Aktualisiert 27.10.2009 14:41

Pariser UrteilScientology zu hohen Strafen verurteilt

Scientology muss in Frankreich wegen Betrugs hohe Geldstrafen bezahlen. Auf ein Verbot der Organisation wurde aber verzichtet. Derweil hat der Oscar-prämierte Drehbuchautor und Regisseur Paul Haggis der Sekte nach 35 Jahren den Rücken gekehrt.

von
pbl

Die beiden tragenden Einrichtungen, das «Celebrity Centre» und die Scientology-Bibliothek SEL, müssen 400 000 Euro (606 000 Franken) beziehungsweise 200 000 Euro (303 000 Franken) zahlen. Der Gründer und Leiter des französischen Ablegers, Alain Rosenberg, wurde zu zwei Jahren auf Bewährung verurteilt und muss 30 000 Euro Strafe zahlen, wie die Richter am Dienstag in Paris entschieden.

Das Pariser Gericht blieb hinter den Forderungen der Staatsanwaltschaft zurück, die vier Jahre auf Bewährung sowie eine Geldstrafe von 150 000 Euro für Rosenberg verlangt hatte. Die wichtigste Forderung der Anklagebehörde, nämlich die Auflösung der Organisation, ist wegen einer umstrittenen Gesetzesänderung nicht mehr möglich.

Nach Angaben der Regierungsmehrheit wurde das fragliche Gesetz aus Versehen innerhalb eines grossen Paketes zur Rechtsvereinfachung geändert - Kritiker von Scientology unterstellen der Organisation aber, die Nationalversammlung unterwandert zu haben. Die in Frankreich als Sekte eingestufte Organisation darf weiter tätig sein, urteilte das Gericht.

Urteil wird weitergezogen

Scientology hatte sich wegen «betrügerischer Machenschaften» vor Gericht verantworten müssen. Die Organisation warb neue Mitglieder demnach mit unlauteren Methoden an und nahm sie finanziell aus. Scientology und ihre Buchhandlung mussten sich zum ersten Mal als juristische Personen vor Gericht verantworten.

Scientology kündigte in einer Mitteilung an, das Urteil weiterzuziehen, «wenn nötig bis zum Europäischen Menschenrechtsgerichtshof». Die Geschichte habe gezeigt, dass derartige Urteile zuletzt für Scientology ausgingen, so die Organisation. Der Fall sei das Resultat politischen Druckes, der das Gericht «subtil beeinflusste». Die Scientology-Kirche werde die Entscheidungen gegen die einzelnen Scientologen weiterziehen, bis alle freigesprochen sein würden.

Oscar-Gewinner verlässt Scientology im Zorn

Die Church of Scientology schmückt sich gerne mit Hollywood-Prominenz. Ihre bekanntesten Aushängeschilder sind Tom Cruise und John Travolta. Während 35 Jahren gehörte auch der renommierte Regisseur und Drehbuchautor Paul Haggis der umstrittenen Sekte an. Er wurde 2006 mit einem Oscar für das beste Drehbuch von «Crash» ausgezeichnet, gleichzeitig wurde das Rassendrama auch zum besten Film des Jahres gekürt.

Nun aber hat Haggis seinen Austritt erklärt. Grund sei unter anderem die diskriminierende Haltung von Scientology gegenüber Homosexuellen, heisst es in einem Brief an Scientology-Sprecher Tommy Davis. Er könne «nicht guten Gewissens Mitglied in einer Organisation sein, in der die Diskriminierung von Schwulen toleriert» werde. «Schweigen ist Zustimmung, Tommy», heisst es in dem Brief von 19. August. «Und ich will nicht zustimmen.»

Der Brief wurde im Blog eines Ex-Scientologen veröffentlicht und im Internet weiterverbreitet. Haggis' Sprecher Ziggy Kozlowski bestätigte, dass das Schreiben von dem Regisseur stammt. Haggis erklärt ausserdem, Scientology fordere die Trennung seiner Mitglieder von Angehörigen und Freunden, die der Sekte ablehnend gegenüberstehen, dementiere dies aber in der Öffentlichkeit. Seine Frau Deborah Rennard sei zu diesem Verhalten aufgefordert worden und habe über ein Jahr nicht mit ihren Eltern gesprochen.

Illustre Liste der Aussteiger

Davis wies Haggis Aussagen als Missverständnisse zurück. Doch für die umstrittene Organisation ist der Austritt ein herber Schlag. Der britische «Guardian» schrieb, er habe von einer illustren Liste auf eine andere gewechselt – jene der Berühmtheiten, die sich einst Scientology angeschlossen hatten und wieder ausgetreten sind. Dazu gehören Nicole Kidman (die sich nach ihrer Scheidung von Tom Cruise auch von Scientology abwandte), der Sänger Van Morrison und der Komiker Jerry Seinfeld. (pbl/sda/dapd)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.