Aktualisiert 24.08.2012 09:18

Gutachten veröffentlicht

Seine Welt als Wille und Wahn

Viel gelesen, wenig verdaut: Die Gedankenwelt des norwegischen Attentäters Anders Behring Breivik war konfus. Wirklichkeit und Vorstellung klafften weit auseinander.

Die Welt des Anders Behring Breivik ist von Wahnvorstellungen erfüllt, wie Psychiater im Verlauf des Prozesses gegen den Massenmörder feststellten. Wie weit Wahrnehmung und Realität beim 33-jährigen Norweger auseinanderklaffen, zeigte sich schon in seinem 1500 Seiten umfassenden Manifest, das er nur Stunden vor seiner Tat im Juli an Hunderte Empfänger mailte.

Darin beschreibt er auch seine Jugend als Hip-Hop-Fan, der in weiten Hosen und Kapuzenpullovern nachts aus dem Fenster stieg, um Graffiti sprühen zu gehen. Sein Tag, das Kürzel beim Graffiti, war «Morg». Er habe dann zu sich gefunden, dieses Leben abgelegt und entschieden, seinem Dasein Bedeutung einzuhauchen, sich zum selbstlosen Kreuzritter zu machen, der die Gesellschaft vor sich selbst beschützt.

Pseudopolitische Legitimation

Anstössig habe er die Freude eines muslimischen Freundes über Berichte von Raketenangriffen auf amerikanische Streitkräfte während des Golfkriegs Anfang der 1990er-Jahre gefunden, schrieb der geständige Attentäter in dem Manifest. «Ich war zu dieser Zeit komplett unwissend und apolitisch, aber seine totale Respektlosigkeit gegenüber meiner Kultur (und der westlichen Kultur im Allgemeinen) weckte mein Interesse und meine Leidenschaft für diese», schrieb Breivik weiter.

Es sei das NATO-Bombardement auf Serbien 1999 gewesen, das «den Ausschlag gegeben» habe, da er mit dem serbischen Vorgehen gegen die albanischen Muslime im Kosovo sympathisiert habe, sagt Breivik. Ein Jahr später habe er dann realisiert, dass das, was er «Islamisierung Europas» nannte, nicht mit friedlichen Mitteln aufzuhalten sei. Breivik selbst beging einen Bombenanschlag auf die Regierungszentrale in Oslo sowie eine Massenerschiessung in einem Jugend-Sommerlager der norwegischen Arbeitspartei. Am 22. Juli 2011 liessen 77 Menschen ihr Leben.

«Er war ein bisschen seltsam»

Breiviks Manifest zählt Ereignisse auf, die seine Verachtung für Muslime und «Marxisten» vergrösserte. Er machte sie dafür verantwortlich, Europa kulturell zu unterwandern. Von September 2009 bis Oktober 2010 schrieb Breivik mehr als 70 Einträge auf Dokument.no, einer norwegischen Website mit kritischen Beiträgen zum Islam und zur Immigration. In einem Beitrag erwog er die Idee einer europäischen Tea-Party-Bewegung.

Im Dezember 2009 tauchte Breivik dann bei einem Treffen auf, das von Mitarbeitern der Website organisiert wurde. «Er war ein bisschen seltsam. Wie man aus seinen Beiträgen ersehen konnte, hatte er offensichtlich viel gelesen, es aber nicht wirklich verdaut», sagt Hans Rustad, Herausgeber der Internetseite.

Privilegiertes Scheidungskind

Seine Erziehung in einem Mittelklasse-Haushalt bezeichnet Breivik selbst als privilegiert, auch wenn sich seine Eltern scheiden liessen, als er ein Jahr alt war, und er als Jugendlicher den Kontakt zu seinem Vater verlor. Die Eltern trennten sich, als die Familie in London lebte, wo sein Vater, Jens Breivik, in den 1970er-Jahren als Diplomat für die norwegische Botschaft arbeitete.

Beide Elternteile hätten die norwegische Arbeiterpartei unterstützt, sagt Breivik, die er als von Marxisten infiltriert betrachtet. Seine Mutter habe zwar einen Sorgerechtsstreit gewonnen, doch habe er seinen Vater und dessen neue Frau regelmässig in Frankreich besucht, wo diese lebten, berichtet Breivik. Als er 15 gewesen sei, habe sein Vater den Kontakt dann abgebrochen.

Vater Jens Breivik hingegen sagte der norwegischen Zeitung «VG» kurz nach der Tat, dass sie sich 1995 aus den Augen verloren hätten und dass es sein Sohn gewesen sei, der keinen Kontakt mehr haben wollte. «Wir haben nie zusammengelebt, aber wir hatten Kontakt während seiner Kindheit», wird der ältere Breivik in «VG» zitiert, der nach Informationen der Zeitung mittlerweile als Rentner in Frankreich lebt. (dapd)

Fehler gefunden?Jetzt melden.