhalten. Mögliche Gewinner in der Schweiz wären Komax, Meyer Burger, OC Oerlikon, Gurit und Bucher. Geplante Investitionen in die Infrastruktur spreche tendenziell für Bauwerte und infrastrukturnahe Unternehmen, also etwa für Holcim oder ABB.

Keine Obama-Euphorie an europäischen Börsen

Anders als in Asien blieb an den europäischen Börsen eine Obama-Euphorie vorerst aus. Nach dem klaren Wahlsieg der Demokraten in den USA starteten die Aktienmärkte mit teils deutlichen Verlusten. Der Swiss Market Index notierte am Nachmittag gut 2,4 Prozent tiefer. Der Deutsche Aktienindex verlor fast 1,5 Prozent und der CAC 40 gut 2,1 Prozent.

Der Chef der Handelskammer Schweiz - USA warnte Europa vor zu grossen Erwartungen. Obama sei zum amerikanischen Präsidenten gewählt worden, nicht zum Guttäter der Welt, sagte Naville. Zwar werde der Ton anders sein - nach wie vor gelte aber «America first». (dapd)

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