Aktualisiert

Vergewaltigungs-VorwurfSein grosses Problem sind die Frauen

Seit Jahren sind die Affären von Dominique Strauss-Kahn in Frankreich ein offenes Geheimnis. Ein Biograph bezeichnet ihn als «Verführer», doch frühere Bekanntschaften sehen das anders.

von
kle

«Er ist ein bekannter Verführer, das ist eine Tatsache, aber keinesfalls ein Vergewaltiger», schrieb Michel Taubman in einem Artikel in der französischen Presse, einen Tag nach der Festnahme von Dominique Strauss-Kahn in New York. Taubman glaubt zu wissen, wovon er spricht: Vergangene Woche veröffentlichte er eine autorisierte Biografie über den IWF-Chef, «Die wahre Geschichte des Dominique Strauss-Kahn».

Der ehemalige Hoffnungsträger der französischen Sozialisten sei ein «dragueur malade», ein «kranker Aufreisser», heisst es da. DSK sei bekannt dafür, an einem einzigen Abend seine Handynummer an mehrere Frauen mit dem expliziten Hinweis zu vergeben, ihn für ein privates Treffen anzurufen, schreibt zum Beispiel die linksliberale «Libération».

«Es ist ein offenes Geheimnis, dass DSK ein Problem mit Frauen hatte», so der Autor der Zeitung. So soll Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy ihm gar geraten haben, als Chef des Internationalen Währungsfonds nicht mehr «alleine mit einer Frau im Fahrstuhl zu fahren».

Affären eindeutig beschrieben

Ein Charmeur, ein Verführer, ein Schürzenjäger – Frauen sind seit Jahren ein «Schwachpunkt» im Leben von DSK, heisst es im Umfeld des Mannes, der in den letzten Umfragen in der Wählergunst klar vor dem konservativen Präsidenten Nicolas Sarkozy lag. In «Sexus Politicus», einem Buch über das Liebesleben der französischen Politiker, das 2006 erschien, werden Strauss-Kahns Affären eindeutig beschrieben – ohne den Politiker beim Namen zu nennen. Doch es war klar, um wen es sich dabei handelte.

Während den Vorarbeiten zu seinem Buch «Hold-uPS, Betrug und Verrat» kündigte Frédéric Lefebre an, er habe brisantes Bildmaterial, das die Untreue von DSK – so die Kurzform von Strauss-Kahn – unter Beweis stellt. «Er wird sich keine Woche halten können, wenn diese Bilder in Umlauf kommen», meinte der damalige Pressesprecher von Sarkozys Partei UMP im Jahr 2006, nicht ohne Genugtuung. «Die Fotos gibt es! Wir werden sie veröffentlichen und das wird den Franzosen nicht gefallen.» 2009, als das Buch endlich in den Handel kam, dementierte Lefebre allerdings die Existenz der Bilder.

Eine Affäre im IWF

Ein gespanntes Verhältnis zum weiblichen Geschlecht machten auch weitere Autoren bei DSK aus: «Das grosse Problem von Strauss-Kahn ist seine Beziehung zu den Frauen», schrieb der Journalist Jean Quatremer 2007 in seinem Blog. «Sein Verhalten wechselt sehr rasch von Belästigung zu Bedrängung – eine Masche, die den Medien wohl bekannt ist, über die aber keiner redet, schliesslich sind wir in Frankreich.» Kurz nach diesem Eintrag, im November 2007, wurde Dominique Strauss-Kahn zum Chef des Internationalen Währungsfonds ernannt.

Entweder hatte der Journalist eine Vorahnung – oder er wusste genau, wie sich DSK verhalten würde. Tatsächlich dauerte es nicht lange, da flog sein Verhältnis mit einer IWF-Angestellten auf, der ungarischen Ökonomin Piroska Nagy. Nachdem Nagys E-Mails entdeckt wurden, veranlasste der IWF-Verwaltungsrat eine Untersuchung. Seine Geliebte beschuldigte ihn der Nötigung. «Monsieur Strauss-Kahn hat seine Macht missbraucht, um eine Beziehung mit mir zu führen», schrieb die Ungarin in einem Brief an den Rat. «Ich hatte das Gefühl, dass ich verliere, wenn ich sein Angebot nicht annehme, und dass ich verliere, wenn ich es annehme.» Sie befürchte, «dieser Mann» habe ein Problem, dass ihn «nicht fähig macht, eine Organisation zu leiten, in der auch Frauen arbeiten».

Ein Mitarbeiter des IWF sagte damals: «Wir alle wissen, dass er mit Frauen ein Problem hat. Er selbst weiss es auch, und er passt auf, seine Mitarbeiter passen auf und seine Frau auch.» Der Währungsfonds sprach DSK nach einer externen Untersuchung vom Vorwurf frei, Druck auf Nagy ausgeübt zu haben. Allerdings bezeichnete man sein Verhalten als «bedauerlich» und als Ausdruck einer «schweren Fehleinschätzung». Die Mitarbeiterin verliess den IWF und trat eine Stelle bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung an. Strauss-Kahn entschuldigte sich bei seiner dritter Ehefrau Anne Sinclair und bei seinen Mitarbeitern.

Der schwerste Fall endet ohne Klage

Doch es gibt einen weiteren, besonders gravierenden Fall: Im gleichen Jahr trat die junge Journalistin und Schrifstellerin Tristane Banon in der Fernsehsendung «93, Faubourg Saint-Honoré» auf. Dabei erzählte sie, wie Dominique Strauss-Kahn, damals noch Abgeordneter, sie im Jahr 2002 in einer Pariser Wohnung zu vergewaltigen versuchte. Banon, Tochter der sozialistischen Politikerin Anne Mansouret, habe den Politiker für ein Interview getroffen. «Er lud mich in eine leere Wohnung ein. Dort standen nur ein Videogerät, ein Fernseher und ein grosses Bett.» Während dem Gespräch habe DSK gewünscht, dass «ich seine Hand halte, nachher den Arm».

Schliesslich sei er über sie hergefallen: «Wir kämpften am Boden, er wollte meinen BH öffnen und meine Jeans runterziehen. Ich erwähnte das Wort 'Vergewaltigung', doch das schreckte ihn auch nicht ab.» Banon konnte schliesslich fliehen. Eine Anzeige erstattete die junge Journalistin allerdings nicht: «Ich wollte nicht als diejenige in Erinnerung bleiben, die mit DSK ein Problem gehabt hat.» Sie habe einen Anwalt aufgesucht, einen Spezialisten im Bereich sexuelle Übergriffe: «Der hatte einen ganzen Stapel Dossiers über diesen Typen.»

«Als ich meine Tochter später an dem Tag gesehen habe, war der Reissverschluss ihrer Jeans zerrissen, sie hatte einen Absatz verloren», sagte Banons Mutter. Sie habe es später bereut, DSK nicht angezeigt zu haben.

Biografie ist unglaubwürdig

Nun hat nicht nur Strauss-Kahn, sondern auch Michel Taubman ein Problem: Eine Woche nach dem Erscheinen seiner autorisierten Biografie ist das Werk bereits unglaubwürdig. Im Bestreben, den Namen seines Auftraggebers reinzuwaschen, zitiert Taubman eine enge Mitarbeiterin von DSK. Valérie Bensaïd dreht den Spiess um: «Dominique ist mehr der Verführte als der Verführer», sagt sie. «Eigentlich könnte man hier von sexueller Belästigung reden. Aber Dominique ist das Opfer!» Wer wirklich das Opfer ist, muss nun die amerikanische Justiz klären.

Französin beschuldigt Strauss-Kahn wegen sexueller Belästigung

In Frankreich hat eine weitere Frau, die Journalistin und Schrifstellerin Tristane Banon, Sexvorwürfe gegen den in New York festgenommenen IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn erhoben. Seine Mandantin sei vor neun Jahren von Strauss-Kahn sexuell belästigt worden, sagte der Anwalt David Koubbi am Montag in Paris. Die Frau wolle nun Klage gegen den Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) einreichen.

Seine Mandantin habe zuvor auf eine Klage verzichtet, weil Druck auf sie ausgeübt worden sei, sagte Koubbi. Auch ihre eigene Mutter, einer sozialistische Regionalpolitikerin, habe ihr davon abgeraten. Nun wisse die Frau «dass sie gehört und ernst genommen werden wird», erklärte der Anwalt. (kub/ap)

Deine Meinung

Fehler gefunden?Jetzt melden.