Homophobie: «Schwule Soldaten schuld an Srebrenica»
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Homophobie«Schwule Soldaten schuld an Srebrenica»

Niederländische UNO-Truppen versagten 1995 kläglich, als sie die Bewohner von Srebrenica schützen sollten. Ein amerikanischer Ex-General nannte einen Grund dafür und sorgte für Aufruhr.

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dhr/pbl

Ex-General Sheehan vor dem US-Senat (Quelle: YouTube)

John Sheehan (69), ein pensionierter US-General und ehemaliger NATO-Kommandant, sagte am 18. März vor US-Senatoren, die Anwesenheit von homosexuellen Soldaten in den niederländischen UNO-Streitkräften habe 1995 zum Fall der bosnischen Enklave Srebrenica beigetragen. Der Ex-General machte seine Äusserungen, die in den Niederlanden empörte Reaktionen auslösten, während einer Anhörung, bei der es um die Zulassung von bekennenden Homosexuellen in der US-Armee ging.

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991, führte Sheehan gemäss dem amerikanischen TV-Sender CNN aus, hätten «Nationen wie Belgien, Luxemburg, die Niederländer fest daran geglaubt, es bestehe kein Bedarf mehr an aktiver Kampfkraft-Kapazität in den Armeen». Aus diesem Grund hätten diese Länder Homosexuelle — gewissermassen als Friedens-Dividende — in ihren Streitkräften dienen lassen. Dies habe zu einer schlecht für den Krieg gerüsteten Armee geführt.

«Unterbesetzt und schlecht geführt»

Gezeigt habe sich dies in Srebrenica, als niederländische UNO-Truppen die bosnische Enklave vor den Serben schützen sollten: «Dieses Bataillon war unterbesetzt, schlecht geführt, und die Serben kamen in die Stadt, fesselten die Soldaten mit Handschellen an Telefonmasten, führten die Muslime weg und exekutierten sie.» Sheehan berief sich bei seinen Vorwürfen auf angebliche Aussagen von niederländischen Führungspersönlichkeiten. Namentlich nannte er einen holländischen Offizier, einen gewissen «Hankman Beerman», der die homosexuellen Soldaten als «Teil des Problems» gesehen habe.

Gemeint war der ehemalige Chef des niederländischen Generalstabs, Henk van den Breemen. Sheehans Vorwürfe sorgten für empörte Reaktionen. So bezeichnete der niederländische Verteidigungsminister Eimert van Middelkoop seine Äusserungen als «schändlich und militärisch unwürdig». «Dazu gibt es kein einziges Wort mehr zu sagen», fügte Van Middelkoop an.

«Dieser Mann ist einfach gestört»

Noch schärfer verurteilte der Präsident des Militär-Vereins ACOM die Auslassungen des amerikanischen Ex-Generals: «Dieser Mann ist einfach gestört», sagte Jan Kleian gemäss dem niederländischen TV-Sender NOS. «Es klingt hart, aber etwas anderes kann ich einfach nicht sagen, denn das ist völliger Schwachsinn.» Auch Henk van den Breemen bestritt die ihm nachgesagten Äusserungen.

Nun musste sich John Sheehan entschuldigen. In einem E-Mail, das am Dienstag vom Verteidigungsministerium in Den Haag veröffentlicht wurde, bedauerte der Ex-General seine Aussagen vor dem Senatsausschuss: «Es tut mir leid, dass meine öffentlich geäusserten Erinnerungen an Diskussionen, die vor 15 Jahren stattfanden, Ihre Ansichten zu bestimmten sozialen Themen im Militär unzutreffend wiedergegeben haben», schrieb Sheehan an van den Breemen. Er wolle klarstellen, dass das Versagen in Srebernica «nicht der Fehler einzelner Soldaten war», hielt der Amerikaner weiter fest.

General John J. «Jack» Sheehan

(23.8.1940) ist ein 1997 pensionierter General der United States Marines. Seine letzten aktiven Kommandos waren NATO-Oberbefehlshaber Atlantik (SACLANT) und Oberbefehlshaber des U.S. Atlantic Command (CINCUSACOM).

Sheehan ist ein erklärter Gegner der Zulassung von Homosexuellen im Armeedienst und verteidigt die gegenwärtige Politik, die vorsieht, dass Schwule und Lesben in der Armee nur dienen dürfen, wenn sie ihre sexuelle Orientierung verschweigen («Don't ask, don't tell»).

Das Massaker von Srebrenica

fand im Juli 1995 während des Bosnienkriegs statt. Dem von der UNO als Völkermord klassifizierten Kriegsverbrechen fielen bis zu 8000 bosnische Muslime — vor allem Männer und Jungen zwischen 12 und 77 Jahren — zum Opfer.

Das Massaker verübten Truppen und Polizeikräfte der Republika Srpska (Republik der bosnischen Serben) und serbische Paramilitärs unter der Führung des heute noch gesuchten Generals Ratko Mladiæ. Die Exekutionen fanden in der Umgebung von Srebrenica statt und dauerten mehrere Tage. Die Leichen wurden in Massengräbern verscharrt und zum Teil mehrfach umgebettet, um Spuren zu verwischen.

Die Bevölkerung von Srebrenica und Flüchtlinge, die dort Schutz gesucht hatten, wiegten sich vor der Ankunft der Serben in falscher Sicherheit, da die UNO die Stadt zur Schutzzone erklärt hatte. Diesen Schutz sollte das leicht bewaffnete niederländische «Dutchbat» leisten, das jedoch den serbischen Truppen keinen Widerstand leistete.

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