Aktualisiert 12.02.2020 20:39

Homophobie im Ausgang

«Schwule können mit Schlägen geheilt werden»

Wer sind die Schwulenhasser, die im Zürcher Nachtleben Homosexuelle anpöbeln und schlagen? 20 Minuten hat sich auf die Suche gemacht.

von
D. Krähenbühl/ H. Müller

In den letzten Monaten häuften sich die Meldungen über schwule Paare, die in der Öffentlichkeit verprügelt wurden. Wie gefährlich ist das Zürcher Nachtleben für homosexuelle Männer? Und woher rührt die Wut gegen sie? 20 Minuten hat sich am letzten Freitagabend auf die Suche nach Antworten gemacht.

Wir befinden uns vor dem Schweizer Schwulenclub Heaven im Zürcher Niederdorf. Auch Marko* (23) und sein Kollege Simon* (21) feiern heute hier. Erst vor wenigen Wochen wurden sie beim Platz Central mitten in Zürich verprügelt. «Wir wollten wegrennen, aber da war es schon zu spät – sie nannten uns ‹Schwuchteln› und schlugen auf uns ein», erzählen sie. «Ich trug ein blaues Auge und Prellungen davon, Simon hatte danach eine Gehirnerschütterung und kaputte Rippen», sagt Marko.

«Meistens Junge mit einer zweiten Nationalität»

Pöbeleien und Übergriffe hätten zugenommen. «Es gehört mittlerweile zum Alltag eines Schwulen, dass dich Leute beschimpfen, dir das Bein stellen oder dich anspucken», sagt Simon. «Heute müssen wir Schwulen mehr Angst haben als noch vor einigen Jahren.» Die Atmosphäre in der Schwulenszene sei angespannt – nicht zuletzt seit dem brutalen Angriff auf ein schwules Paar in der Silvesternacht.

Wer steckt hinter den Attacken? «Oft sind es Männer zwischen 20 und 30, die in Gruppen unterwegs sind und zu viel Alkohol getrunken haben. Zwar seien auch viele Schweizer homophob, aber oft stammten die Täter aus dem Balkan oder sonstwo aus dem Ausland», sagt Marko. Er dürfe das sagen, schliesslich stamme er selber aus Serbien.

Ramon (22) aus Möhlin AG, der ebenfalls schon oft angepöbelt wurde, pflichtet bei: «Es ist mir unangenehm, das zu sagen, aber: Auch bei mir waren es meistens Leute, die eine zweite Nationalität haben.» Sie fragten, ob er schwul sei. «Je nachdem folgt dann eine Beleidigung – oder die Faust.» Inzwischen überlege er sich, mit was für einem Outfit er auf die Strasse gehe, um nicht zu viel Aufmerksamkeit zu erregen.

«Schwulsein ist ein Defekt im Hirn»

Um 2.30 Uhr ziehen wir weiter und machen in der Innenstadt Bekanntschaft mit Dejan*. «Schwulsein ist eine Krankheit, das ist gegen die Natur. Etwas im Kopf stimmt da nicht», sagt der serbisch-stämmige 18-Jährige. Die «Krankheit» sei aber heilbar. «Schwule können mit ein paar Schlägen geheilt werden», sagt Dejan. In seinem Kollegenkreis sei es normal, Schwule zu verprügeln. «Wenn sich Schwule in der Öffentlichkeit küssen, müssen sie damit rechnen, geschlagen zu werden. Sie sind selber schuld.» Er selber habe aber noch nie zugeschlagen.

Vor dem nächsten Club sprechen wir mit Ivan* (19). Er sagt: «Schwulsein ist ein Defekt im Hirn. Das kann man nicht heilen.» Schliesslich heisse es «Adam und Eva» und nicht «Harald und Peter». Jeder richtige Mann lecke gerne Pussys. Das werde hoffentlich immer so bleiben.

Für Roberto* hingegen sind Schwule «ganz normale Menschen». Da in seinem Umfeld Schwule von einer grossen Mehrheit gehasst werden, möchte er anonym bleiben. «Homosexuelle sollten ihr Leben so führen dürfen, wie sie es wollen. Schliesslich sind sie auch Menschen aus Fleisch und Blut.»

Doch nicht nur junge Ausländer haben ein Problem mit homosexuellen Mitmenschen. Auch Martin (21), ein gebürtiger Schweizer, vergleicht Schwulsein mit einer Krankheit: «Das ist wie Aids, aber einfach unheilbar.» Auch er würde einen Homosexuellen schlagen. Warum? «Wenn mich ein Schwuler anmacht, ist das eine Provokation.»

*Name geändert

«Homophobie ist überall in der Gesellschaft weit verbreitet»

Herr Barrile*, gemäss den befragten Schwulen ist Homophobie ein Ausländerproblem.

Nein. Meine Erfahrung zeigt: Homophobie ist überall in der Gesellschaft noch immer sehr weit verbreitet. Es gibt etwa auch Täter aus dem rechts­extremen Bereich. Das ist nicht nur eine Migrationsfrage.

Wurden Sie selber schon angepöbelt?

Dass man beleidigt oder angespuckt wird, kommt immer wieder vor. Das erlebe ich ­heute noch. Vor zwanzig Jahren wurde ich in Zürich sogar tätlich ange­griffen. Auch dort gab es Leute, die zugeschaut, aber nicht ­geholfen haben. Auch heute fehlt teils eine gewisse Zivil­courage.

Was muss getan werden, um Homophobie einzudämmen?

Es braucht Präventionsmassnahmen, etwa in Schulen, und den politischen Willen, etwas zu ändern. Bis heute gibt es keine Statistik zu Beleidigungen oder Gewalt gegen Schwule. Ich bin aber zuversichtlich, dass die Schweizer Bevölkerung an der Volksabstimmung vom 9.  Februar für das Diskriminierungsverbot stimmt.

*Angelo Barrile ist SP-Nationalrat und schwul.

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