Aktualisiert 12.07.2017 15:50

De-Radikalisierung im Irak«Sein verstümmeltes Ohr soll an den IS erinnern»

Der Schweizer Pfarrer Andreas Goerlich engagiert sich im Nordirak für Kinder und Jugendliche, die vom IS radikalisiert wurden.

von
Ann Guenter
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Ein verkrüppelter Bub im nordirakischen Flüchtlingslager Qaymawa: IS-Kämpfer brachen ihm das Bein und ...

Ein verkrüppelter Bub im nordirakischen Flüchtlingslager Qaymawa: IS-Kämpfer brachen ihm das Bein und ...

A. Goerlich
... schnitten ihm vor den Augen seiner Brüder einen Teil eines Ohrs ab. Das sei nicht nur körperliche, sondern auch seelische Folter, sagt Pfarrer Andreas Goerlich: «So werden die Menschen immer wieder an den IS und seine Taten erinnert – man spricht in diesem Zusammenhang von einer  Re-Traumatisierung der Opfer.»

... schnitten ihm vor den Augen seiner Brüder einen Teil eines Ohrs ab. Das sei nicht nur körperliche, sondern auch seelische Folter, sagt Pfarrer Andreas Goerlich: «So werden die Menschen immer wieder an den IS und seine Taten erinnert – man spricht in diesem Zusammenhang von einer Re-Traumatisierung der Opfer.»

A. Goerlich
Dreimal die Woche beschäftigen sich immer die beiden gleichen Psychologen der Schweizer NGO «Khaima» mit den traumatisierten Kindern.

Dreimal die Woche beschäftigen sich immer die beiden gleichen Psychologen der Schweizer NGO «Khaima» mit den traumatisierten Kindern.

A. Goerlich

Der Bub ist noch keine zehn Jahre alt. Er humpelt. IS-Kämpfer haben dem Kind den rechten Unterschenkel gebrochen und ihm einen Teil des rechten Ohres abgeschnitten.

So, höhnten die Terroristen, solle sein Anblick die Familie jeden Tag an den IS erinnern. «Das ist nicht nur körperliche, sondern auch eine Form von seelischer Folter, die der IS gern anwendet», sagt Andreas Goerlich. «Ich habe mindestens zehn Kinder mit verstümmelten Ohren und verkrüppelten Beinen gesehen.»

Der Schweizer Pfarrer engagiert sich im Nordirak seit rund einem Jahr mit mehreren Hilfsprojekten. In den beiden Flüchtlingslagern Qaymawa und Nargizlia 1 leben um die 10'000 Menschen, die aus Mosul und Umgebung geflohen sind.

Hier betreibt Goerlich mit seiner kleinen NGO «Khaima» seit ein paar Monaten ein Programm für Frauen, Kinder und Jugendliche, die vom IS misshandelt und indoktriniert wurden. «Es geht um Deradikalisierung. Wenn wir uns nicht um diese Opfer von jihadistischer Gehirnwäsche kümmern, befürchte ich, dass diese nicht nur für den Irak, sondern früher oder später auch für uns in Europa zum Problem werden. Wer keine Perspektive und nichts zu verlieren hat, wendet sich radikalen Ideen zu. Der IS hat dafür die Grundlagen geschaffen.»

Eine komplett umgebaute Ethik

Der IS mag an Territorium verlieren, gleichzeitig hat er sich in die Köpfer vieler Iraker hineinterrorisiert – gerade bei Kindern und Jugendlichen. «Statt Schule gab es für sie in den letzten drei Jahren Unterricht darin, wie sie ‹Ungläubige› töten müssen.

Oft setzte der IS Frauen für die religiöse ‹Erziehung› ein, weil diese für Kinder zugänglicher sind», sagt Goerlich. «Männer unterrichteten sie im Sport. Oder besser: im militärischen Drill, wie am Boden robben oder unter Zäunen durchkriechen, im Umgang mit Gewehren und Messern. Letztlich ging es vor allem darum, die Kinder auf Anschläge zu spezialisieren.»

Den absoluten Gehorsam gegenüber dem IS galt es später in der Praxis zu beweisen. «Dann hiess es: Bring deinen Freund um. Tust du es nicht, stirbst du selbst», so Goerlich. «Oder die Kids wurden eingesetzt, um irakische Soldaten in einen Hinterhalt zu locken. Auch die Allerjüngsten wurden benutzt: Ihre kleinen Hände waren perfekt für das Zusammensetzen oder Anbringen von Sprengfallen.» Letztlich, sagt der Pfarrer, sei die Ethik dieser Menschen komplett umgebaut worden.

«Bis sie hyperventilieren»

In den beiden Flüchtlingslagern arbeitet Goerlich mit Psychologen zusammen, welche die jahrelange Gehirnwäsche der Terroristen aus den Köpfen zu holen versuchen. «Eine Erfolgsgarantie gibt es keine. Gleichzeitig ist auch nicht jedes Kind oder jeder Jugendliche gleich radikalisiert worden: Einige konnten die Lehren der Terroristen leicht abstreifen, andere nicht.»

Wie weiss man denn, wann ein Kind radikalisiert wurde? «Das lässt sich im Alltag und beim Spiel beobachten. Viele haben einen kompletten Filmriss, können im Alltag gar nicht mehr funktionieren. Ein anderes Beispiel: Unsere Psychologen provozieren beim Spielen ganz bewusst, lassen etwa einen Turm aus Holzklötzen umfallen. Oder sie zielen beim Fussball genau auf den Körper und schauen, wie ein Kind oder ein Jugendlicher auf so etwas reagiert. Traumatisierte, und das sind diese Radikalisierten letztlich, sind komplett introvertiert und reagieren gar nicht – oder dann ganz extrem, sie toben vor Wut, bis sie hyperventilieren.»

Dreimal die Woche beschäftigen sich immer dieselben beiden Psychologen mit den Kindern. Es brauche eine Bezugsperson, nur so liessen sich nachhaltige Ergebnisse erzielen, sagt der Schweizer Pfarrer. Sie reden darüber, was die Kinder erlebt haben, rufen ihre Erinnerungen und Bilder ab.

«Er sang nicht die Liedzeilen»

«Vereinfacht gesagt: Je mehr ein Jugendlicher erzählt, desto ungefährlicher ist er», sagt Goerlich. Einige der Kinder aber würden nicht sprechen, zu ihnen müsse man einen anderen Zugang finden. «Einer der Buben redet gar nicht mehr. Aber er kennt viele Volkslieder. Der Psychologe sang sie ihm vor – und der Bub begann einzustimmen. Nur, dass er nicht die Liedzeilen sang, er schrie heraus, was ihm widerfahren war, was er erlebt hatte. Das war ungemein traurig und eindrücklich.»

Goerlich schätzt, dass von den 1000 bis 1500 Kindern und Jugendlichen in den beiden Lagern 10 Prozent latent radikalisiert und um die fünf Prozent hochgefährdet sind. «Die Arbeit ist eine langwierige, aber eine ungemein wichtige. Wir müssen diesen Kids mehr bieten, als es der IS getan hat, sonst verlieren wir sie wieder an die Extremisten. Wenn wir tatenlos bleiben, dürfen wir uns nicht wundern, wenn der Terror Nachwuchs findet.» Goerlichs Deradikalisierungs-Programm ist durch Spenden finanziert. Vorerst noch bis Herbst.

Der Schweizer Verein Khaima setzt sich für die Hilfe zur Selbsthilfe in Syrien und im Nordirak sowie für das interreligiöse Zusammenleben ein. Auf Khaima.ch gibt es einen Überblick über Projekte und Spendemöglichkeiten. Angaben zum Girokonto der Post: 89-268661-5, Evangelische Kirchgemeinde Pfungen, Syrienhilfe A. Goerlich, 8422 Pfungen, CH20 0900 0000 8926 8661 5

Der Schweizer Verein Khaima setzt sich für die Hilfe zur Selbsthilfe in Syrien und im Nordirak sowie für das interreligiöse Zusammenleben ein. Auf Khaima.ch gibt es einen Überblick über Projekte und Spendemöglichkeiten. Angaben zum Girokonto der Post: 89-268661-5, Evangelische Kirchgemeinde Pfungen, Syrienhilfe A. Goerlich, 8422 Pfungen, CH20 0900 0000 8926 8661 5

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Der Schweizer Verein Khaima setzt sich für die Hilfe zur Selbsthilfe in Syrien und im Nordirak sowie für das interreligiöse Zusammenleben ein. Auf Khaima.ch gibt es einen Überblick über Projekte und Spendemöglichkeiten. Angaben zum Girokonto der Post: 89-268661-5, Evangelische Kirchgemeinde Pfungen, Syrienhilfe A. Goerlich, 8422 Pfungen, CH20 0900 0000 8926 8661 5

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