Aktualisiert 29.10.2007 16:02

Sefoloshas «Baby Bulls» vor Saison der Bestätigung

Die Chicago Bulls mit dem Schweizer Thabo Sefolosha stehen vor einer schwierigen NBA-Saison. Für das junge Team gilt es, die Fortschritte des letzten Jahres zu bestätigen und gleichzeitig die steigenden Erwartungen zu erfüllen.

Das erstmalige Überstehen einer Playoff-Runde seit dem Ende der goldenen Aera um Michael «Air» Jordan (1998) hat in Chicago für Verzückung gesorgt. Coach Scott Skiles ist es gelungen, ein Team aus jungen Spielern und erfahrenen Akteuren zu einer Einheit zu formen. Auf diese Saison hin wurde diese Mischung nochmals verfeinert. Mit dem Forward Joe Smith (32) kam der Nummer-1-Draft des Jahres 1995 mit fast 850 NBA-Einsätzen nach «Windy City». Die Rookies Joakim Noah, der Sohn des früheren Tennis-Profis Yannick Noah, und Aaron Gray verkörpern den dynamischen, sehr athletisch gebauten Spielertypen.

Experten trauen den Bulls einen weiteren grossen Fortschritt zu. Ob es für das Aufleben von alten Zeiten reichen wird, ist jedoch fraglich. Es fehle ein Star in Chicagos Team, bemängelte etwa Tony Mejia von CBS Sports in seiner Saisonexpertise. Als Beweis führte er an, dass die NBA-Champions der letzten zehn Jahre immer mindestens eine überragende Figur im Aufgebot hatten: Titelverteidiger San Antonio Spurs Tony Parker, Tim Duncan und früher David Robinson, die Miami Heat Shaquille O'Neal und Dwyane Wade und die Los Angeles Lakers O'Neal und Kobe Bryant.

Bryant bald ein Bulle?

Bryant strebte im Sommer mit aller Macht einen Transfer an. Die Rolle als Alleinunterhalter hat er offenbar satt. Stattdessen möchte er liebend gern im Trikot der Bulls für Furore sorgen. Noch ist der spektakuläre Transfer in weiter Ferne. Chicago hofft darauf, dass die Lakers im Poker um den Superstar irgendwann nachgeben. Sollte der Wechsel Tatsache werden, kommen die Bulls nicht darum herum, im Tauschgeschäft einen Skorer wie Ben Gordon (21,4 Punkte pro Spiel) oder Luol Deng (18,8) hergeben zu müssen.

Wenn die Vorbereitung ein Indiz auf das erste Saisonviertel ist, darf sich Thabo Sefolosha in seinem zweiten NBA-Jahr Hoffnungen auf längere Einsatzzeiten machen. Der Westschweizer, der es in seiner Rookie-Saison in 71 Einsätzen (viermal von Beginn weg) auf durchschnittlich 3,6 Punkte, 2,2 Rebounds und 12,2 Minuten Spielzeit gebracht hatte, gehörte in den letzten Wochen zu den gefragtesten Bulls-Akteuren. Die vorsaisonalen Werte (8,0 Punkte, 3,3 Rebounds, 22,3 Minuten Einsatzzeit) lagen klar höher. Weil sich Ben Wallace, Tyrus Thomas und Noah in der Vorbereitung verletzt haben, dürfte Sefolosha in der Nacht auf Donnerstag im ersten Spiel bei den New Jersey Nets sogleich Präsenz markieren.

Boston mit starkem «Triumvirat»

Chicagos Kampf um einen vorderen Platz in der Eastern Conference wird ein harter werden. Insbesondere die Boston Celtics, die mit nur 24 Siegen in 82 Spielen und einer Niederlagenserie von 18 Partien im letzten Winter auf eine miserable Saison zurückblicken, haben massiv aufgerüstet. Von Minnesota stiess der zehnfache Allstar Kevin Garnett gegen die Abgabe von fünf Spielern und zwei Draftrechten zum Rekordmeister, aus Seattle kam Topskorer Ray Allen. Zählt man die Ausbeute von Bostons bisheriger Leaderfigur Paul Pierce dazu, weist das neue «Triumvirat» einen Karriere- Durchschnitt von 65,5 Punkten pro Spiel aus. Neben den Celtics zählen die Miami Heat und die Detroit Pistons zum Favoritenkreis im Osten.

Die seit Michael Jordans Rücktritt traditionell stärkere Western Conference stellte in den letzten zehn Jahren sieben Mal den Champion. Als personell kaum veränderter Titelverteidiger und mit der Referenz von drei Titeln seit 2003 (dazu jener von 1999) steigen die San Antonio Spurs ins Rennen. Die Dallas Mavericks um «German Wunderkind» Dirk Nowitzki, der als erster Europäer zum «wertvollsten Spieler der NBA» gewählt worden ist, wollen sich nach dem überraschenden Erstrunden-Out gegen die Golden State Warriors rehabilitieren. Auch den offensiv ungemein starken Phoenix Suns mit dem Kanadier Steve Nash ist einiges zuzutrauen.

National Basketball Association (NBA). Erste Spiele. Nacht auf Mittwoch: San Antonio Spurs (Titelverteidiger) - Portland Trail Blazers, Los Angeles Lakers - Houston Rockets, Golden State Warriors - Utah Jazz. - Nacht auf Donnerstag: New Jersey Nets - Chicago Bulls (Thabo Sefolosha). Toronto Raptors - Philadelphia 76ers, Orlando Magic - Milwaukee Bucks, Indiana Pacers - Washington Wizards, Cleveland Cavaliers - Dallas Mavericks, Memphis Grizzlies- San Antonio Spurs, Denver Nuggets - Seattle SuperSonics.

(si)

«Ich will meine Einsatzzeit erhöhen»

Thabo Sefolosha, der Start der NBA-Saison rückt immer näher. Sind Sie bereit, das Abenteuer wieder aufzunehmen?

Sefolosha: «Natürlich. Ich fühle mich körperlich bereit. Die leichte Verletzung an der Leiste ist ausgestanden.»

Sie hatten im Sommer ein chargiertes Programm mit Einsätzen für das Schweizer Nationalteam in der EM-Vorqualifikation und in der Vorbereitung mit den Bulls. Spüren Sie keine Folgen davon?

Sefolosha: «Im Gegenteil, es hat mich weiter gebracht. Ich bin mir bewusst, was ich leisten kann. Die harte Vorbereitung dient mir als Basis für schwierige Zeiten. Ich sprach mit den Assistenztrainern. Sie schätzten meine Arbeit während der Sommerpause. Nun hoffe ich, bei Chicago ähnliche Leistungen erbringen zu können wie im Nationalteam.»

Wie verlief die Vorbereitung mit den Bulls?

Sefolosha: «Ich musste mich erst wieder an die nordamerikanischen Regeln gewöhnen. Insgesamt verlief sie aber gut. Ich komme in ein Umfeld zurück, das ich gut kenne. Deshalb kam ich viel besser aus den Startblöcken als im letzten Jahr.»

Mit welchen Erwartungen steigen Sie in die Saison?

Sefolosha: «Ich will meine Einsatzzeit erhöhen. Im ersten Jahr kam ich auf rund zwölf Minuten pro Spiel. Deshalb wäre ich mit einer Verdoppelung dieser Zahl zufrieden. Ich brauche Zeit, um dem Coach zu beweisen, dass ich zu Recht zum Kader der Bulls gehöre.»

Dieses Kader scheint noch ausgeglichener besetzt zu sein als im letzten Jahr...

Sefolosha: «... und das ist auch gut so. Es umfasst junge, talentierte Spieler, die noch viel beweisen müssen. Ich glaube, dass uns die Erfahrung aus den Playoffs 2007 zuträglich sein wird. Luol Deng, Ben Gordon, Kirk Hinrich, Tyrus Thomas und auch ich, wir alle müssen unseren Mann stehen. Wir sind sehr motiviert.»

In den letzten Tagen hat sich das Gerücht um den Zuzug von Kobe Bryant intensiviert.

Sefolosha: «Ich habe davon gelesen, aber ehrlich gesagt verstehe ich es nicht ganz. Nun, ich bin ein Spieler der Organisation und kenne nicht alle Fakten, um mir ein abschliessendes Urteil bilden zu können. Ich glaube jedoch nicht, dass der Transfer zu Stande kommen wird.»

Sie wären durch den Wechsel von Bryant womöglich in das Tauschgeschäft involviert.

Sefolosha: «Ich ziehe es vor, keinen Gedanken daran zu verschwenden. Wenn ich mir bei jedem Gerücht vorstellen würde, was danach in meinem Leben passiert, so ist das pure Energieverschwendung. In meinem Kopf gibt es nur den Zweijahresvertrag in Chicago. Während dieser Zeit werde ich nur für die Bulls spielen.»

Bis wohin können es Chicago und Thabo Sefolosha bringen?

Sefolosha: «So weit wie möglich (lacht)! Das Team machte in den letzten Jahren konstante Fortschritte. Nachdem in den Playoffs zwei Mal in der ersten Runde Endstation war, schaffte es der Verein in der letzten Saison in die Conference-Halbfinals (NBA-Viertelfinal. - Red.). Wir werden versuchen, dieses Resultat zu toppen. Warum auch nicht mit dem Titelgewinn?»

Wenn Sie 100 Dollar auf den Champion setzen würden: Wer wäre ihr Favorit?

Sefolosha: «Schwer zu sagen. Ich zweifle daran, dass es San Antonio sein wird. Detroits Team ist wohl zu alt geworden, um etwas zu reissen. Warum nicht Boston? Es hängt aber vieles mit dessen Saisonstart zusammen. Wenn ich auf jemanden setzen muss, so wähle ich Chicago. Dann habe ich wenigstens das Schicksal in den eigenen Händen.»

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