Wings for Life Run: Sein letzter Sprung war einer in ein neues Leben
Aktualisiert

Wings for Life RunSein letzter Sprung war einer in ein neues Leben

Matthias Lötscher war der Höhenflieger der Schweizer Nordisch-Kombinierer – bis zu seinem Sturz von der Schanze. Dank Spitzensport entdeckt er neue Höhenflüge. Der Willensmensch im Porträt.

von
Sulamith Ehrensperger
1 / 6
Nachts träumt der ehemalige Skispringer Matthias Lötscher manchmal vom Über-die-Schanze-fliegen. Er war schon immer ein positiver Mensch: «Auch der Spitzensport hat mich so geformt.»

Nachts träumt der ehemalige Skispringer Matthias Lötscher manchmal vom Über-die-Schanze-fliegen. Er war schon immer ein positiver Mensch: «Auch der Spitzensport hat mich so geformt.»

Stevan Bukvic, 20 Minuten
So viel vermisse er von seinem vorherigen Leben gar nicht, sagt Lötscher. «Ich habe mich so an den Rollstuhl gewöhnt, dass ich gar nicht mehr weiss, wie es vorher war.»

So viel vermisse er von seinem vorherigen Leben gar nicht, sagt Lötscher. «Ich habe mich so an den Rollstuhl gewöhnt, dass ich gar nicht mehr weiss, wie es vorher war.»

Stevan Bukvic, 20 Minuten
Der Wings for Life Run ist das globalste Rennen der Welt. Neben 33 Runs weltweit kann jeder mit einer App seinen eigenen Lauf starten. Alle laufen gleichzeitig los, bis einen der Catcher Car einholt, der 30 Minuten nach dem Start losfährt.

Der Wings for Life Run ist das globalste Rennen der Welt. Neben 33 Runs weltweit kann jeder mit einer App seinen eigenen Lauf starten. Alle laufen gleichzeitig los, bis einen der Catcher Car einholt, der 30 Minuten nach dem Start losfährt.

Wings for Life / Red Bull

«Noch ein Sprung, dann machen wir Schluss für heute», rief der Skisprungtrainer seinem Sprössling zu. Für den damals 18-jährigen Matthias Lötscher war es ein Sprung in ein neues Leben. «Ich bin ein bisschen knapp vom Schanzentisch abgesprungen», erinnert er sich, «in der Luft zog mir der Wind einen der Ski nach hinten.»

Lötscher stürzte Kopf voran in die Tiefe, schleuderte durch die Luft, prallte mehrmals auf. «Ich merkte, dass ich mich nicht wehren kann. Ich blieb im Auslauf der Schanze liegen und dachte: Glück gehabt.» Als er aufstehen wollte, schaffte er es nicht. Sein Team eilte zu Hilfe. Er bat einen Kollegen, ihn in die Beine zu kneifen. Er spürte nichts.

Die Karriere des Hoffnungsträgers der Schweizer Nordisch-Kombinierer endete an diesem Tag auf der Schanze von Kandersteg. Zwölf Jahre ist es her, seither ist Lötscher querschnittgelähmt. Auch nach diesem Schicksalsschlag ist der Dreissigjährige ständig in Bewegung.

So auch diesen Sonntag, wenn er beim Wings for Life Run startet. Beim Charity-Rennen ohne Ziellinie werden er und die weiteren Teilnehmenden von einem Catcher Car gejagt. Wer überholt wird, für den ist der Run zu Ende. «Früher hätte ich alles gegeben, damit ich nicht eingeholt werde.» Lötscher hat ein Team von Freunden mobilisiert und fährt einfach, so weit er kann: «Nicht Bestleistung zählt, sondern Gemeinschaftsleistung». Alle Wings-for-Life-Runner, die weltweit zur gleichen Zeit starten, unterstützen mit ihren Startgeldern die Forschung zur Heilung von Querschnittlähmung.

Sport ist und bleibt Lötschers Leidenschaft. Schon als Zweitklässler bezwang er auf Ski die Schanzen. Als Jugendlicher war er Mitglied der Junioren-Nationalmannschaft. Auch nach dem Unfall kämpfte er sich als Rollstuhl-Rugby-Spieler zurück an die sportliche Spitze: Mit den Fighting Snakes reiste er mehrmals zu internationalen Wettkämpfen.

Bewegung ist auch Teil seines Lebens als erfolgreicher Rechtsanwalt: Ab und an fährt er am Zürichsee spazieren oder ist mit seinem Hand-Bike unterwegs. «Mein Ziel ist nicht mehr, bis an die Grenzen zu gehen, sondern meinem Körper Gutes zu tun.» Heute setzt er zu anderen Höhenflügen an. «Das Leistungsdenken ist weniger geworden. Es war eine gute Zeit, die ich aber nicht vermisse.»

Überhaupt vermisse er nicht viel von seinem vorherigen Leben. «Viele Leute haben das Gefühl, im Rollstuhl zu sitzen, sei ein unüberwindbarer Einschnitt im Leben. Wenn ich abwäge, was ich inzwischen alles erleben durfte, welche Menschen ich kennen gelernt habe, will ich kein anderes Leben als mein heutiges.» Seine bewundernswerte mentale Stärke habe ihn der Spitzensport gelehrt. «Auch im Leben gilt: Nur wer aufgibt, hat verloren.»

Sind Sie schon mal bei einem Charity Run mitgelaufen? Wir freuen uns über Ihre Berichte im Kommentarfeld.

Der Wings for Life World Run findet am Sonntag, 7. Mai, zum vierten Mal statt. Weltweit starten zeitgleich zigtausend Läufer in 33 verschiedenen Ländern. Auch per App kann jeder Teil des Runs gegen das Catcher Car sein. Sie laufen zusammen für die, die nicht laufen können. Der gesamte Erlös der Startgelder geht in die Rückenmarkforschung.

Deine Meinung