Nach Niederlage: Sehen wir Marine Le Pen in fünf Jahren wieder?
Aktualisiert

Nach NiederlageSehen wir Marine Le Pen in fünf Jahren wieder?

Was an Emmanuel Macron für Frankreich untypisch ist und wie es mit Marine Le Pen weitergeht – Frankreich-Experte Gilbert Casasus gibt Auskunft.

von
Ann Guenter
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Paris feiert den neuen Präsidenten: Vor dem Louvre stieg am Sonntag die Party.

Paris feiert den neuen Präsidenten: Vor dem Louvre stieg am Sonntag die Party.

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Der frischgewählte Präsident machte sich nach seiner Rede vor dem Louvre auf dem Weg zum Wahlbunker in Paris.

Der frischgewählte Präsident machte sich nach seiner Rede vor dem Louvre auf dem Weg zum Wahlbunker in Paris.

Philippe Lopez
Vor dem Louvre tanzten und feierten seine Fans aber noch lange.

Vor dem Louvre tanzten und feierten seine Fans aber noch lange.

AP/Emilio Morenatti

Herr Casasus, um was hätten Sie gewettet, dass Macron gewinnt?

Ich wette nie. Aber ich musste schon früh viele Leute beruhigen, dass Le Pen keine Chance hat. Da stand für mich schon etwas auf dem Spiel. Doch für mich als schweizerisch-französischer Doppelbürger war sehr deutlich zu spüren, dass die Bevölkerung einen grossen Wandel will, ohne die Demokratie infrage zu stellen. Insofern war Macron der Kandidat der Stunde.

In Stichworten: Wieso wurde Macron gewählt?

Wertetreue, Wunsch nach Wandel und ein Votum gegen den Extremismus.

65 Prozent, das ist ja verblüffend eindeutig – auch für Sie?

Ja, nicht der Sieg Macrons, aber diese hohe Zustimmung überrascht auch mich. Und auch kein Umfrageinstitut hat so etwas prognostiziert. Die 65 Prozent sind die Überraschung des Abends. Macrons Wahlziel wurde damit übertroffen. Man hat fast ein Kräfteverhältnis von zwei Dritteln gegen ein Drittel! Was wohl eine Rolle spielte, war, dass Le Pen sich letzten Mittwoch bei der TV-Debatte total daneben verhielt. Zwei Drittel der Franzosen haben den Rechtsextremismus abgelehnt.

Zwei Drittel haben den Rechtsextremismus abgelehnt, aber nicht unbedingt Macrons Programm angenommen …

Das stimmt. Aber die Zustimmung von 65 Prozent zeigen auch, dass es eine Grundlage gibt, auf der die Franzosen aufbauen wollen. Keine 65 Prozent der Franzosen wollen Macrons Programm. Aber 65 Prozent haben erkannt, dass Macron die beste Lösung dafür ist, eine Vereinbarung zwischen einem grundsätzlichen Wandel und der Beibehaltung der demokratischen Werte zu erzielen.

Anfangs hatte man Macron ja keine Chance gegeben.

Was für ein Fehler der etablierten Parteien. Sie haben Macron als Modeerscheinung angesehen, ihn vollkommen unterschätzt. Seine Ideen kamen viel besser an als die der etablierten Parteien.

Macron ist der jüngste Staatschef Frankreichs. Hat man ihn auch wegen seines Alters nicht ernst genommen?

Sicher. Und auch wegen seiner Laufbahn: Er war in der Politik und in der Privatwirtschaft gleichermassen tätig, was sehr untypisch ist für Frankreich.

Le Pen gratulierte Macron. Wie wirkte sie auf Sie?

Sie war sehr enttäuscht, das merkte man ihr an. Sie versuchte, besser aufzutreten, als sie es noch in der TV-Debatte vom letzten Mittwoch tat. Aber die Niederlage ist bitter für sie – obwohl sich bereits in den letzten zwei Monaten klar ein Abwärtstrend abgezeichnet hat.

Worauf führen Sie das zurück?

Bei der TV-Debatte kam sie sehr vulgär herüber und unterbrach die ganze Zeit, das mochten viele Wähler gar nicht. Viele begannen, Le Pen zu durchschauen: Sie versuchte, sich als friedliche, nicht extreme, gütige Frau zu profilieren. Doch der Lack blätterte immer mehr ab, die gutbürgerliche Mutter konnte die Rechtextremistin in ihr nicht überspielen.

Ist der Lack nachhaltig ab oder sehen wir Madame Le Pen in fünf Jahren wieder?

Das ist immer sehr schwierig zu sagen. Aber seit 1981 ist im zweiten Wahlgang nie ein Herausforderer angetreten, der in einer früheren Präsidentschaftswahl unterlag. Le Pen sagte nach ihrer Niederlage, sie wolle den FN zu einer neuer Partei umwandeln. Das heisst, die Zeit des FN, wie man ihn heute kennt, ist heute Abend zu Ende. Allerdings muss man aufpassen: Das könnte auch nur Show sein. Sicher ist: Wir wissen nicht, wie Frankreich in fünf Jahren aussieht, aber es muss besser aussehen. Es braucht unbedingt Reformen, angefangen bei der hohen Jugendarbeitslosigkeit.

Kann Macron in den Parlamentswahlen im Juni eine eigene Mehrheit zusammenbekommen?

Der Ausgang im Juni ist ungewiss. Für Macron wäre es das Schlimmste, wenn er als Präsident alle seine Kandidaten verliert, keine Mehrheit zusammenbringt und ein unregierbares Frankreich vor sich hat. Macrons Strategie wird ganz auf der Botschaft beruhen: Wir müssen eine Mehrheit im Parlament erreichen, um das Programm durchzusetzen, das ich bislang mit unterschiedlichen Kräften vertreten habe. Möglicherweise stellt er eine Koalitionsregierung zur Debatte, etwas, was es in Frankreich in dieser Form noch nie gegeben hat.

Macron sagte in seiner Dankesrede vom Abend: Une nouvelle page s'ouvre. Was für eine neue Seite will er für Frankreich aufschlagen?

Er will, dass seine Bewegung En Marche viele Abgeordnete ins Parlament schickt. Dass viele offene Geister sowohl der Sozialisten als auch der Konservativen mit seinen Leuten eine pluralistische Mehrheit bilden werden, die zusammen die Reformen durchsetzen können, was bislang in einem in Lager geteilten Parlament nicht möglich war.

Le Pens Tanzeinlage nach der Niederlage:

Marine bittet zum Verlierertanz

Le Pen zeigt sich nach ihrer Niederlage als Rockerin und feiert zu «I love Rock 'n' Roll».

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