Machtlose Beobachter: «Sein Sturz ist nicht mehr aufzuhalten»
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Machtlose Beobachter«Sein Sturz ist nicht mehr aufzuhalten»

Assads Taktik, mit der Beobachtermission in Syrien auf Zeit zu spielen, könnte aufgehen, sagt Nahost-Experte Ulrich Tilgner. Trotzdem sei sein Regime langfristig am Ende.

von
Kian Ramezani

Wegen der anhaltenden Gewalt syrischer Sicherheitskräfte gegen Oppositionelle wächst die Kritik an dem Einsatz von Beobachtern der Arabischen Liga. Selbst innerhalb der Organisation gibt es Stimmen, die den sofortigen Abbruch der Mission fordern. Im Interview beleuchtet Nahost-Experte Ulrich Tilgner, wie Diktator Assad die divergierenden Interessen innerhalb der Arabischen Liga zu seinem Vorteil nutzt und warum er am Ende doch wird gehen müssen.

Ihre Beobachter bräuchten mehr Zeit, fordert die Arabische Liga. Fehlt es an Zeit oder liegt das Problem anderswo?

Das Problem liegt darin, dass die Arabische Liga der syrischen Opposition nicht in die Hände arbeiten will. Viele ihrer Mitgliedsländer stehen zu Hause selbst unter Druck.

Zwischen dem Leiter der Mission und dem Generalsekretär der Arabischen Liga ist es zu Misstönen gekommen.

Das zeigt, wie gespalten die arabische Welt ist. Der sudanesische General Mohammed al-Dabi ist ein Kompromisskandidat. Länder wie Algerien, Marokko, aber auch Jordanien haben kein Interesse daran, dass Assad gestürzt wird – ganz im Gegensatz zu Golfstaaten wie Saudi-Arabien und Katar.

Welches Interesse haben diese Länder am Ende Assads?

Wenn Assad geht, verliert ihr Erzfeind Iran seinen wichtigsten Verbündeten im Nahen Osten. Deshalb unterstützt Saudi-Arabien die syrische Opposition auch mit Geld und Waffen.

Und die Gefahr ethnischer und religiöser Verwerfungen?

Mit denen könnten die Golfstaaten relativ gut leben, Syrien ist weit weg.

Gefangene sollen verlegt und Strassenschilder vertauscht worden sein. Was bezweckt die syrische Führung mit diesem durchsichtigen Katz-und-Maus-Spiel?

So durchsichtig ist es leider nicht. Dass Gefangene verlegt worden sind, ist schwer zu beweisen, weil unabhängige Beobachter keinen Zugang zu allen syrischen Gefängnissen erhalten. Die Opposition kann solche Behauptungen aufstellen, doch die Beobachter müssen verifizieren und Beweise vorlegen.

Dann geht Assads Plan auf?

Kurzfristig vielleicht. Ein irakischer Politiker sagte mir, er gebe seinem Regime noch ein paar Monate. Ich persönlich gehe von ein bis anderthalb Jahren aus. Assads Sturz ist nicht mehr aufzuhalten. Um diesen zu verhindern, müsste er der Opposition gewaltige Angebote machen, aber solche sind nicht in Sicht.

Droht die Arabische Liga nach ihrem beherzten Eingreifen in den Libyenkrieg und den Boykottbeschlüssen gegen Syrien wieder in die Bedeutungslosigkeit zu versinken?

Im vergangenen Jahr hat sich die Arabische Liga unter dem Vorsitz Katars sehr weit vorgewagt. Das wurde inzwischen wieder korrigiert. Langfristig wird die Organisation wieder macht- und bedeutungslos werden.

Ulrich Tilgner ist Korrespondent des Schweizer Fernsehens und berichtet seit den 1980er Jahren aus dem Orient. Er beschäftigt sich mit den politischen Konflikten der Region und ihren wirtschaftlichen und kulturellen Hintergründen.

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