Ukraine-Krieg: «Kampfpanzer könnten diesen Krieg entscheiden»

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Ukraine-Krieg«Schwere Kampfpanzer könnten über den Ausgang dieses Krieges entscheiden»

Laut Russland-Experte Alexander Dubowy sind die nächsten Kriegsmonate entscheidend. Bekommt die Ukraine rechtzeitig ausreichend westliche Panzer, könnte dies Russland an den Verhandlungstisch zwingen.

von
Daniel Graf

Darum gehts

  • Am Mittwoch hat Deutschland verkündet, vorerst mindestens 14 Kampfpanzer vom Typ Leopard 2 an die Ukraine zu liefern. 

  • Die USA sagten ihrerseits die Lieferung von Abrams-Panzern zu. 

  • Die Ukraine besteht seit Monaten auf der Lieferung schwerer Waffen. 

  • Laut Experte Alexander Dubowy ist die Ukraine dringend auf die Panzer angewiesen, um in der vermutlich bevorstehenden Frühlings-Offensive Russlands zu bestehen. 

  • Gleichzeitig will der Westen eine Eskalation des Kriegs unbedingt vermeiden. «Eine Gratwanderung», sagt Dubowy. 

Nach monatelangem Ringen haben sich die USA und Deutschland am Mittwoch bereit erklärt, der Ukraine schwere Kampfpanzer zur Verfügung zu stellen. Weitere EU-Länder könnten folgen, da mit dem Entscheid auch das deutsche Veto fällt, das andere Länder gehindert hat, Leopard 2-Panzer in die Ukraine zu liefern. Russland-Experte Alexander Dubowy ordnet ein.

Deutschland liefert 14 Leopard 2-Panzer. Weshalb hat das so lange gedauert?

Hauptsächlich, weil die deutsche Regierung sich vor einer Eskalation des Krieges fürchtet. Sie will nicht, dass der Krieg sich auf andere Länder ausweitet und die Nato aktiv hineingezogen wird. Der Entscheid kam zustande, weil der Druck innerhalb der westlichen Gemeinschaft gestiegen ist und die USA sich ihrerseits zur Lieferung von Abrams-Panzern bereit erklärt haben.

Was können die Panzer bewirken?

Hauptziel ist die Stärkung der ukrainischen Defensive. Alles deutet darauf hin, dass Russland im Frühling eine weitere Grossoffensive plant. Der Krieg kann dann zwei Richtungen einschlagen: Gelingt es der Ukraine, die Offensive abzuwehren und eine stabile Patt-Situation zu erzwingen, in der Russland keine weiteren Gebiete erobern kann, sind Friedensverhandlungen möglich. Werden die ukrainischen Kräfte von der russischen Grossoffensive überrollt, wird es weitere Reaktionen des Westens brauchen.

«Wenn Russland mit zusätzlichen 200’000 bis 300’000 Mann angreift, wird es hart für die Ukraine.»

Alexander Dubowy

Was ist derzeit wahrscheinlicher?

Derzeit sieht es nicht gut aus für die Ukraine. Russland kann aufgrund des Dekrets von Wladimir Putin die Mobilmachung so weit ausdehnen wie benötigt. Wenn Russland im Frühling mit viel schwerem Gerät und zusätzlichen 200’000 bis 300’000 Mann angreift, wird es hart für die Ukraine. Hier kommen die schweren Kampfpanzer aus dem Westen ins Spiel, die sich hervorragend dazu eignen, Offensiven abzuwehren. Man kann also durchaus sagen, dass westliche Kampfpanzer – je nachdem, wie viele und wie schnell sie geliefert werden – über den Kriegsausgang entscheiden könnten.

Sollen die Panzer auch Offensiven durchführen?

Der ukrainische Generalstabschef hat im Dezember gesagt, er brauche 300 schwere Panzer, um eine effiziente, zielführende Gegenoffensive zu starten. So viele wird die Ukraine nicht erhalten. Vereinzelte, schnelle Vorstösse, um die Abwehr des Feindes zu durchbrechen und die Infanterie nachrücken zu lassen, sind aber denkbar.

«Für den Westen gibt es keine Alternative zu ausreichend Waffenlieferungen, damit die Ukraine nicht fällt.»

Alexander Dubowy 

Das setzt die Ausbildung an den Panzern voraus. Wie lange dauert diese?

Einige Wochen. Entscheidender wird sein, wie schnell die Panzer geliefert werden.

Es gab Gegenstimmen, die Rede war von roten Linien, die mit der Lieferung von Panzern überschritten werden. Wie sehen Sie das?

Diese roten Linien existieren nur im Kopf von Wladimir Putin und in der russischen Propaganda. Und sie verschieben sich ständig. Angesichts der an Völkermord grenzenden Kriegsverbrechen Russlands gibt es für den Westen keine Alternative zu ausreichend Waffenlieferungen, damit die Ukraine nicht fällt. Es ist eine Gratwanderung: Man will der Ukraine die Waffen liefern, die sie braucht, um sich zu verteidigen, aber nicht so viele, dass Russland zu weiteren Eskalationen getrieben wird.

Glaubst du, dass der Krieg noch dieses Jahr enden wird? 

Die Ukraine fordert Kampfjets, die Slowakei und die Niederlande erwägen die Entsendung. Ist das nicht bereits eine Eskalation?

Nein. Noch ist überhaupt nicht klar, ob diese Jets geliefert werden. Das steht aktuell nicht zur Debatte. Bundeskanzler Olaf Scholz hat am Mittwoch gesagt, dass keine deutschen Jets oder Bodentruppen im Ukrainekrieg kämpfen werden. Deutschland will verhindern, dass die Ukraine Angriffe gegen Russland fliegt. Deshalb glaube ich nicht, dass bald amerikanische oder deutsche Kampfjets an die Ukraine geliefert werden. Es gibt aber ein Ereignis, das daran etwas ändern würde.

«Der Kriegseintritt von Belarus wäre ein Gamechanger.»

Alexander Dubowy 

Nämlich?

Ein tatsächlicher, offizieller Kriegseintritt von Belarus. Das wäre ein Gamechanger. Russland und Belarus könnten dann versuchen, die Ukraine vom Westen abzuschneiden und Kiew noch einmal angreifen. Derzeit sehen wir aber keine Hinweise darauf.

Wieso zwingt Putin Lukaschenko nicht einfach dazu?

Putin glaubt immer noch, dass die Zeit für ihn spielt. Als klar war, dass der erste Angriff auf Kiew scheitert, ist Putin nahtlos zu einem Abnutzungskrieg übergegangen. Der Westen mag die Schlagkraft der russischen Armee überschätzt haben. Jetzt zeigt sich dafür, dass die russische Wirtschaft deutlich weniger anfällig ist, als gedacht. Russland kann die Kriegsindustrie hochfahren und fast unbegrenzt weitere Soldaten rekrutieren, während die westlichen Waffenarsenale sich langsam leeren.

Alexander Dubowy ist Politikanalyst und forscht zur Russland, Osteuropa und zur Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. 

Alexander Dubowy ist Politikanalyst und forscht zur Russland, Osteuropa und zur Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. 

Privat

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