Kürzung wegen Schlägerei: Schweizerin verprügelt – Suva zahlt nur die Hälfte
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Kürzung wegen SchlägereiSchweizerin verprügelt – Suva zahlt nur die Hälfte

Bei einer Auseinandersetzung mit einem Mann wurde die Schweizerin Laure verletzt. Die Suva will ihr nun nur die Hälfte zahlen – weil sie sich gewehrt hat.

von
Jérome Faas
Wollte die Beleidigungen eines Mannes im Lebensmittelladen nicht auf sich sitzen lassen und wurde dafür verprügelt: Gärtnerin Laure aus Genf.

Wollte die Beleidigungen eines Mannes im Lebensmittelladen nicht auf sich sitzen lassen und wurde dafür verprügelt: Gärtnerin Laure aus Genf.

Im Februar 2014 wurde Laure* physisch angegriffen – jetzt droht ihr eine Bestrafung in Form der Halbierung der Erwerbsersatzzahlungen ihrer Unfallversicherung. Sie hat allerdings noch nicht klein beigegeben. «Das ist unverschämt», sagt sie. Die Gärtnerin erlitt einen Handgelenksbruch, was fünf Monate völlige Arbeitsunfähigkeit zur Folge hatte, danach eine teilweise Arbeitsunfähigkeit. Nun aber weigert sich die Suva, Laure zu 100 Prozent zu entschädigen. Grund: Die Genferin war in eine Schlägerei verwickelt.

An dem besagten Abend im Februar war Laure in einem Lebensmittelgeschäft. Ein anderer Kunde, ein junger Mann, habe sie angeherrscht. «Mit dir rede ich nicht», habe Laure geantwortet. Er habe sie beleidigt, sie gab zurück, sei als «Hure» beschimpft worden. Da habe sie dem Rüpel eine Ohrfeige verpasst. Darauf trat er ihr mit voller Wucht ins Brustbein. Sie ging zu Boden, er versetzte der 40-Jährigen einen zweiten Tritt – diesmal an den Kopf.

«Nur, weil ich eine grosse Klappe habe»

12'000 Franken – das wäre der Betrag für 100 Prozent Arbeitsunfähigkeit während fünf Monaten. Die Suva hat diese Summe in ihrem provisorischen Entscheid halbiert. «Das war finanziell sehr hart», sagt Laure, «und all das, weil ich eine grosse Klappe habe und es nicht mag, wenn man mich beleidigt.»

Zahlungen der Suva sind nicht garantiert. Zwar äussert sich die Versicherung nicht zum konkreten Fall, sagt aber, dass das Gesetz vorschreibe, dass bei Unfällen, die im Zusammenhang mit einer Schlägerei geschehen, «die Versicherungsleistungen um mindestens die Hälfte reduziert werden». Zwar ist die Übernahme der Pflegekosten gewährleistet – doch weder Erwerbsausfall noch eine mögliche Invalidenrente sind garantiert. «Das ist keine Strafe», sagt Suva-Sprecher Jean-Luc Alt. «Der Gesetzgeber hat entschieden, dass die Allgemeinheit nicht für aussergewöhnliche Gefahren aufkommen muss.»

*Name der Redaktion bekannt

Laure habe sich in Gefahr begeben

Die Unfallversicherungen reduzieren bei Schäden, die in Folge von Schlägereien entstehen, ihre Entschädigungszahlungen um mindestens 50 Prozent. Auch schwere Provokationen werden sanktioniert. Die Teilnahme an einer Schlägerei ist ebenso mit einbegriffen, wenn davor eine verbale Auseinandersetzung stattgefunden hat, die zum Austausch von Schlägen führt, und bei der man sich als Opfer dieser Schläge bloss verteidigt. Es geht juristisch um das Sich-Aussetzen einer Gefahr: Hat der Versicherte das mit seinem Verhalten gemacht? Indem Laure ihrem Beleidiger antwortete, sei dieser Fall gegeben. Laures Anwalt sieht das anders: «Sowohl die Retourkutsche des Mannes als auch die Strafe der Versicherung sind exzessiv im Vergleich zur Handlung meiner Klientin.»

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