Aktualisiert 05.04.2014 16:47

Im Land der Geisha

Seitensprünge boomen in Asien

In Japan wächst die Mitgliederzahl der weltweit grössten Seitensprung-Agentur rasant. Besonders eine Berufsgruppe geht besonders oft fremd.

von
Yuri Kageyama, AP
In Japan wächst die Zahl der Mitglieder von Seitensprungportalen rasant an. Beliebt sind auch Stripclubs.

In Japan wächst die Zahl der Mitglieder von Seitensprungportalen rasant an. Beliebt sind auch Stripclubs.

In keinem anderen Land der Welt hat die Seitensprungagentur «Ashley Madison» einen so schnellen Zuwachs an Mitgliedern verzeichnet wie in Japan. Das Unternehmen, das vor zwölf Jahren in Kanada gegründet wurde und mittlerweile in 37 Ländern Verheiratete für Seitensprünge verkuppelt, hat erst vor acht Monaten seine japanische Webseite geöffnet. In dieser kurzen Zeit haben sich mehr als eine Million Nutzer registriert. Nicht einmal im als eher sexuell freizügig geltenden Brasilien wurde die Millionengrenze so schnell erreicht.

Japan ist auf den ersten Blick ein Land, in dem Seitensprünge eher untypisch scheinen. Hier wird viel Wert auf Etikette und Höflichkeit gelegt. Vor allem Disziplin steht hoch auf der Werteskala der Japaner. Die Scheidungsrate ist niedrig, nur zwei von 1 000 Paaren lassen sich scheiden. Aber Japan ist auch das Land, in dem das Konzept der Geisha erfunden wurde.

«Gönn dir eine Affäre»

«Ashley Madison» wirbt mit dem Slogan: «Das Leben ist kurz. Gönn dir eine Affäre.» Das scheint in Japan eingeschlagen zu haben. Der Autor und Berater Nobuyuki Hayashi ist davon nicht überrascht. Vor allem die typischen Büroangestellten mit ihren langen Arbeitswochen wollen sich schnell und unkompliziert verabreden, und das für Mobiltelefone optimierte Dating-Portal sei da einfach sehr bequem. «Wenn du in Amerika Erfolg hast, kaufst du dir vielleicht ein Flugzeug. Hier gehen die Männer eher in einen Caba-Club und verprassen da ihr Geld», sagt er. Caba-Clubs sind die schillernden Bars in den japanischen Grossstädten, in denen auch sexuelle Dienstleistungen vermittelt werden.

Es gibt in Japan schon seit langem eine Seitensprungtradition. Wer sich auskennt, hat keine Probleme, Stundenhotels zu finden. Auch dienen nicht alle Massagesalons ausschliesslich der Behandlung durch medizinische Bademeister. «Ashley Madison» hat kürzlich eine Studie in Auftrag gegeben, in der 3 500 Nutzer befragt wurden, warum sie beigetreten sind. 55 Prozent der registrierten Frauen und 51 Prozent der Männer gaben als Antwort: «Nicht genug Sex». Nur zwei Prozent der japanischen Frauen und acht Prozent der Männer gaben an, ein schlechtes Gewissen bei einem Techtelmechtel zu haben. Weltweit hatten immerhin 20 Prozent Schuldgefühle.

Ehe als Zweckbündnis

Die Tatsache, dass es in Japan kaum jüdisch-christliche oder islamische Traditionen gibt, macht die Ehe dort eher zu einem praktischen Zweckbündnis, ohne von einer Religion zu einem heiligen Gut erhoben zu werden. Die Kunst der Verführung gehört seit jeher zum japanischen Kulturgut. Scheidungen sind oft hässlich und teuer, deshalb bleiben die Japaner lieber verheiratet und suchen sich den Spass ausserhalb der Ehe. «Die Leute wollen Affären haben, eben weil sie an ihrer Ehe festhalten wollen», erklärt Noel Biderman von «Ashley Madison» das scheinbare Paradoxon. Die Ergebnisse der Umfrage belegen das: 84 Prozent der befragten Japanerinnen gaben an, dass eine Affäre ihre Ehe unterstütze.

Bei «Ashley Madison» ist die Mitgliedschaft für Frauen kostenlos, während die Männer sogenannte «Gutschriften» kaufen müssen, um mit Frauen anzubandeln. In Japan kosten 100 dieser Gutschriften rund 35 Euro und ermöglichen den Kontakt zu 20 potenziellen Partnerinnen. Die Gutschriften können auch benutzt werden, um virtuelle Geschenke für die Angebeteten zu kaufen. Etwa 64 Prozent der in Japan registrierten Nutzer sind Männer, damit liegt der Frauenanteil in Japan höher als anderswo: Im weltweiten Durchschnitt ist das Verhältnis 70 Prozent Männer und 30 Prozent Frauen.

Diskreter als Facebook

Ein besonders in Japan stechender Vorteil von «Ashley Madison» ist die zugesicherte Diskretion. Es ist möglich, anonym oder mit Pseudonym zu flirten, und Spuren werden absichtlich verwischt. Biderman sagt, es sei weitaus weniger wahrscheinlich, beim Seitensprung erwischt zu werden, als wenn man sich über Facebook verabrede oder einen klassischen Büroflirt versuche.

Biderman selbst lebt nach eigener Aussage in einer monogamen Ehe und hat zwei Kinder. Der freundliche Mann antwortet frei von Hemmungen und beteuert, dass auch er seine Frau betrügen würde, wenn er sexuell unbefriedigt wäre.

Nicht überall in Asien hatte «Ashley Madison» so einen Traumstart wie in Japan. In Singapur etwa wurde die Seite nach öffentlichen Protesten gesperrt. Die Regierung beschimpfte den Service als eine «schamlose Missachtung unserer familiären Werte und der öffentlichen Moral.»

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