Luftverschmutzung: Schweizweit massiv zu hohe Ozonwerte

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LuftverschmutzungSchweizweit massiv zu hohe Ozonwerte

Nicht nur die Temperaturen erreichen Höchstwerte – seit einem Monat wird der Ozongrenzwert fast täglich überschritten. Doch kurzfristige Massnahmen sind nicht geplant.

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gbr
Die Luftqualität lässt bei Sommerhitze zu wünschen übrig.

Die Luftqualität lässt bei Sommerhitze zu wünschen übrig.

Die Hitze macht vielen Menschen zu schaffen. Doch nicht nur sie: Die hohen Temperaturen haben in den letzten 30 Tagen auch die Ozonwerte in die Höhe getrieben. Die Luftbelastung durch den gesundheitsgefährdenden Schadstoff (siehe Box) nimmt dramatische Ausmasse an. Ein Blick auf das Mess-Netz der Kantone Aargau, Basel-Landschaft, Basel-Stadt und Solothurn zeigt, dass die Ozonhöchstwerte der letzten 30 Tage alles übertreffen, was die Stationen dort in den vergangenen vier Jahren gemessen haben – das letzte Mal gab es in diesem Gebiet im Jahr 2010 höhere Ozonwerte als 2015.

Der Ozongrenzwert – er liegt bei 120 Mikrogramm pro Kubikmeter – wird derzeit schweizweit regelmässig weit überschritten. Und das bei teils sehr hohen Werten – während mehr als der Hälfte des Monats (siehe Box).

«Bisherige Massnahmen reichen nicht aus»

«Die geschilderte Problematik ist uns sehr wohl bewusst», sagt Bruno Hohl, Direktor Umwelt- und Gesundheitsschutz Zürich (UGZ), zu 20 Minuten. Generell gesehen sei die Luftqualität in der Stadt Zürich allerdings recht gut: «So hat die Stadt Zürich erst vor kurzem im europäischen Ranking zur Luftqualität den ersten Platz belegt», sagt Hohl. Die Stadt könne zwar – mit dem Einverständnis des Kantons – Massnahmen zur Luftreinhaltung erlassen – allerdings nicht im Bereich des Verkehrs, so Hohl: «Die Zuständigkeit für die Massnahmenplanung im Bereich der Luftreinhaltung liegt beim Kanton.»

Die Luftreinhalteverordnung (LRV) schreibt vor, dass der Ozongrenzwert von 120 Mikrogramm pro Kubikmeter «höchstens einmal pro Jahr überschritten werden» darf. Andernfalls müssen die Behörden einen Massnahmenplan erstellen, falls «feststeht oder zu erwarten ist, dass trotz vorsorglicher Emissionsbegrenzungen übermässige Immissionen verursacht werden». «Der Bund setzt nicht auf kurzfristige Massnahmen», erklärt Hugo Amacker, Stv. Sektionschef Luftqualität der Abteilung Luftreinhaltung und Chemikalien am Bundesamt für Umwelt (Bafu). «Die Strategie liegt in der dauerhaften Absenkung des VOC- und Stickoxid-Ausstosses im In- und Ausland.» Amacker fügt an: «Allerdings reichen die bisherigen Massnahmen noch nicht, um ein Überschreiten der Grenzwerte zu verhindern – dafür müsste der Schadstoffausstoss europaweit nochmals deutlich vermindert werden.»

Die Rezepte wären bekannt

«Das Überschreiten der Immissionsgrenzwerte zeigt, dass das Ziel von gesunder Luft noch nicht erreicht ist», sagt Amacker. Immerhin sei es schon einiges besser geworden: «Ozon-Werte über 240 Mikrogramm pro Kubikmeter wurden in den letzten Jahren nördlich der Alpen nicht mehr erreicht– das ist ein kleiner Erfolg.» Doch es brauche mehr: «Der Schadstoffausstoss kann bei vielen Quellen mit guten Technologien weiter gesenkt werden. Auch jeder Einzelne kann mit seinem Verhalten dazu beitragen.»

Auch im Kanton Aargau wurden die Grenzwerte vergangene Woche täglich überschritten (am 3. Juli wurden in Baden 194,5 Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen). Markus Schenk von der Abteilung für Umwelt des Kantons Aargau sagt, die besten Rezepte seien, auf Motorfahrzeuge zu verzichten und das Velo zu bevorzugen. Immerhin: Die Situation werde sich entschärfen, weil es bewölkt werde und die Temperaturen sinken.

Was ist Ozon?

Ozon – chemische Formel O3 – ist ein Molekül, das aus drei Sauerstoffatomen besteht. Hugo Amacker, Stv. Sektionschef Luftqualität der Abteilung Luftreinhaltung und Chemikalien des Bundesamts für Umwelt (Bafu), erklärt: «Ozon ist ein Sekundärschadstoff: Es bildet sich aus den Vorläuferstoffen Stickstoffdioxid (NO2) und flüchtigen organischen Verbindungen (VOCs) bei starker UV-Strahlung. Hohe Werte entstehen bei windarmen, hochsommerlichen Bedingungen. Bleibt diese Lage bestehen, können die Ozonwerte täglich weiter ansteigen.»

Genau diese Bedingungen hatten wir in den vergangenen Tagen und Wochen. Harmlos ist O3 nicht. Amacker: «Ozon kann Husten, Reizungen der Augen und der Atemorgane sowie Kopfschmerzen hervorrufen – bei körperlichen Belastungen auch Einschränkungen der Lungenfunktion. Besonders empfindlich reagieren u.a. Asthmatiker, Ältere und Kinder.»

Nur bei anhaltenden Ozonwerten über dem doppelten Immissionsgrenzwert (240 µg/m3) können Kantone temporäre Massnahmen – etwa eine Tempobeschränkung für Fahrzeuge – ergreifen. Amacker: «Langfristig hilft aber nur die Einführung besserer technischer Standards.»

Weit über dem Grenzwert

Der Ozongrenzwert liegt in der Schweiz bei 120 Mikrogramm pro Kubikmeter Luft (Stundenmittelwert). Derzeit wird er dauernd überschritten:

Zürich Kaserne, mitten in der Stadt: 15 Überschreitungen in den letzten 30 Tagen. Maximalwert: 179,9 Mikrogramm/Kubikmeter am 3. Juli.

Bern Bollwerk: 10 Überschreitungen, 147,3 Mikrogramm am 3. Juli.

Binningen BL: 16 Überschreitungen, 193,7 Mikrogramm am 3. Juli.

Rigi-Seebodenalp: 19 Grenzwert-Überschreitungen, 214,8 Mikrogramm am 1. Juli.

Auf der Alpensüdseite stiegen die Ozonwerte am vergangenen Wochenende gar auf über 270 Mikrogramm pro Kubikmeter.

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