18.06.2020 10:25

Unternehmer fürchten um ihre Zukunft«Seit dem 7. März haben wir keine Aufträge mehr»

Ob Selbstständige und KMU-Inhaber über den Mai hinaus Kurzarbeitsgelder erhalten, entscheidet das Parlament erst im Herbst. Dann könnte es für viele schon zu spät sein.

von
Daniel Graf
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Selbstständige wissen frühestens im Herbst, ob sie für die Sommermonate rückvergütend eine Kurzarbeitsentschädigung erhalten werden. Für viele KMU könnte es bis dann zu spät sein.

Selbstständige wissen frühestens im Herbst, ob sie für die Sommermonate rückvergütend eine Kurzarbeitsentschädigung erhalten werden. Für viele KMU könnte es bis dann zu spät sein.

KEYSTONE
Der Nationalrat hat am Dienstag entschieden, erst in der Herbstsession über die Verlängerung der Unterstützungszahlungen zu diskutieren. Der Entscheid trifft KMU hart.

Der Nationalrat hat am Dienstag entschieden, erst in der Herbstsession über die Verlängerung der Unterstützungszahlungen zu diskutieren. Der Entscheid trifft KMU hart.

KEYSTONE
Der 27-jährige Thomas Meyenberg führt einen Kleinbetrieb für Veranstaltungstechnik: «Zwei bis drei Monate können wir noch von den Reserven leben, wie es nachher weitergeht, wissen wir nicht», sagt er.

Der 27-jährige Thomas Meyenberg führt einen Kleinbetrieb für Veranstaltungstechnik: «Zwei bis drei Monate können wir noch von den Reserven leben, wie es nachher weitergeht, wissen wir nicht», sagt er.

Privat

Darum gehts

  • Seit Ende Mai erhalten Selbstständige keine Kurzarbeitsentschädigung mehr.
  • Ob sie für Juni, Juli und August rückwirkend Geld erhalten, diskutiert das Parlament erst im Herbst.
  • Das bringt KMU-Inhaber und Selbstständige in Not.
  • Viele fürchten, ihr Geschäft nicht über den Sommer zu bringen oder Mitarbeiter entlassen zu müssen.

Seit Ende Mai erhalten Selbstständige und Inhaber von KMU, denen aufgrund der Corona-Krise die Umsätze weggebrochen sind, keine Unterstützung mehr vom Staat. Am Dienstag entschied der Nationalrat, erst in der Herbstsession über eine Verlängerung dieser Unterstützungsmassnahmen zu diskutieren.

Bei 20 Minuten meldeten sich diverse Leser, die direkt von diesem Entscheid betroffen sind. Die Verunsicherung ist gross, viele fürchten um ihr Geschäft oder müssen Mitarbeiter entlassen. Die Betroffenen schildern ihre Situation.

Ruben Staubli (21), N-joy Events GmbH

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Die Firma von Thomas Meyenberg (Bild), Ruben Staubli und Kevin Vollenweider bietet Veranstaltungstechnik an.

Die Firma von Thomas Meyenberg (Bild), Ruben Staubli und Kevin Vollenweider bietet Veranstaltungstechnik an.

Privat
Im Winter organisiert die Firma neben dem Kerngeschäft selber Partys.

Im Winter organisiert die Firma neben dem Kerngeschäft selber Partys.

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«Zwei bis drei Monate können wir noch durchhalten, danach ist die Zukunft ungewiss», sagt Staubli.

«Zwei bis drei Monate können wir noch durchhalten, danach ist die Zukunft ungewiss», sagt Staubli.

Privat

«Mit unserer Firma bieten wir im Sommer Dienstleistungen rund um Veranstaltungstechnik an, im Winter organisieren wir zusätzlich zu unserem Kerngeschäft selber Partys im Raum Aargau und Zürich. Die letzte Veranstaltung konnten wir am 7. März durchführen, seither haben wir keine Aufträge mehr. Als Angestellter erhalte ich noch Kurzarbeitsentschädigung, meine Chefs bekommen seit Ende Mai nichts mehr. Trotzdem müssen wir weiterhin die Fixkosten für die Fahrzeuge und die Miete bezahlen. So, wie es im Moment aussieht, können wir noch zwei oder drei Monate von den Reserven leben, wie es danach weitergeht, wissen wir nicht. Kurz vor der Krise investierten wir einen Teil unseres Kapitals in neue Lautsprecheranlagen, das könnte uns jetzt zum Verhängnis werden, da dadurch unsere Reserven geschrumpft sind.»

Martin Vogt (49), Grindelwald Shopping

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Der 49-jährige Martin Vogt muss sieben Tage in der Woche in seinem Souvenirladen stehen, damit die Mitarbeiter Kurzarbeit beziehen können.

Der 49-jährige Martin Vogt muss sieben Tage in der Woche in seinem Souvenirladen stehen, damit die Mitarbeiter Kurzarbeit beziehen können.

Privat
In guten Zeiten machte er mit seinem Geschäft in Grindelwald 6000 Franken Tagesumsatz.

In guten Zeiten machte er mit seinem Geschäft in Grindelwald 6000 Franken Tagesumsatz.

Privat
Jetzt bleiben die Touristen aus.

Jetzt bleiben die Touristen aus.

Privat

«Ich führe mit meiner Frau und zwei Angestellten in Grindelwald ein Souvenirgeschäft. Dass wir seit dem 1. Juni keine Kurzarbeitsentschädigung mehr erhalten, ist für uns verheerend. Das Problem ist, dass die Angestellten Entschädigung erhalten, ich als Inhaber aber nicht. Das heisst, dass ich jetzt sieben Tage in der Woche im Geschäft arbeiten muss, damit sie Kurzarbeitsgelder beziehen können. So laufe ich direkt in ein Burnout. Das kann nicht die Idee des Bundesrats sein. Wir haben es so schon schwer. In normalen Zeiten machten wir bis zu 6000 Franken Umsatz pro Tag, jetzt sind es noch 50 bis 200 Franken, weil die Touristen wegbleiben. Dazu kommen noch die Schulden durch den Corona-Kredit.»

Hanspeter Krieg (54), Knall Fred GmbH

Hanspeter Krieg hat den traditionsreichen Feuerwerksladen in Bern vor einem Jahr übernommen – nun kann ihn nur das 1.-August-Geschäft noch vor dem Ruin retten.

Hanspeter Krieg hat den traditionsreichen Feuerwerksladen in Bern vor einem Jahr übernommen – nun kann ihn nur das 1.-August-Geschäft noch vor dem Ruin retten.

Privat

«Ich bin Inhaber einer auf Feuerwerk spezialisierten Einmann-GmbH, Entschädigung erhalte ich keine. Seit März bis Ende August wurden 53 bewilligungspflichtige Feuerwerke abgesagt, dazu kommen ungefähr 80 Hochzeits- und Geburtstagsfeuerwerke. Ich mache in dieser Zeit keinen Umsatz und habe bisher rund 200’000 Franken Umsatzverlust eingefahren. Das Geschäft gibt es seit 25 Jahren, ich habe es vor einem Jahr für viel Geld übernommen, bis anhin lief es gut. Durch die Corona-Krise stehe ich jetzt kurz vor dem Ruin. Wenn das 1.-August-Geschäft auch nicht gut läuft, muss ich den Laden dichtmachen. Die Geschäfte mussten schliessen, um die Bevölkerung zu schützen, doch wer schützt uns?»

Rolf Zuppiger (57), Eco Trade Group GmbH

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Rolf Zuppiger stellt mit seiner Firma Eventzubehör her.

Rolf Zuppiger stellt mit seiner Firma Eventzubehör her.

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Zwei Mitarbeiter musste Zuppiger wegen der Krise bereits entlassen.

Zwei Mitarbeiter musste Zuppiger wegen der Krise bereits entlassen.

Privat
Ob Sportanlass …

Ob Sportanlass …

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«In der Firma arbeiten neben meiner Frau und meiner Tochter drei Mitarbeiter. Wir stellen Eventzubehör her. Ich und meine Frau gelten als Selbstständigerwerbende, wir konnten während zweier Monate den Maximalabzug von 4250 Franken geltend machen. Wir haben 80 Prozent des Kurzarbeitspensums erhalten. Der Entscheid bedeutet für mich, dass ich, um das Überleben meiner Firma zu sichern, die zwei Mitarbeiter entlassen musste. Ich bin gezwungen, ohne Rücksicht auf die Mitarbeiter um das Überleben meiner Firma zu kämpfen. Meinen eigenen Lohn habe ich auf das absolute Minimum beschränkt, das ich zum Überleben brauche. Auch wenn die Firma überlebt, bedeutet das, dass das personelle Know-how weg ist und wir wieder von vorne beginnen müssen. Dazu müssen wir dann noch einen allfälligen Corona-Kredit abbezahlen. Es ist eine absolut untragbare Situation. Da hilft keine Politik, sondern nur noch beten, dass die verunsicherten und verängstigten Menschen wieder beginnen, Feste zu feiern, und dies die Politik auch zulässt oder zulassen kann. Am Beispiel Corona muss der Gesetzgeber jetzt unbedingt dafür sorgen, dass Selbstständige im Fall einer Arbeitslosigkeit Leistungen der Arbeitslosenkasse, in die sie jahrelang einbezahlt haben, beziehen können.»

Michael Reber (50), Betterworld

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Michael Reber (rechts) betreibt mit einem Partner seit zwölf Jahren einen Essensstand mit Thai-Spezialitäten.

Michael Reber (rechts) betreibt mit einem Partner seit zwölf Jahren einen Essensstand mit Thai-Spezialitäten.

Privat
Aufgrund der Krise haben sie aber keine Aufträge mehr.

Aufgrund der Krise haben sie aber keine Aufträge mehr.

Privat
Der letzte Anlass, an dem Reber Geld verdienen konnte, war die Fasnacht in Luzern im Februar.

Der letzte Anlass, an dem Reber Geld verdienen konnte, war die Fasnacht in Luzern im Februar.

Privat

«Gemeinsam mit einem Partner betreibe ich seit zwölf Jahren an Grossanlässen einen Essensstand mit thailändischen Spezialitäten. Seit März wurden nach und nach alle unsere Veranstaltungen bis Ende September abgesagt. Entschädigungen haben wir, gleich wie alle Läden und Restaurants, die bereits wieder offen haben dürfen, während zweier Monate erhalten. Jetzt heisst es bei den AHV-Zweigstellen, dass wir keine Unterstützung mehr erhalten. Die Begründung: Unser Betrieb habe die Möglichkeit einer Teilöffnung. Sie sagen, wir könnten mit unserem Stand ja an kleinere Events, die jetzt langsam wieder stattfinden. Wir können aber natürlich nicht einfach ohne Bewilligung irgendwo unser Essen verkaufen. Wir konnten zum Glück ein wenig Geld auf die Seite legen. Jetzt zehren wir von unseren Reserven, denn die Fixkosten für Mieten, Versicherungen etc. bleiben. Die nächsten Monate kommen wir durch, aber nach wie vor ist unklar, wie es mit den für uns wichtigen Grossanlässen im Herbst weitergehen wird.»

Christian Stalder (62) und Ursula Stalder-Bieler (58), Bottlang Festmobiliar GmbH

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Christian Stalder vermietet mit seiner Frau Festmobiliar.

Christian Stalder vermietet mit seiner Frau Festmobiliar.

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Vom kleinen Geburtstagsfest …

Vom kleinen Geburtstagsfest …

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… bis zu Grossveranstaltungen reichen ihre Kunden.

… bis zu Grossveranstaltungen reichen ihre Kunden.

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«Wir vermieten Festmobiliar. Die Pandemie hat uns hart getroffen. Von März bis Oktober ist unsere Hauptsaison, in der wir normalerweise 80 Prozent des Umsatzes generieren. Dieses Jahr werden wir in der Zeit so gut wie nichts verdienen. Da wir keinen Umsatz machen, können wir uns auch keine Löhne ausbezahlen. Doch auch wir haben ein Privatleben, welches finanziert werden muss. Ohne Einkommen ist es schwierig, Miete, Krankenkasse, Strom und so weiter zu bezahlen. Wir leben jetzt noch von unseren Reserven und versuchen zu sparen, wo es nur geht. Trotzdem wissen wir noch nicht, ob unser Geschäft, unsere Existenzgrundlage, die Krise überleben wird.»

Ursina Roesch (60), selbstständige Ruder- und Pilates-Trainerin

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Ursina Roesch arbeitet als selbstständige Künstlerin, Ruder- und Pilates-Trainerin.

Ursina Roesch arbeitet als selbstständige Künstlerin, Ruder- und Pilates-Trainerin.

Privat
Als Selbstständige habe sie noch keinen Rappen vom Staat erhalten, sagt Roesch.

Als Selbstständige habe sie noch keinen Rappen vom Staat erhalten, sagt Roesch.

Privat
Sämtliche Rudertrainings von März bis Ende Juni fallen aus.

Sämtliche Rudertrainings von März bis Ende Juni fallen aus.

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«Als selbstständige Künstlerin und Trainerin habe ich bis heute noch keinen Cent Erwerbsersatz erhalten. Die Pilates-Trainings konnte ich auf Zoom weiterführen, doch die Ruderkurse fallen von März bis Ende Juni aus. Ich bin in der glücklichen Lage, ein wenig Erspartes zu haben, von dem ich jetzt leben kann. Trotzdem bin ich schwer enttäuscht von der Politik. Wir Selbstständigen werden verarscht, während für den Rest der Wirtschaft Milliardenhilfen genehmigt werden.»

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456 Kommentare
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Apocalypse

19.06.2020, 04:04

Wenn in den normalen zeiten ein umsatz von 6000fr pro tag ausgewiesen wird(!), und keinerlei reserven da sind, da habe ich ein problem des verstehen.

Walter Gärtner

18.06.2020, 14:23

Politiker unfähig wie immer.

Pet Er

18.06.2020, 14:22

Der Markt regelt sich selbst - Branchen welche nicht überleben, hat es wohl auch nie gebraucht. Wir sollten aufhören mit staatlicher Hilfe Unnötiges künstlich am Leben zu halten.