Aktualisiert 06.04.2020 05:11

Lockdown

Schweizer Wirtschaft droht zweiter Einbruch

Politiker und Wirtschaftsverbände fordern ein Ende des Lockdowns. Schon jetzt sind die Folgen dramatisch. Doch selbst nach einer schnellen Lockerung ist die Schweiz von anderen Ländern abhängig.

von
F. Pöschl
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Geschlossen: Die Wirtschaftsverbände fordern vom Bundesrat Szenarien für eine schrittweise Öffnung der Wirtschaft.

Geschlossen: Die Wirtschaftsverbände fordern vom Bundesrat Szenarien für eine schrittweise Öffnung der Wirtschaft.

Keystone/Peter Klaunzer
Viele kleinere Geschäfte in der Schweiz fürchten um ihre Existenz.

Viele kleinere Geschäfte in der Schweiz fürchten um ihre Existenz.

Keystone/Alexandra wey
Durch die Corona-Krise geraten sie in finanzielle Not.

Durch die Corona-Krise geraten sie in finanzielle Not.

Keystone/Alessandro Della Valle

Mitten in der Coronakrise werden Rufe unter Politikern und Wirtschaftsverbänden nach einem Ende des Lockdowns lauter. Die Präsidenten des Arbeitgeberverbands, des Industrieverbands Swissmem und des Gewerkschaftsbundes fordern vom Bundesrat Pläne zur Wiederbelebung der Wirtschaft. «Der Bundesrat muss jetzt eine Strategie entwickeln, bei der auch die wirtschaftlichen und die gesellschaftlichen Risiken eine Rolle spielen», sagte Pierre-Yves Maillard, Präsident des Gewerkschaftsbundes.

FDP-Präsidentin Petra Gössi rief den Bundesrat auf, alle Geschäfte wieder zu öffnen, die die Sicherheitsmassnahmen des Bundesamts für Gesundheit einhalten können. Auch die Volksschulen insbesondere auf der Unter- und Mittelstufe sollen gemäss Gössi nach den Frühlingsferien ihren Betrieb wieder aufnehmen.

Pleitewelle bleibt aus, Arbeitslosenquote steigt

Wenn sich die Schweizer Wirtschaft durch die Lockerungen wieder bis Sommer normalisiert, erwartet Martin Eichler nach dem Einbruch eine zügige Erholung: «Ich rechne, auch dank der umfangreichen Massnahmen, nicht damit, dass es eine grosse Pleitewelle geben wird», sagt der Chefökonom des unabhängigen Wirtschaftsforschungsinstituts BAK Economics zu 20 Minuten.

Doch schon jetzt sind die Folgen des Lockdowns für den Arbeitsmarkt dramatisch. In den vergangenen zwei Wochen wurden pro Tag etwa 2000 neue Arbeitslose registriert - trotz der Rettungspakete der Regierung und obwohl mittlerweile fast jeder vierte Erwerbstätige von Kurzarbeit betroffen ist.

Mitte März war die Konjunkturforschungsstelle (KOF) in ihrem Negativszenario noch relativ optimistisch. Damals rechnete sie mit einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen nach ILO-Standard, der alle Stellensuchenden einschliesst, von 4,4 Prozent im Vorjahr auf 5,2 Prozent für das laufende Jahr. Die kommende Neubeurteilung der KOF, die Anfang nächster Woche erscheint, dürfte deutlich negativer ausfallen. Immerhin dürfte die Arbeitslosenquote im Verlauf des nächsten Jahres nach Meinung des Ökonomen wieder auf fast dasselbe Niveau wie vor der Krise fallen.

In den USA drohen historische Ausmasse

Selbst wenn es der Schweiz gelingt, die Krise bis zum Sommer zu lösen, könnte das Land stark von einer Art Zweitrundeneffekt betroffen sein. Wenn andere Länder die Krise weniger gut meistern, wäre die Schweizer Exportindustrie durch einen internationalen Nachfrageausfall betroffen.

«Gerade die USA machen diesbezüglich derzeit grosse Sorgen», sagt Eichler. Das Washingtoner Thinktank Economic Policy Institute prognostiziert einen Anstieg der Arbeitslosenzahlen bis Juli um 14 auf 20 Millionen. Die Arbeitslosenquote würde dann rund 13 Prozent betragen. Das letzte Mal war die Quote in den USA während der Grossen Depression der 1930-er Jahre zweistellig.

Bundesrat bremst

Sollte die Krise und damit auch der Lockdown aber länger als bis Sommer dauern, dürften die strukturellen Schäden in der Wirtschaft überproportional höher sein. «Dann gibt es nicht nur wesentlich mehr Arbeitslose, sondern die Arbeitslosigkeit hält auch länger an. Dann braucht es auch deutlich mehr Massnahmen zur Wiederbelebung», sagt Eichler.

Am Mittwoch will sich der Bundesrat ein erstes Mal über die Möglichkeiten eines Exit unterhalten. Gesundheitsminister Alain Berset sieht den Zeitpunkt für einen Exit-Entscheid aber noch nicht gekommen. «Im Moment scheint es illusorisch, dass wir auf den 20. April viel ändern können», sagte Berset in einem Interview mit der «SonntagsZeitung».

«Erst wenn die Zahlen der Infizierten und der Spitaleintritte eindeutig sinken, können wir an Lockerungen denken.» Die Erfahrung zeige, wer zu früh nachlasse, verlängere die Krise. Der Gesundheitsminister will gar noch härtere Massnahmen bis zu einer Ausgangssperre über Ostern nicht ausschliessen, wenn die Disziplin der Bevölkerung nachlasse.

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