Aktualisiert 15.02.2018 04:41

Berner Film «Mario»Schwule YB-Kicker bangen um ihre Karriere

Das Film-Drama «Mario» erzählt von der Liebe zweier YB-Kicker. Warum ist Homosexualität im Profifussball noch immer ein Tabu? Der Regisseur und YB nehmen Stellung.

von
Simon Ulrich

Max Hubacher spielt den schwulen Berner Profifussballer Mario, der sich in seinen Mannschaftskollegen verliebt. (Trailer: Frenetic Films)

Talentiert, ehrgeizig, torgefährlich: YB-Nachwuchstalent Mario (gespielt vom Berner Schauspieler Max Hubacher) hat beste Aussichten auf einen Wechsel in die erste Mannschaft. Dann stösst Leon (Aaron Altaras) aus Deutschland zum Team, der Mario in punkto Treffsicherheit in nichts nachsteht. Könnte ihm der Neuling auf dem Weg nach oben gefährlich werden?

Es kommt anders: Die beiden verlieben sich ineinander und es beginnt eine Lovestory, die geprägt ist von Leidenschaft, aber auch von Heimlichtuerei und Angst. Denn Mario ahnt: Ein Coming-Out könnte ihn die Karriere kosten. Von diesem inneren Konflikt handelt der Film «Mario», der nächste Woche in den Schweizer Kinos anläuft.

Marktwert eines geouteten Spielers sinkt

Homosexualität im Profifussball ist auch 2018 noch ein Tabuthema. Das zeigt allein die Tatsache, dass sich bis heute kaum ein Spieler (der Engländer Justin Fashanu 1990 und der Amerikaner Robbie Rogers 2013 sind die Ausnahmen) während seiner Aktivzeit als schwul outete.

Für Regisseur Marcel Gisler (57), der für seinen Film in der Schweizer und deutschen Profifussball-Szene recherchiert hat, sind wirtschaftliche Gründe dafür verantwortlich. «Mit dem Fussball wird ein klassisch-archaisches Männlichkeitsbild vermarktet», sagt er. Und solange sich ein Produkt derart gut verkaufe, gebe es keinen Grund, etwas daran zu verändern. «Homosexualität passt offenbar einfach nicht mit diesem Männlichkeitsbild zusammen», so Gisler.

1 / 3
Der Macher: Marcel Gisler bringt das Tabuthema Schwulsein im Fussball ins Kino. Der Rheintaler, der heute in Berlin lebt, hat schon mehrere Filme homosexuellen Hauptfiguren realisiert.

Der Macher: Marcel Gisler bringt das Tabuthema Schwulsein im Fussball ins Kino. Der Rheintaler, der heute in Berlin lebt, hat schon mehrere Filme homosexuellen Hauptfiguren realisiert.

Frenetic Films
Der Schauspieler: Max Hubacher gilt als eine der grossen Schweizer Schauspiel-Hoffnungen. Für seine Rolle in «Der Verdingbub» wurde er mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet. Jetzt spielt er im Drama ...

Der Schauspieler: Max Hubacher gilt als eine der grossen Schweizer Schauspiel-Hoffnungen. Für seine Rolle in «Der Verdingbub» wurde er mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet. Jetzt spielt er im Drama ...

Javier Etxezarreta
... «Mario» einen schwulen Berner Fussballprofi, dessen Liebe zu Teamkollege Leon (Aaron Altaras) zum Problem wird.

... «Mario» einen schwulen Berner Fussballprofi, dessen Liebe zu Teamkollege Leon (Aaron Altaras) zum Problem wird.

Frenetic Films

Der Filmemacher ist überzeugt: Ein geouteter Spieler hätte Probleme, einen neuen Club zu finden, da er fortan als «schwierig» gelten würde – selbst wenn die sportliche Leistung stimmt. «Als Schwuler könnte er Unruhe in die Mannschaft bringen, etwa aufgrund der medialen Aufmerksamkeit oder weil Mitspieler aus chauvinistisch geprägten Kulturen nicht damit klar kommen», sagt Gisler. Ein Coming-Out würde daher seinen Marktwert verringern und seiner Karriere schaden.

Frauen als Tarnung für die Öffentlichkeit

Kein Wunder also, halten Clubführung und Management die Homosexualität eines Spielers lieber unter dem Deckel. Im Film verlangt ein deutscher Manager von den verliebten Teamkollegen, dass sie sich in der Öffentlichkeit mit Frauen «tarnen». Was grotesk anmutet, findet auch im realen Profi-Geschäft statt. «In der Bundesliga gab es vor drei Jahren vier schwule Fussballer, zwei davon hatten Schein-Freundinnen», weiss Gisler.

Ferner sei ihm der Fall eines südamerikanischen Nationalspielers zu Ohren gekommen. In dessen Vertrag sei klar festgehalten, dass sein Partner mitkomme und der Club die Kosten für Hotel und Sprachkurse der beiden übernehme. «Nach innen werden schwule Fussballer professionell betreut, nach aussen aber muss der Schein gewahrt werden», sagt Gisler.

Die Angst vor dem medialen Sturm

Die Young Boys unterstützten Gisler und die Filmcrew mit Trikots und Infrastruktur, aber auch mit fussballerischen Fachkenntnissen. 20 Minuten wollte von der Clubführung wissen: Wozu würde sie einem homosexuellen Spieler raten, der hin und her gerissen ist, ob er sich outen solle oder nicht? Für YB-CEO Wanja Greuel lässt sich die Frage nicht pauschal beantworten. «Wir würden sicher mit dem Spieler zusammensitzen und ein Gespräch führen. Den Entscheid über ein Coming-Out würde aber er allein fällen», sagt er.

Dass bis auf zwei Ausnahmen bisher kein Profifussballer ein Outing gewagt hat, führt Greuel auch auf das grosse mediale Echo zurück, das dadurch ausgelöst würde – gesehen am Beispiel des Profi-Schiedsrichters Pascal Erlachner. «Die Konzentration auf den Sport ist für einen Spieler enorm wichtig», sagt Greuel. «Viele hätten Angst, dass die mediale Aufmerksamkeit ihre Leistung beeinträchtigen könnte.» Umso mehr stünde die Clubführung in der Pflicht, für einen geouteten Spieler dazusein, ihn partnerschaftlich zu begleiten und ihn im Umgang mit den Medien zu unterstützen.

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.