Umfrage - Schweizerinnen und Schweizer fürchten sich vor einem Atomkrieg
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UmfrageSchweizerinnen und Schweizer fürchten sich vor einem Atomkrieg

Laut einer repräsentativen Umfrage von 20 Minuten und Tamedia wecken die Atomwaffen-Drohungen des russischen Präsidenten in der Schweiz die Angst vor einem nuklearen Angriff. Wie berechtigt diese Sorgen sind, beantworten die Abrüstungsexperten Oliver Thränert und Marc Finaud.

von
Daniel Krähenbühl
Thomas Obrecht
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Russland präsentiert seine Atomwaffen – der Welt macht es Angst.

Russland präsentiert seine Atomwaffen – der Welt macht es Angst.

Getty Images
Hier eine Parade in Moskau im Jahre 2021.

Hier eine Parade in Moskau im Jahre 2021.

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52 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer belastet die Angst vor einem Atomkrieg. 

52 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer belastet die Angst vor einem Atomkrieg. 

via REUTERS

Darum gehts 

  • Das Säbelrasseln des russischen Präsidenten Wladimir Putin belastet zahlreiche Schweizerinnen und Schweizer.

  • Vor allem Personen ab 50 machen sich Sorgen. 

  • Laut den Rüstungsexperten Oliver Thränert und Marc Finaud könne eine atomare Eskalation des Konflikts nicht vollständig ausgeschlossen werden. 

  • Um die Gefahr zu bannen, müssten die  nuklearen Sprengkörper vernichtet werden, sagt Finaud. 

Seitdem der russische Präsident Wladimir Putin seine Atomstreitkräfte in höchste Alarmbereitschaft versetzt hat und auch die Gefahr eines Atomreaktorunfalls in Saporischschja oder Tschernobyl gestiegen sind, nehmen in Europa die Sorgen vor der nächsten Eskalationsstufe im Ukraine-Krieg täglich zu. In den vergangenen Wochen kam es in der Schweiz zu einem Run auf Geigerzähler, Jodtabletten und Notvorräte. Viele Menschen bereiten sich zunehmend auf den Katastrophenfall vor und wollen von den Behörden etwa wissen, wo sie im Ernstfall den nächsten Luftschutzraum finden.

Wie eine repräsentative LeeWas-Umfrage von 20 Minuten und Tamedia mit 12’437 Teilnehmern zeigt, belastet die Angst vor einem Atomkrieg 52 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer. 28 Prozent halten es für wahrscheinlich oder eher wahrscheinlich, dass Nuklearwaffen auch zum Einsatz kommen. Nicht in allen Generationen sind die Sorgen gleich ausgeprägt: Während 42 Prozent der 18- bis 34-Jährigen Angst vor einer atomaren Eskalation haben, sind es 51 Prozent der 35- bis 49-Jährigen und rund 56 Prozent aller Personen über 50. 

Atomare Eskalation nicht vollständig ausgeschlossen

Oliver Thränert, Leiter des Think Tanks am Center for Security Studies der ETH Zürich und Atomwaffenexperte, kann die Sorgen gut nachvollziehen: «Der russische Präsident Putin hat deutlich gemacht, dass er sich im Falle eines direkten militärischen Eingreifens der Nato auf Seiten der Ukraine den Einsatz eigener Atomwaffen vorbehält.» Das möge ein Bluff sein und dazu dienen, westliche Gesellschaften einzuschüchtern. «Zugleich kann eine atomare Eskalation des Konflikts leider nicht vollständig ausgeschlossen werden.»

Einerseits gelte es jetzt, sich von Putin nicht einschüchtern zu lassen. «Andererseits sollten wir uns der Gefahr bewusst sein», so Thränert. Obwohl die Gefahr eines Atomwaffeneinsatzes derzeit gering sein mag, belaste die Situation auch ihn, sagt Thränert: «Kriege nehmen oft unvorhergesehene Verläufe.»

Dass die Angst vor einem Atomkrieg vor allem über 35-jährige Schweizerinnen und Schweizer belastet, habe vermutlich damit zu tun, dass Atomwaffen im Bewusstsein der nach dem Kalten Krieg Geborenen gar nicht existierten, sagt Thränert. «Jüngere haben nun Mühe damit, die zusammenhängenden Gefahren zu realisieren.»

«Das Undenkbare ist jetzt möglich»

Ältere Menschen erinnerten sich an die Spannungen während des Kalten Krieges, die Kuba-Krise und andere «Beinahe-Zusammenstösse», die zu einer nuklearen Katastrophe hätten führen können und denen die Menschheit nur durch Glück entkommen sei, sagt auch Marc Finaud, ehemaliger französischer Diplomat und Rüstungsexperte am Centre for Security Policy Genf. «Die Jüngeren sind Opfer der bewussten Politik der Atomwaffenstaaten, die das tatsächliche Risiko des Besitzes von Atomwaffen verschwiegen.»

Obwohl die USA und Nato derzeit versuchten, jede Eskalation zu vermeiden, könne niemand einen Vorfall ausschliessen, der etwa auf Fehlinformationen und -einschätzungen beruhe oder auf Cyberangriffe auf Befehls- und Kontrollsysteme zurückzuführen sei, sagt Finaud. «Wie der UN-Generalsekretär António Guterres sagte, ist ‹das Undenkbare jetzt möglich›».

Nukleare Abrüstung als einzige Lösung

Schliesslich beruhe das gesamte der System der nuklearen Abschreckung auf der Überzeugung, dass die Angst vor einem nuklearen Angriff jegliche Aggression gegen ein Land, das über Atomwaffen verfügt oder von ihnen geschützt wird, verhindern werde, sagt Finaud. «Dies ist jedoch eine hochriskante Wette, die ein rationales Verhalten des Gegners voraussetzt.» Wie man bei Trump und Putin jedoch gesehen habe, sei das Verhalten eines Staatsoberhaupts nicht immer rational.

Um das Risiko für einen Atomkrieg zu senken, müssten die Menschen daher Druck auf ihre Regierungen ausüben, damit diese Massnahmen ergreifen, die nuklearen Risiken zu verringern, so Finaud. «Längerfristig führt nichts daran vorbei, dass die Ursache dieses inakzeptablen Risikos – die Atomwaffen selbst – beseitigt werden müssen.» Bereits in der Vergangenheit sei es zivilgesellschaftlichen Bewegungen gelungen, Atomtests zu stoppen und Euromissiles zu beseitigen. «Um die nukleare Abrüstung voranzutreiben, sollte darum jetzt mobilisiert werden.»  

Zur Umfrage

12’437 Personen aus der ganzen Schweiz haben am 16. März online aktuelle Fragen zum Krieg in der Ukraine beantwortet. Die Umfragen von 20 Minuten und Tamedia werden in Zusammenarbeit mit der LeeWas GmbH der Politikwissenschaftler Lucas Leemann und Fabio Wasserfallen durchgeführt. Sie gewichten die Umfragedaten nach demografischen, geografischen und politischen Variablen. Der Fehlerbereich liegt bei 1,5 Prozentpunkten. 

Beschäftigt dich oder jemanden, den du kennst, der Krieg in der Ukraine?

Hier findest du Hilfe für dich und andere:

Fragen und Antworten zum Krieg in der Ukraine (Staatssekretariat für Migration)

Kriegsangst?, Tipps von Pro Juventute

Dargebotene Hand, Sorgen-Hotline, Tel. 143

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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