Andrew Fletcher von Depeche Mode : «Seither ist es noch schlimmer geworden»

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Andrew Fletcher von Depeche Mode «Seither ist es noch schlimmer geworden»

Depeche Mode sind lange im Geschäft, reden aber immer noch Klartext: Keyboarder Andrew Fletcher über das neue Album, treue Fans und Terrorangst.

von
Yves Schott

Andrew Fletcher über Rechtspopulismus, DJs und ein mögliches Ende von Depeche Mode (Quelle: Webvideo Tamedia).

Andrew, die Terrorattacke letzte Woche in London: Bestätigen solche Vorfälle den Pessimismus in euren Liedtexten?

Martin Gore schreibt ja die Texte, schon seit Jahren. Und seither ist es wohl noch schlimmer geworden: Brexit, Trump, Syrien … die Welt scheint sich in einer seltsamen Situation zu befinden.

Deswegen auch die hauptsächlich pessimistischen Lieder von Depeche Mode?

Nicht wirklich. Normalerweise schreiben wir politische Texte, allerdings in verschiedenen Ausprägungen: Da geht es auch um Beziehungen, das Leben allgemein. Ich denke aber nicht, dass unsere Musik generell pessimistisch ist. Es gibt sehr viel Aufmunterndes.

Hast du Angst, in grosse Städte wie Paris, London oder Berlin zu reisen?

Nein. Bald beginnt unsere Welttournee. Auch privat würde ich nicht auf einen Besuch in Paris oder sonstwo verzichten.

Würdest du heute immer noch eine Band gründen wollen? Gerade, weil es viel schwieriger geworden ist, Musik zu verkaufen?

Klar, die Umstände sind völlig anders. Wir waren eine kleine Band, erhielten Unterstützung von einer Plattenfirma, und es war nicht nötig, in den Top Ten zu sein, um Geld zu verdienen. Kleine Bands haben es heutzutage schwer, sich zu etablieren. Die Plattenverkäufe sind gering. Veranstalter heuern DJs statt Bands an, weil es günstiger ist.

Alles in allem für eure Band ein Vor- oder ein Nachteil?

Wir sind in einer sehr glücklichen Position. Wir haben Millionen Fans, die noch immer CDs und Vinyl kaufen. Die Jüngeren laden unsere Musik herunter.

Sind eure Fans mit euch älter geworden?

Wir waren seit drei Jahren nicht mehr auf Tour. Deshalb werden wir darauf ein besonderes Auge haben. Manche Fans sind seit Anfang an mit dabei. Aber wir möchten auch jüngere Menschen anlocken, denn wir wollen ja nicht nur vor alten Leuten spielen.

Die «TAZ» aus Berlin findet euer neues Album «Spirit» «peinlich», andere Zeitungen loben es als das beste, das ihr je gemacht habt. Lest ihr Kritiken?

Klar. Man will ja nicht etwas umsonst gemacht haben. Ganz allgemein haben wir sehr gute Kritiken erhalten. Aber wir hatten schon immer Haters und Lovers. Und das ist gut, da wir anspruchsvolle Musik machen.

Möglich wäre ja einfach auch, dass euch die Anerkennung der Fans viel mehr bedeutet als ein Artikel in einer Zeitung.

Es ist, wie wenn man ein Buch schreibt: Es soll gut ankommen. Wir sind stolze Menschen, und wenn professionelle Leute etwas kritisieren, ist das völlig in Ordnung. Aber du hast recht: Letztlich sind die Fans wichtiger.

Wie wird sich die Welt in den nächsten fünf oder zehn Jahren entwickeln?

Ich hoffe, dass der rechtspopulistische Trend nicht ewig anhält. Und bin mir bewusst, dass in Deutschland und Frankreich gewählt wird. Wir produzieren ja alle vier Jahre ein neues Album. Für die Aufnahmen sind wir in Amerika, sind also immer dort, wenn ein neuer Präsident gewählt wird. Was sehr interessant ist.

Dass ihr genau alle vier Jahre ein neues Album herausbringt – das kann kein Zufall sein, oder?

Nein, das ist so. Aber in dieser Zeit sind wir auf Tour, machen Werbung, nehmen die Songs auf … und haben sogar etwas Freizeit (lacht). Für Nebenprojekte etwa, vor allem aber für unsere Familien und Kinder.

Was Andrew Fletcher von der DJ-Szene hält und wie lange er mit Depeche Mode noch weitermachen will, sehen Sie im Video.

«Spirit» ist ab sofort im Handel erhältlich. Depeche Mode treten am Sonntag, 18. Juni, im Zürcher Letzigrundstadion auf.

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