Eurovision Song Contest: Schwule fordern Heilsarmee-Boykott

Aktualisiert

Eurovision Song ContestSchwule fordern Heilsarmee-Boykott

Die ESC-Kandidatur der Heilsarmee birgt Konfliktpotenzial: Die Musik-Veranstaltung ist besonders bei Schwulen beliebt. Und die Heilsarmee hat mit Homophobie-Vorwürfen zu kämpfen.

von
Marlies Seifert

Die Heilsarmee mit ihrem ESC-Song «You and Me».

Der Eurovision Song Contest und die Gay Community gehören zusammen wie Kylie Minogue und knappe Höschen, ABBA und Schweden oder Madonna und Toyboys. Seit Jahren pilgern besonders viele schwule Fans zur Musikveranstaltung. Im letzten Jahr sorgte deshalb auch das Austragungsland Aserbaidschan bereits vorab für Diskussionen. In dem autoritären Staat ist es für Homosexuelle noch immer heikel bis gefährlich, offen zu ihrer Sexualität zu stehen. Nun könnte die Schweiz für den nächsten ESC-Eklat sorgen. Denn unter den neun Finalisten für den hiesigen Vorentscheid befindet sich auch die Heilsarmee mit ihrem Song «You and Me». Pikant: Die christlichen Wohltäter sorgten im Mai 2012 für Schlagzeilen, weil sie einer lesbischen Heimleiterin kündigten – auch aufgrund ihrer sexuellen Orientierung. Die Kaderfrau unterhielt eine Beziehung zu einer Mitarbeiterin. «Die Heilsarmee toleriert keine ausserehelichen und gleichgeschlechtlichen Verbindungen von Führungskräften mit Mitarbeitenden», wurde die Entlassung in einer internen Mitteilung begründet.

«Die Kandidatur ist nicht zu unterstützen»

In der Gay-Community ist man denn auch nicht erfreut über die ESC-Bewerbung der Heilsarmee: «Der Eurovision Song Contest ist nicht das richtige Umfeld für die Heilsarmee», meint Beat Stephan, Chefredaktor des Schwulenmagazins «Display». Am 15. Dezember entscheiden die Zuschauer mittels Televoting in der grossen Entscheidungsshow, wer die Schweiz am ESC 2013 in Malmö verteten darf. Stephan ruft zum Boykott der Heilsarmee auf: «Solange sich die Vereinigung nicht klar von homophobem Gedankengut distanziert, ist die Teilnahme am ESC nicht zu unterstützen. Man sollte nicht für sie voten», so Stephan. Ins gleiche Horn stösst die Lesbenorganisation Schweiz: «Ich wünsche mir nicht, dass eine homophobe Organisation als Botschafter der Schweiz im Ausland auftritt», sagt Geschäftsführerin Eveline Mugier.

«Man kann als homosexuelle Person bei der Heilsarmee arbeiten»

«Uns war bewusst, dass wir uns beim Song Contest auf einem Feld bewegen, wo Homosexualität ein Thema ist», sagt Heilsarmee-Pressesprecher Martin Künzi. «Wenn sich jemand aufgrund unserer ESC-Bewerbung persönlich angegriffen fühlt, tut uns das leid.» Aus dem Wettbewerb zurückziehen werde man sich deswegen aber nicht, schliesslich könne man sich über eine grosse Unterstützung freuen. «Wem wir nicht sympathisch sind, der muss nicht für uns voten. Wir wollen aber die Schweiz vertreten, wie sie ist - und dazu gehören auch die Homosexuellen», so Künzi.

Die Homophobie-Vorwürfe will er nicht gelten lassen. Es werde zwar von Mitarbeitern erwartet, dass sie sich an «christliche Werte» hielten, aber «wir diskriminieren niemanden aufgrund seiner sexuellen Orientierung», verteidigt sich Heilsarmee-Pressesprecher Martin Künzi. Beim Vorfall im Mai sei die Gesamtkonstellation problematisch gewesen. «Und wir haben nicht optimal kommuniziert», räumt Künzi ein. «Bei der Einstellung ist die sexuelle Orientierung kein Kriterium», erklärt er weiter. «Man kann als homosexuelle Person bei der Heilsarmee arbeiten und offen zu seiner Sexualität stehen. Aber in einem christlichen Umfeld wird dies immer eine Herausforderung sein.»

ESC als Chance

Bei der Schweizerischen Schwulenorganisation Pink Cross sieht man der Eurovision-Teilnahme denn auch gelassen entgegen. «Ich sehe kein Problem», sagt Geschäftsführerin Alice Parel auf Anfrage. «Wegen eines Einzelfalls möchte ich nicht die gesamte Heilsarmee der Homophobie bezichtigen», sagt sie. Ähnlich sieht man die Situation beim an Schwule und Lesben gerichteten Online-Magazin «Queer». Chefredaktionsmitglied Daniel Diriwächter: «Der ESC könnte eine Chance für die Heilsarmee und für die Homosexuellen sein, um einander besser kennenzulernen und Vorurteile abzubauen.»

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