Amtsschimmel: Schweizerin (52) hat kein Geburtsdatum mehr
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AmtsschimmelSchweizerin (52) hat kein Geburtsdatum mehr

Tsering Hug aus Walenstadt SG ist verzweifelt: In ihrem Pass steht als Geburtsdatum 00.00.1964. Seit Monaten versucht sie, es zu ändern – vergeblich.

von
jeb
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«Mit diesem Pass nimmt mich doch kein Zöllner ernst.»

«Mit diesem Pass nimmt mich doch kein Zöllner ernst.»

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Geboren am 00.00.1964 steht im Pass von Tsering Hug aus Walenstadt SG.

Geboren am 00.00.1964 steht im Pass von Tsering Hug aus Walenstadt SG.

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Im alten Pass war noch alles in Ordnung: Geburtsdatum 01.01.1964.

Im alten Pass war noch alles in Ordnung: Geburtsdatum 01.01.1964.

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Seit 2015 hat die 52-jährige Tsering Hug aus Walenstadt SG keinen Geburtstag mehr – jedenfalls wenn es nach der Bundesverwaltung geht. In Hugs Pass, ausgestellt am 9. Juni 2015, steht unter Geburtsdatum 00.00.1964, wie in der aktuellen Ausgabe des «Beobachters» zu lesen ist.

Doch wie kam es dazu? Hug kommt als Kind tibetischer Flüchtlinge in einem Flüchtlingslager in Indien zur Welt. In dieser Situation kümmert sich niemand um eine Geburtsurkunde. Kommt hinzu: In der tibetischen Kultur hat das Geburtsdatum keine Bedeutung. Bekannt ist einzig, dass sie im Jahr des Drachens geboren wurde, also 1964.

«Kein Zöllner nimmt mich ernst»

Hugs Familie gelangt 1971 über das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in die Schweiz. Als Geburtsdatum wird ihr der 1.1.1964 zugeteilt. Der Neujahrstag gilt fortan als Hugs Geburtstag, steht auf dem Lernfahrausweis, der ID und allen anderen Dokumenten. Hug lebt gut damit – bis sie im Sommer 2015 einen neuen Pass bekommt. In diesem steht als Geburtsdatum 00.00.1964. Hug will das sofort ändern. «Mit diesem Pass nimmt mich ja kein Zöllner auf der Welt ernst.» Doch sie beisst bei verschiedenen Amtsstellen auf Granit.

Beim Einwohneramt kann man ihr nicht weiterhelfen, weil Mitte 2004 der Bund das zentrale elektronische Personenstandsregister Infostar in Betrieb nahm. Bei der Überführung der regionalen Register ins Zentralregister wurde wohl auf das Ehe- und Familienregister gestützt, in welchem bei der Heirat 1990 nur Hugs Jahrgang, nicht aber das Geburtsdatum eingetragen wurde. Dort ist «Geburtsdatum unbekannt» vermerkt.

«Schwarzer Peter» bei der Bundesverwaltung

Für das System Infostar ist dies gleichbedeutend wie Geburtstag am nullten Nullten. «Das ist eine Norm, die wir so einhalten müssen», sagt Anne-Florence Débois, Sprecherin beim Bundesamt für Polizei (fedpol). Für die Daten im Infostar sei das Bundesamt für Justiz zuständig. Sprecher Raphael Frei vom Bundesamt für Justiz verweist für Auskünfte zur Möglichkeit der Anpassung des Datums wiederum auf das Fedpol. Wie ein Datum im Infostar angepasst werden kann, bleibt somit unklar.

Von Pontius zu Pilatus

Beim Einwohneramt verwies man sie zwecks Datumsänderung ans Kreisgericht. Dort heisst es, man sei nicht zuständig. Hug solle sich beim Zivil- und Bürgerstandsamt melden. Dieses verweist Hug wiederum ans Kreisgericht.

An dieses hat sich Hug nun erneut gewendet. Eine Antwort steht noch aus. Sie hofft, das Problem bald zu lösen. «Nächsten Sommer möchte ich nach Tibet reisen. Mit diesem Pass wird das kaum möglich sein. Wahrscheinlich stellt mir China mit diesem ungültigen Datum nicht einmal ein Visum aus.»

Probleme an Rezeption

Gereist ist Hug mit dem «Nuller-Pass» bislang nur im Schengenraum und hatte keine Schwierigkeiten, da es bei ihren Reisen nach Italien und Griechenland keine Kontrollen gab. «Beim Hotel-Check-in in Italien gab es Probleme», erzählt Hug. Der Rezeptionist verlangte ein gültiges Geburtsdatum, da sein System den nullten Nullten nicht akzeptierte. Mit dem 1. Januar habe es dann funktioniert.

Ferner bereitet ihr die Pensionierung Sorgen: «Bei der AHV bin ich auch mit Geburtsdatum 00.00.1964 registriert. Ich hoffe, ich werde trotzdem mit 64 ordentlich in Rente geschickt», so Hug.

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