15.11.2020 18:14

GlaubensgemeinschaftSchwuler Mormone (26) führt jahrelang ein Doppelleben

Sebastijan Gec (26) rutschte im Austauschjahr in Amerika in eine homophobe Glaubensgemeinschaft. Er beginnt ein Doppelleben: In der Kirche der perfekte Mormone, und nebenbei datet er heimlich Männer.

von
Alexander Wenger
Julia Ullrich
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Der 26-jährige Sebastijan mit zweien seiner Freunde aus der Mormonenkirche.

Der 26-jährige Sebastijan mit zweien seiner Freunde aus der Mormonenkirche.

privat
Der junge Mann kam bei einem Sprachaufenthalt mit der Glaubensgemeinschaft in Kontakt. «Ich hatte dort endlich Freunde und ein Umfeld, das sich für mich interessiert hat. Ich wollte dazugehören und begann, meine schwulen Gefühle zu verdrängen.»

Der junge Mann kam bei einem Sprachaufenthalt mit der Glaubensgemeinschaft in Kontakt. «Ich hatte dort endlich Freunde und ein Umfeld, das sich für mich interessiert hat. Ich wollte dazugehören und begann, meine schwulen Gefühle zu verdrängen.»

privat
Glücklich war Sebastijan, hier bei seiner Taufe, aber nicht: «In der Kirche war ich der perfekte Mormone und hielt mich offiziell an die Regeln. Nebenbei datete ich heimlich Männer.»

Glücklich war Sebastijan, hier bei seiner Taufe, aber nicht: «In der Kirche war ich der perfekte Mormone und hielt mich offiziell an die Regeln. Nebenbei datete ich heimlich Männer.»

privat

Darum gehts

  • Sebastijan ist 26 Jahre alt und schwul.

  • Mit 17 Jahren war er für einen Sprachaufenthalt in Amerika.

  • Seine Gastfamilie in Utah waren Mormonen, Homosexualität eine Sünde.

  • Nach seiner Rückkehr in die Schweiz führte Sebastijan ein Doppelleben und datete heimlich Männer.

«Ich wollte weg aus meinem alten Umfeld. Ich hatte wenig Freunde, eine schwierige Zeit in der Familie und war zu oft am Computer», sagt der 26-jährige Sebastijan. Mit 17 Jahren flog er deshalb direkt nach seinem Realschulabschluss nach Amerika, um sein Englisch zu verbessern. Dort kam er bei einer fünfköpfigen Gastfamilie in Utah unter. Gemeinsam gingen sie wandern, bowlen – und sonntags in die Kirche der Mormonen. Nach dem Gottesdienst lernte Sebastijan in der Männergruppe, wie er seine zukünftige Familie ernähren sollte.

Die Frauen hingegen hatten nichts zu sagen. Sie wurden reduziert auf die Kirche, Küche und Kinder. Doch auch die Männer mussten sich an Regeln halten. Für beide Geschlechter galt: Alkohol, Zigaretten und Kaffee waren des Teufels – ebenso Homosexualität. Obwohl die Mormonen seine Prinzipien nicht widerspiegeln, fühlte er sich dennoch gut aufgehoben: «Ich hatte dort endlich Freunde und ein Umfeld, das sich für mich interessiert hat. Ich wollte dazugehören und begann, meine schwulen Gefühle zu verdrängen», so der Luzerner zum Zurich Pride Podcast (auf 20 Minuten Radio und Spotify).

«Ich konnte mich nicht mehr gegen meine Gefühle wehren»

Sebastijan passt sich den Regeln der Kirche, soweit er kann, an. Ein Jahr lang betet er brav mit, hält sich an alle Regeln, hat sogar Dates mit Frauen. Nur ungern verabschiedet er sich am Ende seines Austauschjahres von seiner Gastfamilie. «Zurück in Luzern wurde ich depressiv», so Sebastijan. Er beginnt eine Lehre im Verkauf, geht in eine lokale Mormonengruppe, leitet sogar Bibelgruppen. Mit 18 die Taufe. Er erzählt: «Ich wollte endlich ganz in dieser Familie aufgenommen werden.» Er hüllt sich in ein weisses Gewand und taucht ins Taufbecken. Weil er seine schwulen Gefühle nicht mehr länger verleugnen kann, beginnt er ein Doppelleben: «In der Kirche war ich der perfekte Mormone und hielt mich offiziell an die Regeln. Nebenbei datete ich heimlich Männer.»

Irgendwann hält er das Versteckspiel nicht mehr aus. Das Outing bei seiner eigenen Familie an Weihnachten verläuft problemlos. Doch dann erhält er ein Aufgebot der Kirche zum Missionieren. Zwei Jahre lang hätte er in Amerika in schwarzen Hosen, weissem Hemd und Namensschild von Tür zu Tür marschieren sollen. Für Sebastijan unvorstellbar: «Ich konnte nicht mehr lügen, hab mich per Brief geoutet und stieg aus.» Noch ein paar Mal klopften die Mormonen an, doch Sebastijan versteckte sich in der Wohnung, und die Mutter schickte die ehemaligen Glaubensbrüder weg.

Hier die Folge zum Anhören: Episode 2 – Heimlich schwul bei den Mormonen

Heute ist der 26-Jährige froh, dass er den Schritt gewagt und sich auch bei seiner Gastfamilie geoutet hat. «Meine Gastmutter hatte es schon damals geahnt. Sie haben gut reagiert. Andere aus der Kirche haben mich hingegen auf Facebook entfreundet.» Dennoch sagt Sebastijan: «Ich bin glücklich mit meinem Leben heute.»

Was sind Mormonen?

Dem Mormonentum (auch Mormonismus) werden alle christlichen Glaubensgemeinschaften zugerechnet, die sich neben der Bibel auf das Buch Mormon berufen. Die grösste mormonische Kirche mit 16 Millionen Mitgliedern ist die seit 1838 bestehende Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (englisch: The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints; kurz LDS). Sie ist zumeist gemeint, wenn von Mormonen die Rede ist, obwohl sie seit 2018 nicht mehr so genannt werden möchte.

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