Sprachgeschichte: Schwizerdütsch siegt sich zu Tode
Aktualisiert

SprachgeschichteSchwizerdütsch siegt sich zu Tode

Seit uns Deutschlands Finanzminister Steinbrück mit der Kavallerie droht, klingt Hochdeutsch noch arroganter in unseren Ohren. Wir sprechen lieber Mundart — und das immer öfter. Trotzdem soll unser Dialekt bedroht sein. Wie kann das sein?

von
Daniel Huber

Unlängst hat eine Studie der Unesco die Zukunft des Alemannischen, zu dem auch die in der Schweiz gesprochenen deutschen Dialekte gehören, als «unsicher» eingestuft. Ein höchst erstaunlicher Befund, könnte man meinen, denn auf den ersten Blick sieht es keineswegs so aus, als ob das Schwizerdütsch vom Aussterben bedroht wäre. Im Gegenteil: Die Mundart scheint in unserer Sprachregion unablässig an Terrain zu gewinnen. Das zeigt ein Blick in die jüngere Sprachgeschichte der deutschen Schweiz.

Hochdeutsch beim Mittagessen

Vor dem Ersten Weltkrieg gehörte es in manchen Deutschschweizer Familien — vor allem in den besseren Kreisen — durchaus zum guten Ton, stets Hochdeutsch zu sprechen. Die Hochsprache war drauf und dran, in Bereiche vorzudringen, die vorher und seither wieder klar dem Schweizerdeutschen vorbehalten waren; beispielsweise das Familiengespräch beim Mittagstisch.

Dieser sprachliche Trend hin zur Hochsprache hatte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts allmählich verstärkt, möglicherweise unter der kulturellen Sogwirkung, die von dem seit 1871 geeinten Deutschen Kaiserreich ausging. Zudem waren in den Grossstädten Zürich und Basel Reichsdeutsche die dominierende Ausländergruppe; in Zürich gab es damals deutsche Handwerkervereine. Gottfried Keller staunte schon 1856, als er aus Berlin zurückkehrte, über Zürichs teutonische Seite: Man höre fast mehr Hochdeutsch, schrieb er einer Freundin, «als unser altes Schweizerdeutsch, was früher gar nicht so gewesen ist». Der Trend zum Hochdeutschen löste erste Ängste aus, die Mundart könnte aussterben. Im Grunde handelte es sich tatsächlich um den Ansatz einer verspäteten Anpassung an die europäische Norm, die eine sprachliche Besonderheit der Deutschschweiz quasi von oben her auszuhöhlen begann: die so genannte Diglossie (siehe Info-Box).

Demokratisches Schwizerdütsch

Diglossie — das funktional begründete Nebeneinander von Hochsprache und Mundart — war früher, vor dreihundert Jahren, im deutschen Sprachraum die Norm gewesen. Doch in Deutschland und Österreich vermochte sich allmählich die Hochsprache durchzusetzen, während «es das Deutschschweizer Bürgertum des 18. Jahrhunderts abgelehnt hat, die Schriftsprache zu seiner Sprechsprache zu machen», wie Professor Walter Haas von der Uni Freiburg formuliert. Für Haas ist dies allerdings mehr Ausdruck einer «republikanischen Ideologie» denn Abwehr gegen die Deutschen. Schwizerdütsch als Sprache des Volkes galt später regelrecht als Ausdruck demokratischer Gesinnung.

Lesen Sie hier Teil 2: Vom Landigeist zur Mundartwelle (mit Talkback)

Diglossie

Der linguistische Fachbegriff bezeichnet eine Situation, in der zwei eng verwandte Sprachvarietäten — meist Standardsprache und Dialekt — nebeneinander existieren, aber klar unterschiedliche Funktionen erfüllen und unterschiedliche Geltungsbereiche haben. Dabei sind die Sprachformen immer deutlich voneinander unterschieden, Misch- und Übergangsformen gibt es kaum.

Ein Beispiel: Die Lehrerin im Schulzimmer spricht Hochdeutsch, wenn sie das Aufsatzthema erklärt, fällt aber in den Dialekt, wenn sie einen Schüler bittet, das Fenster zu schliessen.

Die sprachliche Situation in der deutschen Schweiz ist ein typisches Beispiel für Diglossie, aber auch in den arabischen Ländern ist die Lage vergleichbar: Hier stehen sich regionale Dialekte und Hocharabisch gegenüber.

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