Energie – Schweizer wollen kein russisches Gas mehr

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EnergieSchweizer wollen kein russisches Gas mehr

Über zwei Drittel der Schweizerinnen und Schweizer wollen auf russisches Gas verzichten. Doch was würde ein Verzicht bedeuten?

von
Claudia Blumer
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Heizen – Umstellung von Ölheizung auf Wärmepumpe.

Heizen – Umstellung von Ölheizung auf Wärmepumpe.

Madeleine Schoder
Medienkonferenz des Bundesrates vom 13.02.2022 zum Abstimmungssonntag.

Medienkonferenz des Bundesrates vom 13.02.2022 zum Abstimmungssonntag.

20min/Simon Glauser

Darum gehts

Sollte die Schweiz auf Gasimporte aus Russland verzichten? 68 Prozent sind dafür, wie eine Umfrage von 20 Minuten zeigt. 41 Prozent beantworten die Frage mit «Ja», 27 Prozent mit «eher Ja». Eine Minderheit von 27 Prozent findet nicht, dass die Schweiz auf russisches Gas verzichten soll.

Das Thema beschäftigt auch die EU. So traf Energieministerin Simonetta Sommaruga am Freitag in Paris die Minister der Internationalen Energieagentur IEA, die über Energiesicherheit und Reduktion der Abhängigkeit von russischem Gas diskutierten. Auch beim EU-Gipfel in Brüssel drehen sich die Diskussionen um dieses Thema – im Beisein von US-Präsident Joe Biden, der schon vor Wochen entschieden hat, dass die USA künftig diese Rohstoffe nicht mehr aus Russland importieren. Nun ist die EU unter Druck, es den USA gleichzutun.

10 Prozent des Energiebedarfs wären nicht gedeckt

Für die Schweiz gilt: Sie wird allenfalls nachvollziehen, was die EU macht. «Aus praktischen Gründen wäre es schwierig, auf russisches Gas zu verzichten, ohne dass dies zusammen mit der EU geschieht», sagt Patrick Dümmler, Energie-Experte bei Avenir Suisse. «Denn Gas hat keinen Herkunftsnachweis, wenn es aus dem Netz kommt.»

Gas macht 14 Prozent des schweizerischen Energieverbrauchs aus, und die Hälfte des in der Schweiz verbrauchten Gases kommt aus Russland. Also fielen bei einem Importstopp von russischem Gas sieben Prozent der benötigten Energie weg. Wenn man Öl und Kohle aus Russland dazuzähle, seien es wohl gegen zehn Prozent, sagt Patrick Dümmler.

Ein Zehntel der in der Schweiz benötigten Energie fiele weg, wenn die Schweiz auf russische Lieferungen verzichten würde. Bei einem solchen Szenario gibt es laut Dümmler drei Varianten.

Alternative Energiequellen: Die Schweiz sucht wie die EU nach Möglichkeiten, Gas aus anderen Ländern zu importieren. So reiste Energieministerin Simonetta Sommaruga nach Den Haag, um sich mit ihrem Amtskollegen zu besprechen. «Die Niederlande planen jetzt, ihre Kapazitäten für Flüssiggas im Hafen von Rotterdam rasch auszubauen», sagte Sommaruga gegenüber Radio SRF. Der niederländische Energieminister habe Bereitschaft zur Zusammenarbeit mit der Schweiz signalisiert. Auch Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate sind im Gespräch als Gaslieferanten. Der deutsche Energieminister Robert Habeck ist diese Woche nach Katar gereist, wo er mit dem Emir eine Energiepartnerschaft vereinbart hat.

Alternative Energieträger: Sommaruga sagte ebenfalls, dass es jetzt wichtig sei, die erneuerbaren Energien in der Schweiz auszubauen. Laut Patrick Dümmler von Avenir Suisse ist dies im Gange: «Die Solarenergie-Branche klagt über Fachkräftemangel, die Nachfrage ist gross, der Ausbau läuft.» Dies nicht erst seit Ausbruch des Ukraine-Kriegs, sondern schon vorher im Zuge der Klimastrategie der Schweiz, sagt Dümmler. Doch mit dem Krieg und der Drohkulisse, dass die Schweiz dereinst auf Gasimporte auf Russland verzichten müsste, verstärke sich diese Tendenz. «Die Leute montieren eine Solaranlage auf dem Dach oder bauen eine Wärmepumpe ein und entfernen die Erdöl-Heizung aus ihrem Eigenheim.»

«Die Solarenergie-Branche klagt über Fachkräftemangel, der Ausbau läuft.»

Patrick Dümmler, Energie-Experte

Persönlicher Verzicht: Teilweise werde der Verzicht wohl über die Preise gesteuert werden, sagt Dümmler. Wenn die Strompreise, wie von Ökonomen vermutet, um 20 Prozent steigen, was plausibel sei, dann stelle sich Sparsamkeit automatisch ein. «Dabei wird den Leuten auch bewusster, wie sie effizient Energie sparen können. Zum Beispiel verbraucht eine warme Herdplatte während einiger Minuten gleich viel Energie wie eine moderne LED-Lampe, die den ganzen Tag brennt.» Dennoch: «Dass wir in Privathaushalten nicht mehr kochen können oder das Licht nicht mehr angeht, das müssen wir für den nächsten Herbst nicht befürchten – selbst bei einem Ausbleiben von russischem Gas.» Denn zuerst käme wohl ein Notprogramm des Bundes zum Tragen, das grosse Energieverbraucher wie beispielsweise Giessereien zur Reduktion des Verbrauchs verpflichten würde. Auch wäre es denkbar, dass gewisse Produkte nicht oder verzögert geliefert würden, wie beispielsweise Papier, dessen Produktion sehr energieintensiv sei.

Schwieriger als der Verzicht auf Gas aus Russland sei der Umstand, dass die Schweiz ab 2026 Lieferschwierigkeiten mit Strom aus der EU haben werde, weil ab dann die grenzüberschreitende Lieferkapazität auf 70 Prozent reduziert wird, was uns in den Wintermonaten vor Probleme stellen könnte. Dies, sofern sich die Schweiz mit der EU nicht doch noch auf ein Stromabkommen einigen kann.

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