Steigender Alkoholkonsum: «Seit Corona trinke ich fast jeden Tag»

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Steigender Alkoholkonsum«Seit Corona trinke ich fast jeden Tag»

Eine Umfrage zeigt, dass fast die Hälfte der trinkenden Schweizer seit Beginn der Pandemie häufiger zum Glas greifen. Werden Gelegenheitstrinker wegen Corona zu Suchttrinkern?

von
Joel Probst
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Wegen der Pandemie trinken viele Schweizer häufiger Alkohol als noch vorher.

Wegen der Pandemie trinken viele Schweizer häufiger Alkohol als noch vorher.

imago images/Hans Lucas
Laut einer Umfrage greifen 46 Prozent der befragten Schweizer jetzt öfter zum Glas.

Laut einer Umfrage greifen 46 Prozent der befragten Schweizer jetzt öfter zum Glas.

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Die meistgenannten Gründe dafür: «Ich habe mehr Zeit zum Trinken», «Ich bin gelangweilter» und «Ich trinke öfter mit Personen in meinem Haushalt.»

Die meistgenannten Gründe dafür: «Ich habe mehr Zeit zum Trinken», «Ich bin gelangweilter» und «Ich trinke öfter mit Personen in meinem Haushalt.»

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Darum gehts

  • Fast die Hälfte der Schweizer, die Alkohol trinken, greifen seit Pandemiebeginn öfter zum Glas.
  • So auch M. M.: «Seit Corona trinke ich fast jeden Tag Alkohol», sagt er.
  • Die Detailhändler spüren den Alkohol-Boom, Coop verzeichnet etwa einen merklichen Nachfrageanstieg.
  • Sucht Schweiz warnt: Besonders bei ängstlichen Personen und regelmässigen Trinkern könne der Konsum steigen.

Wegen der Pandemie greift fast die Hälfte der Schweizer, die Alkohol trinken, immer öfter zum Glas: Laut der am Donnerstag publizierten nicht repräsentativen Global Drug Survey trinken 46 Prozent der befragten Schweizer seit dem Ausbruch von Corona häufiger Alkohol als vorher. Und 41 Prozent der Befragten geben zu, dass sie nun häufiger alleine trinken.

Die meistgenannten Gründe dafür: «Ich habe mehr Zeit zum Trinken», «Ich bin gelangweilter» und «Ich trinke öfter mit Personen in meinem Haushalt.»

«Seit Corona trinke ich fast jeden Tag»

Einer, der seit Beginn der Corona-Krise mehr trinkt, ist M.M. Er möchte anonym bleiben: «Seit Corona trinke ich fast jeden Tag Alkohol», sagt er zu 20 Minuten. «Vorher habe ich unter der Woche selten getrunken. Jetzt trinke ich immer nach der Arbeit eine Halbliterdose Bier.» Angefangen habe er, als Schluss gewesen sei mit Ausgang: «Jetzt wurde es zur Gewohnheit.»

Wieso er zur Dose greift, weiss M. selber nicht so genau: «Man macht sich sicher wegen Corona Gedanken.» Dazu komme, dass seine sozialen Kontakte wegen des Virus minimiert worden seien: «Statt mich mit Kollegen zu treffen, sass ich zuhause und habe mir ein Bier aufgemacht.» M. macht sich Sorgen, dass er in eine Alkoholsucht abrutschen könnte: «Auch meine Partnerin sagte mir schon, ich müsse damit aufhören unter der Woche.»

M. ist nicht der Einzige: F. M. trinkt ebenfalls jetzt mehr als vor Corona: «Während des Lockdowns hatte man mehr Zeit, um sich ein Bierchen zu genehmigen», sagt er. Das habe sich eingependelt und ziehe sich bei ihm noch immer durch.

Detailhändler spüren Alkohol-Boom

Auch die Detailhändler verkaufen wegen Corona mehr Alkohol: «Wir spürten in der ganzen Schweiz in den vergangenen Monaten einen merklichen Anstieg der Nachfrage nach alkoholischen Getränken», sagt Coop-Sprecher Patrick Häfliger. Bier als auch Wein und Spirituosen seien gleichermassen gefragt gewesen.

Bei Denner haben sich die Verkäufe während der Pandemie ähnlich positiv entwickelt: «Denner spürte vor allem während des Lockdowns den Ausfall der gesamten Gastronomie», so Sprecher Thomas Kaderli. Danach habe sich die Situation normalisiert.

Sucht Schweiz warnt

Wenig verwunderlich also, dass Sucht Schweiz mehr Anfragen erhalten hat «bezüglich Problemen, die durch den Lockdown entstanden sind». Werden die Schweizer jetzt wegen der Corona-Pandemie von Gelegenheits- zu Suchttrinkern? «Das kommt drauf an», sagt Markus Meury von Sucht Schweiz. Der Alkoholkonsum könne besonders bei regelmässigen Trinkern steigen, da durch Homeoffice oder Arbeitslosigkeit das Leben weniger strukturiert sei und ein Teil der sozialen Kontrolle wegfalle. Auch wegen Corona gestresste und ängstliche Menschen seien stärker gefährdet und griffen tendenziell öfter zur Flasche.

Davor warnt Meury: «Alkohol wirkt im ersten Moment tatsächlich entspannend. Aber um den gleichen Effekt auf längere Dauer zu erzielen, braucht es leider immer mehr davon.» Trotzdem sei während der Pandemie nicht alles verloren: «Wenn nicht bereits eine starke Gewohnheit daraus geworden ist, kann sich das auch wieder einrenken.» Etwa, wenn die Arbeit nach dem Lockdown wieder regelmässiger und die Situation sicherer werde.

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