Aktualisiert 27.12.2016 08:38

Soziale MedienSchweizer zelebrieren den Weihnachts-Striptease

An Heiligabend und Weihnachten konnte jedermann zusehen, wie Herr und Frau Schweizer feiern. Knigge-Experten sind entrüstet.

von
B. Zanni
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Dieser junge Mann legte sich als «Rentier» für das Fest auch körperlich richtig ins Zeug.

Dieser junge Mann legte sich als «Rentier» für das Fest auch körperlich richtig ins Zeug.

Screenshot/Instagram
Ob mit oder ohne Katze: Christbäume waren in den sozialen Medien das beliebteste Sujet.

Ob mit oder ohne Katze: Christbäume waren in den sozialen Medien das beliebteste Sujet.

Sreenshot/Instagram
Stolz präsentierten die Schweizer in den sozialen Medien auch das Festmahl.

Stolz präsentierten die Schweizer in den sozialen Medien auch das Festmahl.

Screenshot/Instagram

Ob vor, während oder nach der Bescherung: An Heiligabend und Weihnachten ging in den sozialen Medien die Post ab. Die Schweizer verschickten und posteten Hunderte von Fotos rund um das Fest. Unter dem Hashtag #wiehnachte auf Instagram mit rund 3000 Beiträgen liessen sie die Öffentlichkeit in ihre Stuben mit dem beleuchteten Christbaum und Päckli blicken, zeigten Fotos vom Fondue bis zum Truthahn oder knipsten ihre ausgepackten Geschenke.

Manche Feiernde stellten sich auch mit der Familienbande vor den Baum zur Schau oder verbreiteten Schnappschüsse vom Verzehr des Weihnachtsmahls.

Knigge-Experten stehen die Haare zu Berge. Seit den letzten drei Jahren würden die Menschen keine Zurückhaltung mehr kennen, entrüstet sich Susanne Zumbühl. «Sie geben das Intimste von sich der ganzen Weltöffentlichkeit preis.»

Es sei «schrecklich», dass nun selbst Heiligabend und Weihnachten kein Tabubereich mehr seien. «An solchen Abenden haben Social Media nichts verloren. Das Handy gehört in die Mantel- oder Handtasche versorgt.»

«Menschen teilen alles»

Stilvoll ist laut Zumbühl, sich um die anwesenden Leuten zu kümmern. «Wer stattdessen Fotos postet, sagt seiner Familie: ‹Ihr seid gar nicht wichtig. Andere sind mir wichtiger.›» Es sei auch daneben, Geschenke zu zeigen. «Damit vermittelt man: ‹Schaut her, was ich Tolles bekommen habe und wie toll ich also bin.›»

Auch Social-Media-Fachleuten fallen die unzähligen Posts auf. «Die Menschen teilen in den sozialen Medien mittlerweile alles, was sie bewegt», sagt Manuel P. Nappo, Leiter der Fachstelle Social Media Management an der HWZ Hochschule für Wirtschaft in Zürich. Fotos von Beerdigungen seien im Moment vielleicht noch die einzige Ausnahme.

Ablenkung von Konflikten

Das Präsentieren des Fests kann laut Experten aber auch als Ventil dienen. «Während der Feier ständig Fotos zu machen und diese zu posten, lenkt von Konflikten und Familienproblemen ab», sagt Stilexperte Clifford Lilley. Mit dem Foto eines wunderschönen Christbaums und eines lecker zubereiteten Essens zeigten die Menschen einen «kurzen und perfekten Augenblick ihres Lebens».

Auch Nappo sagt: «Die sozialen Medien eignen sich als Fluchtmöglichkeit.» Schlage jemand in einer brenzligen Situation vor, ein schönes Foto für einen Post zu machen, sei dies eine elegante Möglichkeit, um das Thema zu wechseln und unangenehme Diskussionen zu verhindern.

«Positives Zeichen setzen»

Eine Rolle spielt zudem die Globalisierung. Lilley: «Viele Schweizer haben Freunde und Verwandte auf der ganzen Welt und wollen sie über die sozialen Medien an der Feier teilhaben lassen.» Dennoch hat er Vorbehalte. «Menschen, die vielleicht keinen Weihnachtsbaum haben und einsam sind, werden weniger happy sein, wenn sie solche Fotos sehen.»

Weihnachten als besinnliche Zeit wahrzunehmen, sei eine typisch schweizerische Tradition, die langsam verschwinde, stellt Nappo fest. «Weihnachten gilt in unserer globalisierten Gesellschaft nicht mehr als intimer Moment.» In Italien etwa gehe es alles andere als besinnlich zu und her. «Viele Leute sind zu Besuch und das Telefon klingelt ständig.»

In den «Online-Feiern» sieht Nappo auch eine zunehmende Dankbarkeit. «Die jungen Menschen freuen sich riesig über die selbstgebackenen Guetsli der Mutter.» Oft vermittelten Posts Freude über die einfachen Dinge der Tradition. «Durch die vielen Probleme auf der Welt will man mit schönen Bildern vom Fest ein positives Zeichen setzen.»

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