Erektionsstörungen - «Seit ich so viele Pornos schaue, kriege ich ihn nicht mehr hoch»
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Erektionsstörungen«Seit ich so viele Pornos schaue, kriege ich ihn nicht mehr hoch»

Der Konsum von Internetpornos ist seit Corona gestiegen – genauso die Erektionsstörungen. Drei Leser erzählen, wie die Filme ihr Sexualleben beeinflussen.

von
Deborah Gonzalez
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Der Konsum von Internetpornos in der Schweiz ist seit Beginn der Pandemie um 20 Prozent gestiegen.

Der Konsum von Internetpornos in der Schweiz ist seit Beginn der Pandemie um 20 Prozent gestiegen.

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Pornhub ist die weltweit grösste Pornowebseite.

Pornhub ist die weltweit grösste Pornowebseite.

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Seit Corona schaut Lukas* täglich mehrere Pornofilme.

Seit Corona schaut Lukas* täglich mehrere Pornofilme.

Privat

Darum gehts

  • Laut der Pornowebseite Pornhub ist der Konsum von Internetpornos in der Schweiz seit Beginn der Pandemie um über 20 Prozent gestiegen.

  • Einer Studie der «Zeitschrift für Sexualforschung» zufolge gibt jeder dritte Schweizer an, dass sein Pornokonsum zu hoch ist.

  • Zu viele Pornos und das häufige Masturbieren können laut Expert*innen zu Erektionsstörungen führen.

  • Drei Leser erzählen, wieso sie seit letztem Jahr vermehrt Pornos schauen und was das mit ihrem Sexleben gemacht hat.

  • Doch nicht nur Erektionsstörungen sind Ergebnis eines zu hohen Pornokonsums. Eine Expertin zeigt weitere Gefahren auf.

Seitdem Lukas* (28) vermehrt Pornos schaut, kriegt er beim Sex keinen mehr hoch.

Seitdem Lukas* (28) vermehrt Pornos schaut, kriegt er beim Sex keinen mehr hoch.

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Tote Hose im Bett – das kennt Single Lukas* (28) seit Corona nur zu gut: «Noch vor einem Jahr war mein Pornokonsum recht überschaubar. Da habe ich vielleicht zwei Filme die Woche geschaut. Seit Corona ziehe ich mir nun jeden Tag welche rein. Oft weiss ich nicht, was ich mit der ganzen freien Zeit anfangen soll und denke dann, dass ein Porno ein guter Zeitvertreib wäre

Mit seinem hohen Pornokonsum ist Lukas nicht alleine. Beim ersten Shutdown vor einem Jahr gab Pornhub seine Premiuminhalte für eine bestimmte Zeit für alle Nutzer*innen frei. Das Unternehmen wolle den User*innen damit eine Möglichkeit zum Zeitvertreib bieten, hiess es von Pornhub-Vizepräsident Corey Price. Ein Marketingcoup, der aufging: Die Zugriffe auf die Site des weltweit grössten Anbieters für Internetpornos stiegen in der Schweiz seit Beginn der Pandemie nämlich um über 20 Prozent.

Erektionsstörungen haben durch den hohen Pornokonsum zugenommen

Für die User hat der häufige Konsum auch Schattenseiten: Gemäss einer Studie aus der «Zeitschrift für Sexualforschung» gibt jeder dritte Mann in der Schweiz an, dass er seinen eigenen Pornokonsum als «zu hoch» einstuft. Gleichzeitig haben Erektionsstörungen zugenommen. In den letzten Jahren sei generell ein Anstieg zu beobachten gewesen – vor allem bei jungen Männern, heisst es weiter.

Dass die vielen Pornos zum Problem werden können, war Lukas nicht von Anfang an klar. «Erst, als ich mit einer Frau intim geworden bin, habe ich gespürt, dass etwas anders ist. Es ist nichts passiert, nichts regte sich, mein Körper wollte einfach nicht. Das ist mir noch nie passiert. Seitdem ich aber vermehrt Pornos schaue, ist das bereits drei Mal vorgekommen.»

«Solange Corona nicht vorbei ist, werde ich es nicht schaffen, aufzuhören»

Die Pornos beeinflussten seine Bilder, die er vom Sex habe, erzählt der Single. «Ich stelle mir vor, dass der Sex wie im Porno sein muss. Ich will es genauso erleben und habe hohe Erwartungen, die natürlich so nicht erfüllt werden können.» Es sei wie ein Teufelskreis: Er schaue Filme und wolle Sex. Komme es tatsächlich dazu, klappe es wegen der Filme und seiner hohen Erwartungen nicht. Dann schaue er wieder Filme, weil es eben nicht geklappt habe. Und so gehe es immer weiter, denn die Nervosität steige bei jedem neuen Sex-Versuch.

«Wenn du von einer Frau berührt wirst und einfach keine Reaktion zeigst, ist das schon peinlich. Das kratzt am eigenen Ego. Ich fühle mich jedes Mal als Versager, wenn ich keinen hochkriege», so der Disponent. Sein Wunsch nach normalem Sex sei gross. «Doch dafür muss ich mit den Pornos aufhören. Solange Corona nicht vorbei ist, werde ich das nicht schaffen – es ist einfach zu schwer.»

Nebst Lukas erzählen zwei weitere 20-Minuten-Leser, wie oft sie sich die Onlinefilme anschauen und inwiefern dieses Verhalten ihr Sexualleben beeinträchtigt.

«Pornos sind Fiktion und Sex ist die reale Welt – ich kann das trennen»

Auch Marcel* ist der Meinung, dass er zu viele Pornos schaut, aber er weiss, dass die Filme nur Fiktion sind.

Auch Marcel* ist der Meinung, dass er zu viele Pornos schaut, aber er weiss, dass die Filme nur Fiktion sind.

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Buchhalter Marcel* (27) schätzt seinen Pornokonsum als ziemlich hoch ein: «Früher habe ich höchstens drei Mal die Woche Pornos geschaut und mich dabei befriedigt. Seit der Pandemie tue ich es fast täglich, aber nicht, weil ich es brauche, sondern ganz einfach aus Langeweile. Es gibt nichts zu tun, ich kann nicht raus. Also tue ich das, was auf der Hand liegt: Einen Film anmachen und herunterkommen.

Ich weiss, dass das nicht der richtige Weg ist und dass man dadurch Probleme im realen Leben haben kann, aber ich hatte bis jetzt noch keine Erektionsstörungen oder ähnliches. Das sind für mich zwei verschiedene Welten. Pornos sind Fiktion und Sex ist die reale Welt. Diese Trennung klappt ziemlich gut und ich hatte nie Probleme beim Geschlechtsverkehr.»

«Die Pornos nehmen mir das Selbstvertrauen im realen Leben»

Paul* fällt es schwer, von den Pornos wegzukommen, obwohl er weiss, dass sein Konsum zu hoch ist.

Paul* fällt es schwer, von den Pornos wegzukommen, obwohl er weiss, dass sein Konsum zu hoch ist.

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Für den 19-jährigen Studenten Paul* ist es zur Gewohnheit geworden, während des Masturbierens einen Porno zu schauen: «Meistens befriedige ich mich um die drei Mal am Tag und schaue dabei immer ein oder zwei Pornos. Durch das Homeoffice bin ich immer ungestört und habe viel Zeit. Ehe ich mich versehe, habe ich Pornhub schon geöffnet. Sobald mir langweilig ist oder ich nichts zu tun habe, mache ich das automatisch. Manchmal kriege ich auch Lust, weil ich auf den sozialen Netzwerken freizügige Bilder gesehen habe. Dann öffne ich einen Film und hole mir einen runter. Danach bin ich immer glücklicher.

Trotzdem weiss ich, dass mein Konsum zu hoch ist und dass das viele Masturbieren nicht optimal ist. Es fällt mir aber schwer, davon wegzukommen – es ist aber viel leichter gesagt als getan. Mir ist aber bewusst, dass vor allem extreme Pornos und die oft dazugehörigen unrealistischen Körper zu einem falschen Selbstbild führen können. Auch mir ist das bereits passiert. Als ich mit einer Frau im Bett war, wusste ich auf einmal nicht mehr, was ich genau tun sollte. Die vielen Pornos hatten mir das Selbstvertrauen genommen, sodass ich gefangen war. Das Mädchen ging dann natürlich wieder und mir blieben nur die Onlinefilme.»
*Namen geändert

«Der Penis sollte nicht als Rubbelobjekt gesehen werden»

Nicole Strübin ist Sexualtherapeutin in Solothurn und erzählt, weshalb so viele Männer unter Erektionsstörungen leiden und wie sie von dem erhöhten Pornokonsum wegkommen.

Zu viele Pornos können zu Erektionsstörungen führen. Weshalb?

Es kann sein, dass der sogenannte Gewöhnungseffekt eintritt und man dann einen immer höheren Kick braucht. Noch mehr Reiz, damit eine Erregung überhaupt stattfinden kann – bis es irgendwann gar nicht mehr geht. Schaut man Pornos, ist der Bezug auf den eigenen Körper nicht existent. Der Kontakt zum Penis geht verloren, weil man ihn wie ein Objekt behandelt, das zu funktionieren hat. So baut man keine Beziehung auf, weswegen es nicht selten passiert, dass eben dieses Objekt dann auch nicht so funktioniert, wie man es möchte.

Kann man diese Erektionsstörungen wegtrainieren?

Man muss eine Beziehung zum Geschlechtsteil aufbauen, sich dem eigenen Körper widmen und die visuellen Reize weglassen, um in ebendiesen Kontakt kommen zu können. Der Penis ist ein sensibles Wesen, das mit Respekt behandelt werden sollte und nicht einfach nur als Rubbelobjekt.

Wie kann man eine solche Beziehung aufbauen?

Man sollte vom Pornoschauen Abstand nehmen. Wenn man masturbiert, sollte man nicht irgendwelchen unrealistischen Fantasien nachhängen und sich bewusst werden, was man wann spürt. Anfangs kann das frustrierend sein, weil die Erregung nicht so aufgebaut wird, wie man es gewohnt ist, weil das Visuelle fehlt. Fällt das weg, muss man sich etwas Neues aufbauen und das dauert - das geht nicht von heute auf morgen.

Sie raten also davon ab, Pornos zu schauen.

Nein, es ist wie bei allem: Es kommt auf das Ausmass an. Wenn die Häufigkeit sich steigert, kann es durchaus problematisch werden.

Inwiefern?

Je öfter man Videos schaut, desto desensibilisierter kann man werden. Man braucht härtere Videos, um sich überhaupt erregen zu können. Aber genauso kann es sein, dass man eine immer stärkere Stimulation des eigenen Geschlechtsteil braucht. Der eigene Druck wird somit beim Masturbieren härter, sodass man sich daran gewöhnt und es dann beim Sex schwieriger wird, einen Orgasmus zu erlangen.

Wie kann man von einem erhöhten Konsum wegkommen?

Man kann einen Pornoblocker installieren oder den Laptop zu heiklen Zeiten einschliessen. Will man das Problem aber nachhaltig lösen, sollte man erkennen, ob es sich denn um eine Sucht handelt. Sollte es so sein, ist es wie bei jedem Suchtverhalten: Man muss sich dessen bewusst werden und das eigentliche Bedürfnis dahinter erforschen. Kennt man den wahren Grund, kann man den Boden für eine nachhaltige Veränderung bereiten.

Hast du Fragen zu Beziehung, Liebe oder sexueller Gesundheit?

Hier findest du Hilfe:

Lilli.ch, Onlineberatung

Tschau, Onlineberatung

Feel-ok, Informationen für Jugendliche

Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147

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