Nordirischer Sumpf: Seitensprünge, Missbrauch und Lügen
Aktualisiert

Nordirischer SumpfSeitensprünge, Missbrauch und Lügen

Die Frau von Protestanten-Chef Peter Robinson steigt mit einem Teenager ins Bett, Katholiken-Führer Gerry Adams gesteht sexuellen Missbrauch in seiner Familie – Nordirlands fragile Politlandschaft wird von Skandalen erschüttert.

von
Peter Blunschi
Regierungschef Peter Robinson und Sinn-Féin-Chef Gerry Adams in der Bredouille.

Regierungschef Peter Robinson und Sinn-Féin-Chef Gerry Adams in der Bredouille.

Im Nordirland-Konflikt waren sie Todfeinde: die katholische, IRA-nahe Sinn Féin und die protestantische, königstreue Democratic Unionist Party (DUP). Seit 2007 bilden sie gemeinsam eine fragile Regierung in Belfast, die bislang alle Stürme überstanden hat. Nun aber wurden ausgerechnet die beiden Parteichefs von familiären Skandalen eingeholt, die den Fortbestand des Bündnisses gefährden.

DUP-Regierungschef Peter Robinson hat sein Amt für sechs Wochen niedergelegt, nachdem die Affäre seiner 60-jährigen Ehefrau mit einem Teenager aufgeflogen war. Iris Robinson hatte sich in der Vergangenheit stets als strenggläubige Protestantin dargestellt. Vor zwei Jahren hielt sie gemäss der «taz» eine wahre Hasstirade gegen Homosexuelle: sie seien «schlimmer als Kinderschänder». Nun jedoch zeigte sich, dass sie noch andere Affären hatte, unter anderem mit dem Vater ihres jugendlichen Liebhabers.

Iris Robinson hatte dem heute 21-jährigen Kirk McCambley ausserdem ein Darlehen für die Eröffnung eines Restaurants zugeschanzt, ohne ihre persönlichen Interessen offenzulegen. Weshalb es für ihren Mann eng werden könnte, denn Indizien deuten darauf hin, dass Peter Robinson über die Kreditvergabe Bescheid wusste. Ein Gutachten soll nun klären, ob er sich falsch verhalten hat.

Adams-Bruder missbrauchte Tochter

Der politische Gegner und Koalitionspartner hielt sich auffällig zurück. Sinn-Féin-Chef Gerry Adams sprach von einer «persönlichen Angelegenheit der Robinsons». Was nicht erstaunt, denn auch Adams steckt aufgrund eines familiären Skandals in der Bredouille. Kurz vor Weihnachten musste er zugeben, dass er bereits 1987 erfahren hatte, dass sein Bruder Liam während Jahren die eigene Tochter sexuell missbraucht hatte.

Damit nicht genug: Auch sein 2004 verstorbener Vater Gerry Adams senior habe einige seiner zehn Kinder jahrelang «emotional, physisch und sexuell missbraucht». Er habe später kaum noch Kontakt zu Liam gehabt und auch dafür gesorgt, dass er aus der Partei ausgeschlossen werde, behauptete Gerry Adams im Dezember. Doch dann tauchten Fotos auf, auf denen die Brüder gemeinsam zu sehen sind. Ausserdem zeigten Recherchen britischer Medien, dass Liam Adams nach wie vor Mitglied von Sinn Féin ist.

Gerry Adams sagte, er habe davon nichts gewusst. Der «Belfast Telegraph» bezeichnete seine Angaben als «keineswegs überzeugend», andere bezichtigen ihn offen der Lüge. Beobachter sehen Parallelen zum Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche Irlands, der von den Bischöfen lange vertuscht worden war. Zwar gilt Vize-Regierungschef Martin McGuiness als starker Mann der Partei, doch international ist Adams nach wie vor das Aushängeschild von Sinn Féin.

Streit um Kompetenzen

Für die nordirische Regierung kommen die Skandale zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Politischer Dauerstreitpunkt ist vor allem die Machtübertragung von der britischen Regierung in London auf die Regierung in Belfast. Robinson hatte zum Ärger von Sinn Féin bisher verhindert, dass mehr Polizei- und Justizgewalt nach Nordirland übertragen wird. Bei vielen Protestanten ist das Misstrauen nach wie vor gross gegenüber dem politischen Arm der Irisch-Republikanischen Armee (IRA).

Die jüngsten Entwicklungen alarmieren auch London und Dublin. Der britische Nordirland-Minister Shaun Woodward und der irische Aussenminister Micheál Martin wollen laut dem «Belfast Telegraph» einen Kollaps der Regierung und vorgezogene Neuwahlen verhindern. Profitieren könnten einzig die Extremisten auf beiden Seiten. Zwar rechnet niemand mit einem Rückfall in die Zeit des Terrors, doch Gewaltausbrüche sind jederzeit möglich. Erst am letzten Freitag wurde ein Polizist bei einem Bombenanschlag von IRA-Abweichlern schwer verletzt.

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