Boston-Bomben: «Sei nicht dumm, hat Tamerlan gesagt»
Aktualisiert

Boston-Bomben«Sei nicht dumm, hat Tamerlan gesagt»

Der Mann, der mitsamt seinem Wagen von den beiden mutmasslichen Bombenwerfern von Boston gekidnappt worden war, hat erstmals über die bangen Stunden mit Tamerlan und Dschochar Zarnajew gesprochen.

von
bem

In einem Exklusiv-Interview mit der Tageszeitung «Boston Globe» (Artikel online nicht verfügbar) erzählt «Danny» von den wohl angsteinflössendsten Stunden seines jungen Lebens. Der 26-Jährige hat nur unter der Bedingung eingewilligt, der Zeitung ein Interview zu geben, dass sein chinesischer Name nicht genannt werde.

Er habe kurz am Strassenrand angehalten, erzählt Danny, um ein SMS zu schreiben, als ein schwarz gekleideter Mann an die Scheibe auf der Mitfahrerseite geklopft habe. Weil er nicht verstanden habe, was der Mann wollte, habe er das Fenster geöffnet.

Der Unbekannte habe sofort hineingegriffen, die Tür geöffnet und sei ins Auto gestiegen, mit einer Waffe in der Hand. «Sei nicht dumm», habe Tamerlan Zarnajew gesagt und gefragt, ob er von den Bomben am Boston Marathon gehört habe. «Das war ich. Und ich habe soeben einen Polizisten in Cambridge getötet.» Danny sagt, er habe nur gedacht: Ich will nicht sterben.

Danny hatte Mühe, in der Spur zu bleiben

Dann habe Zarnajew Geld verlangt. Danny gab ihm 45 Dollar. Zarnajew befahl ihm loszufahren. Ein anderes Auto, gefahren von Dschochar Zarnajew, sei ihnen gefolgt. Irgendwann habe Tamerlan Zarnajew ihm gesagt, er solle sich beruhigen, erzählt Danny, denn er sei so nervös gewesen, dass er Mühe gehabt habe, in der Spur zu bleiben: «Mein Herz schlug wie wild.»

Danny sagte Zarnajew, dass er erst seit einem Jahr in den USA sei und noch studiere. «Ach, deshalb ist dein Englisch nicht sehr gut», sagte Tamerlan darauf. «Ok, du bist Chinese, ich bin Moslem.» Danny antwortete laut «Boston Globe»: «Chinesen sind sehr nett zu Moslems. Wir sind so nett zu Moslems.»

Tatsächlich kam Danny 2009 nach Boston, um einen Master in Ingenieurswissenschaften zu machen, und kehrte 2012 nach China zurück. Vor zwei Monaten erhielt er eine Arbeitsbewilligung für die USA und kehrte zurück, um in einem Start-up zu arbeiten. Aber er versuchte, sich möglichst ähnlich darzustellen wie sein Entführer und spielte auch den Wert des Autos herunter.

Die Brüder luden Dinge von einem Auto ins andere

Irgendwann befahl ihm Tamerlan, in einer Seitenstrasse anzuhalten. Er und und sein jüngerer Bruder Dschochar brachten Dinge aus Dschochars Auto in Dannys Mercedes SUV. Dann stieg Dschochar zu und Tamerlan übernahm das Steuer. An einem Bankomaten in Watertown bezog Dschochar mit Dannys Bankkarte und Code Bargeld. Danny erzählt, danach hätten die beiden in einer fremden Sprache gesprochen und er habe nur das Wort Manhattan heraushören können. Die Brüder fragten, ob sein Auto ausserhalb des Bundesstaates Massachusetts gefahren werden könne. «Was meint ihr damit?», fragte Danny zurück. «Zum Beispiel in New York» war die Antwort.

Als Dannys Telefon klingelte, sagte Tamerlan, er solle antworten, aber wenn er ein Wort auf Mandarin sage, werde er ihn erschiessen. Danny antwortete auf Englisch. Am anderen Ende war ein Freund seines WG-Mitbewohners. Er werde bei einem Freund übernachten, sagte Danny, er müsse jetzt auflegen.

Ständig Fluchtpläne gewälzt

Danny sagte dem «Boston Globe», er habe ständig an eine mögliche Flucht gedacht und sich Strategien überlegt. Einmal habe er versucht, den Sitzgurt hinter seinem Körper zu schliessen, nachdem er ihn gelöst hatte, um eine Jacke anzuziehen. Tamerlan habe ihn aber genau beobachtet und gesagt, er solle keinen Blödsinn machen.

Dannys Chance kam, als Dschochar in eine Tankstelle hineingehen musste, weil nachts das Tanken mit Kreditkarte nicht möglich war. Während Tamerlan einen Moment unaufmerksam war und mit einem Navigationsgerät herumspielte, öffnete Danny mit einer Hand den Gurt und mit der anderen die Tür, sprang heraus und rannte über die Strasse zu einer anderen Tankstelle.

«Ich wusste, wenn ich es nicht schaffe, wird er mich erschiessen, mich ohne Umschweife töten. Ich tat es einfach. Ich tat es sehr schnell, brauchte beide Hände gleichzeitig, sprang raus und ging.» Die Brüder Zarnajew verfolgten ihn nicht, sondern fuhren davon. Danny versteckte sich in der anderen Tankstelle in einem Abstellraum und sagte dem Tankwart, er solle die Polizei rufen.

Es waren rund 90 Minuten vergangen, seit Danny ein SMS senden wollte. Die nächsten zwölf Stunden wurde der Ingenieur aus China von der Polizei befragt. Als er vom Tod Tamerlans erfuhr, war er erleichtert. Und als am Samstag morgen die Meldung über Dschochars Verhaftung kam, fühlte er sich erstmals wieder sicher.

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