Gefährlicher Trend?: Schwule schützen sich mit Pille statt Gummi vor HIV
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Gefährlicher Trend?Schwule schützen sich mit Pille statt Gummi vor HIV

Bei Schwulen boomt eine Pille, die vor HIV schützt. Experte Daniel Seiler erklärt, wie das Medikament funktioniert.

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lz
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Gemäss Daniel Seiler, Geschäftsführer der Aidshilfe Schweiz, verwenden derzeit rund 150 bis 200 Menschen die Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP) zur HIV-Prävention.

Gemäss Daniel Seiler, Geschäftsführer der Aidshilfe Schweiz, verwenden derzeit rund 150 bis 200 Menschen die Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP) zur HIV-Prävention.

Keystone/Martial Trezzini
Trotzdem sei die Ablehnungsrate  von Kondomen in Schwulenkreisen laut dem regelmässig durchgeführten «Gay-Survey» stabil bei etwas über 30 Prozent.

Trotzdem sei die Ablehnungsrate von Kondomen in Schwulenkreisen laut dem regelmässig durchgeführten «Gay-Survey» stabil bei etwas über 30 Prozent.

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Dank moderner Medikamente sei das HI-Virus heute nicht mehr das Schreckgespenst, das es noch in den 80er- und 90er-Jahren gewesen sei. «Darum ist es schon möglich, dass in Zukunft mehr schwule Männer auf Kondome verzichten werden», sagt Seiler.

Dank moderner Medikamente sei das HI-Virus heute nicht mehr das Schreckgespenst, das es noch in den 80er- und 90er-Jahren gewesen sei. «Darum ist es schon möglich, dass in Zukunft mehr schwule Männer auf Kondome verzichten werden», sagt Seiler.

Keystone/Yoshiko Kusano

Herr Seiler*, laut dem «Magazin» sorgt die Prä-Expositions-Prophylaxe (PrEP) in der Schwulenszene für Furore. Wie verbreitet ist die Verwendung der Anti-HIV-Pille in der Schweiz

Genaue Statistiken haben wir nicht. Ich schätze, dass hierzulande derzeit rund 150 bis 200 Menschen PrEP zur HIV-Prävention verwenden.

Warum? Steigt die Abneigung gegenüber Kondomen?

Nein, die Zahl der homosexuellen Männer, die beim Sex mit wechselnden Partnern auf Kondome verzichtet, ist gemäss dem regelmässig durchgeführten «Gay-Survey» seit den 90er-Jahren stabil bei etwas über 30 Prozent. Bei Heterosexuellen liegt diese Rate laut einer kürzlich durchgeführten Umfrage von Love Life bei rund 50 Prozent. Das HI-Virus ist heute nicht mehr das Schreckgespenst, das es noch in den 80ziger und 90er Jahren war. Dank moderner Medikamente mutierte das Virus zu einer chronischen Krankheit. Ebenso ist es wissenschaftlich erwiesen, dass HIV-positive Menschen, die unter wirksamer Behandlung stehen, nicht ansteckend sind. Darum ist es schon möglich, dass in Zukunft mehr schwule Männer auf Kondome verzichten werden.

Wird PrEP auch von Heterosexuellen vermehrt verwendet?

Auch hier weiss man nichts Genaues. Man kann aber grundsätzlich sagen, dass eine PrEP-Behandlung für jeden in Frage kommt, der sexuell aktiv ist, regelmässig den Partner wechselt und Risikosituationen eingeht. Da ist es völlig wurst, ob die Person homo- oder heterosexuell, Mann oder Frau ist.

Stört es Sie nicht wenn Menschen auf PrEP zugreifen, statt ein Kondom zu verwenden?

Nein, ich sehe PrEP einfach als einen zusätzlichen Baustein in der HIV-Prävention. Wir wollen den Menschen nicht vorschreiben, wie sie ihre Sexualität zu leben haben. Aber man kann sie möglichst gut über die verschiedenen Präventionsmöglichkeiten und ihre jeweiligen Vor- und Nachteile aufklären.

Aber PrEP schützt ja nicht vor anderen sexuell übertragbaren Krankheiten wie Syphilis oder Gonorrhoe.

Das stimmt, aber diese kann man sich auf auf anderem Wege einfangen und sie sind meist leicht zu behandeln. Zudem gibt es Belege, dass die Korrelation zwischen ungeschütztem Sex und diesen anderen Krankheiten nicht so hoch ist, wie einst angenommen.

Wie kommt man denn in der Schweiz an PrEP?

Die Wirksamkeit der PrEP bei täglicher Einnahme ist wissenschaftlich belegt. Deshalb kann die PrEP – auch wenn diese Therapieform in der Schweiz noch nicht zugelassen ist – von jedem Arzt sogenannt off-label verschrieben werden. Die Kosten der PrEP werden von der Krankenkasse nicht übernommen.

Wie funktioniert das Medikament?

Es hindert den HI-Virus daran, sich in den weissen Blutzellen einzunisten. Man muss jeden Tag eine Pille einnehmen und dann ist man drei bis sieben Tage nach der Ersteinnahme geschützt. Damit der Schutz gewährleistet ist, muss die PrEP aber weiterhin kontinuerlich jeden Tag eingenommen werden.

Die möglichen Nebenwirkungen sind Leber- und Nierenschäden sowie eine Verringerung der Knochendichte. Sollte man das Medikament zur Prävention wirklich zulassen, wenn Kondome genausogut schützen?

Natürlich ist PrEP nicht wie Aspirin, darum sollte man PrEP nie ohne Voruntersuchung und Begleitung durch den Arzt einnehmen. Auch soll man sich während der Behandlung alle drei Monate untersuchen lassen. Das Medikament ist jedoch allgemein gut verträglich. Es ist aber wichtig, Patienten unter anderem auch ausführlich über die möglichen Nebenwirkungen aufzuklären.

* Daniel Seiler ist Geschäftsführer der Aidshilfe Schweiz

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