Stendhal-Syndrom – Schwindel, Herzrasen, Halluzinationen – die Schönheit von Florenz bringt Touristen an ihre Grenzen
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Stendhal-Syndrom Schwindel, Herzrasen, Halluzinationen – die Schönheit von Florenz bringt Touristen an ihre Grenzen

«Es gab mindestens einen epileptischen Anfall vor der Venus», sagt der Direktor der Uffizien in Florenz. Bei einem 68-Jährigen habe das mit Kunst ausgestattete Gebäude gar einen Herzinfarkt ausgelöst.

von
Marcel Urech
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Die Basilica di San Lorenzo in Florenz.

Die Basilica di San Lorenzo in Florenz.

Wikipedia/Richardfabi/Gemeinfrei
Der Innenhof des Palazzo Strozzi.

Der Innenhof des Palazzo Strozzi.

Wikipedia/giovanni sighele/CC BY 3.0
Das historische Zentrum von Florenz.

Das historische Zentrum von Florenz.

Wikipedia/echiner1/CC BY-SA 2.0

Darum gehts

  • Florenz ist so schön, dass Touristinnen und Touristen vor Staunen fast kollabieren.

  • Pro Jahr gibt es laut der Vorsitzenden der Kunststiftung Friends of Florence zehn bis 20 solche Fälle.

  • Das Phänomen ist als «Stendhal-Syndrom» bekannt.

Magenschmerzen, Herzrasen, weiche Knie – diese Symptome plagen Menschen, die Florenz besuchen. Wie bitte? Warum? Das Phänomen nennt sich «Stendhal-Syndrom» – eine psychosomatische Erkrankung, die durch eine kulturelle Reizüberflutung zustande kommt. Oder anders ausgedrückt: Der italienische Ort mit seiner historischen Innenstadt ist so schön, dass die Touristinnen und Touristen vor Staunen fast kollabieren.

Ekstase und Halluzinationen

Der Name des Phänomens stammt vom französischen Schriftsteller Marie-Henri Beyle, der unter dem Pseudonym Stendhal Bekanntheit erlangte. «Die Vorstellung, in Florenz zu sein, versetzte mich in eine Art Ekstase», schrieb er 1817 über eine Reise in die toskanische Hauptstadt. «Ein heftiges Herzklopfen ergriff mich, die Quelle des Lebens war in mir versiegt, und ich ging in ständiger Angst, zu Boden zu fallen.»

Der David von Michelangelo in der Galleria dell' Accademia in Florenz.

Der David von Michelangelo in der Galleria dell' Accademia in Florenz.

Wikipedia/Jörg Bittner Unna/CC BY-SA 3.0

Die Psychiaterin Graziella Magherini beschrieb das Phänomen 1989 als «psychiatrische Störung». Sie beobachtete laut «BBC» 106 Patientinnen und Patienten, die beim Betrachten der Skulpturen von Michelangelo und der Gemälde von Botticelli unter Schwindel, Herzklopfen, Halluzinationen und Depersonalisation litten. Die psychologische Wirkung dieser Meisterwerke sei so gross, dass die Touristinnen und Touristen Panikattacken erlitten, sagte die Professorin in einem Interview im Jahr 2019.

Gemälde löst Herzinfarkt aus

Laut Simonetta Brandolini d'Adda, der Vorsitzenden der Kunststiftung Friends of Florence, gibt es rund zehn bis 20 solche Fälle pro Jahr. «Es passiert Leuten, die sehr empfindlich sind und wohl ihr ganzes Leben lang darauf gewartet haben, in die Toskana zu kommen.» Einige Menschen würden beim Betrachten der Kunstwerke in der Stadt die Orientierung und den Verstand verlieren – oder einfach nur hemmungslos weinen.

Die Geburt der Venus (La nascita di Venere) von Sandro Botticelli.

Die Geburt der Venus (La nascita di Venere) von Sandro Botticelli.

Wikipedia/Sandro Botticelli/Gemeinfrei

Sandro Botticellis Gemälde «Die Geburt der Venus» sei ein typischer Auslöser der Symptome. «Es gab mindestens einen epileptischen Anfall vor der Venus», sagt Eike Schmidt, Direktor der Uffizien. Das mit Kunst ausgestattete Gebäude habe beim 68-jährigen Carlo Olmastroni sogar einen Herzinfarkt ausgelöst. Er sei im Dezember 2018 in den Uffizien zusammengebrochen, als er die Venus anschaute, sagt Schmidt.

Blick vom Palazzo Vecchio in Richtung Arno.

Blick vom Palazzo Vecchio in Richtung Arno.

Wikipedia/Samuli Lintula/CC BY 3.0

«Die Diagnose lautete allerdings nicht Stendhal-Syndrom», sagt Olmastroni heute. «Sondern Verschluss von zwei Herzkranzgefässen.» Vielleicht hätten diese beim Anblick der Venus beschlossen, dass es nun nichts Schöneres mehr zu sehen gebe und sich darum dauerhaft verschlossen, scherzt Olmastroni gegenüber «CNN».

Selbsterfüllende Prophezeiung?

Für die Fachkräfte ist es generell schwierig, das Syndrom zu konstatieren. «BBC» sprach auch mit Cristina de Loreto, einer Psychotherapeutin, die in Florenz lebt und arbeitet. Sie sagt, dass das Betrachten eines Kunstwerks gewisse Hirnareale aktiviere – ähnlich wie der Anblick eines schönen Menschen. Das reiche aber noch nicht aus, um das Stendhal-Syndrom zu diagnostizieren. «Es ist noch nicht validiert und man findet es nicht im DSM-5, unserem Handbuch der psychischen Störungen», sagt de Loreto.

Die Uffizien in Florenz.

Die Uffizien in Florenz.

Wikipedia/Arek N./CC BY-SA 3.0

Sie glaubt, dass es für das Syndrom auch eine andere Erklärung geben könnte: Die Erwartungen der Besucher und Besucherinnen an Florenz seien so hoch, dass es ihnen schlicht zu viel werde, wenn sie vor Ort seien. «Es kann eine sich selbsterfüllende Prophezeiung sein, die manche Touristinnen und Touristen etwas spüren lässt.»

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