18.01.2017 21:56

London

Sektenführer liess Tochter glauben, er sei Gott

Die Britin Katy Morgan-Davies war 30 Jahre lang in der Sekte ihres Vaters gefangen. Eine bestürzende Geschichte von Hirnwäsche, Missbrauch und Lügen.

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Katy Morgan-Davies (33) entkam 2013 den Fängen ihres Vaters, Sektenführer Aravindan Balakrishnan. Am 26. Januar 2017 strahlt die BBC einen Dokfilm mit ihrer bedrückenden Lebensgeschichte aus.

Katy Morgan-Davies (33) entkam 2013 den Fängen ihres Vaters, Sektenführer Aravindan Balakrishnan. Am 26. Januar 2017 strahlt die BBC einen Dokfilm mit ihrer bedrückenden Lebensgeschichte aus.

Screenshot Youtube
Der Guru (links) sitzt seit 2013 in Haft. Seine Tochter erfuhr erst nach der Befreiung, dass der Mann ihr Vater war. «In der Gemeinschaft gab es keine Mütter und Väter», erzählt Morgan-Davies.

Der Guru (links) sitzt seit 2013 in Haft. Seine Tochter erfuhr erst nach der Befreiung, dass der Mann ihr Vater war. «In der Gemeinschaft gab es keine Mütter und Väter», erzählt Morgan-Davies.

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In diesem Haus mitten in London war die Sekte seit den 1970er-Jahren untergebracht.

In diesem Haus mitten in London war die Sekte seit den 1970er-Jahren untergebracht.

epa/Facundo Arrizabalaga

Katy Morgan-Davies ist 33 Jahre alt. Sie ist zwar mitten in London aufgewachsen, doch die Stadt kannte sie bis vor drei Jahren nicht. Sie war auch noch nie abends bei Dunkelheit draussen – die Frau hatte 30 Jahre lang als Gefangene in der Sekte ihres Vaters gelebt.

In der Sendung «The Cult Next Door» des britischen Senders BBC, die am 26. Januar ausgestrahlt wird, erzählt Morgan-Davies ihre erschütternde Lebensgeschichte. «Als ich klein war, redete ich mit dem Wasserhahn auf der Toilette und freute mich jedes Mal, wenn das Klo spülte. Das gab mir Trost», sagt die Frau, die sich 2013 aus den Fängen der kommunistischen Glaubensgemeinde «The Collective» löste, in die sie als ein Experiment namens «Project Prem» hineingeboren wurde.

Die sozialen Fähigkeiten einer Sechsjährigen

Sektenführer war ihr Vater Aravindan Balakrishnan. Dass der Mann ihr Vater war, erfuhr Morgan-Davies allerdings erst als er verhaftet und zu 23 Jahren Haft wegen Vergewaltigung und Freiheitsberaubung verurteilt wurde. Auch wer ihre Mutter war, erfuhr das Opfer erst viele Jahre nach deren Tod.

Morgan-Davies war in der maoistischen Kommune von allen Mitgliedern — mehrheitlich Frauen — grossgezogen worden, mit dem Ziel, eines Tages die Leitung zu übernehmen. «Es gab keine Mütter und Väter. Ich durfte weder Spielzeug noch Kontakt zu den anderen Kindern haben.» Als sie entkam, habe sie die sozialen Fähigkeiten einer Sechsjährigen gehabt, berichtet die Zeitung «Daily Mail», die sich den BBC-Film bereits ansehen durfte. Sie wusste nicht, wie man eine Strasse überquert oder ein elektronisches Gerät benutzt. Sie war auch noch nie bei einem Arzt oder beim Zahnarzt gewesen.

Auch Mutter war gemein zur Tochter

Balakrishnan – unter den Anhängern Comrade Bala genannt – hatte die Sekte in den 1970er-Jahren aufgebaut. Die Mitglieder wohnten alle zusammen in einem Haus. Sie mussten Bala allerdings um Erlaubnis bitten, wenn sie nach draussen wollten.

Eine der höchsten Verehrerinnen des Sektenführers war Sian Davies — Katys Mutter, eine glänzende Schülerin am Cheltenham Ladies' College. Bala übte eine besondere Macht über sie aus. Davies und alle anderen Mitglieder hielten ihn für einen Gott, dem sie zu gehorchen hatten.

Bala konnte seine Partnerin aber auch misshandeln. «Ich sah, wie sie geknebelt und mit einem Stofffetzen im Mund am Boden lag, während andere Mitglieder der Sekte sie festhielten», erzählt Morgan-Davies. Das sei einen Tag vor Davies' Tod passiert. Die Frau stürzte 1986 aus einem Fenster. «Sie hatte offenbar versucht, zu fliehen», glaubt ihre Tochter. Zu ihr war Sian Davies jedoch immer sehr böse gewesen. «Ich fühlte mich sehr erleichtert, als sie starb.»

Eine Maschine, die Gedanken lesen kann

Der Guru hatte seine Anhänger glauben lassen, dass sie vom Blitz getroffen würden, wenn sie flöhen. Ausserdem hatte er ihnen gesagt, dass eine Maschine, die er Jackie nannte, ihre Gedanken lesen könne. Die Manipulation und die Gehirnwäsche unter den Opfern ging so weit, dass Morgan-Davies glaubte, schuld am Absturz des US-Space-Shuttles Challenger gewesen zu sein.

Als eines Tages ein Pizzabote fälschlicherweise an der Tür des Gurus klingelte, verknüpfte Bala den Vorfall mit einem Erdbeben, den es an jenem Tag in Japan gegeben hatte. «Es sei die Strafe des faschistischen Staates, sagte er zu uns», erinnert sich Morgan-Davies.

Trotz allem kann das Opfer seinem Vater verzeihen

2005 flüchtete die Frau zum ersten Mal, als eine Hintertür offen gelassen wurde. Auf der Strasse bat sie Passanten um Hilfe, die ihr rieten, zur Polizei zu gehen. Die Beamten hatten in dem Moment keine bessere Idee, als Aravindan Balakrishnan anzurufen. Er holte seine Tochter bei der Polizeistation ab und sagte, dass «alles gut» sei.

Als Morgan-Davies acht Jahre später krank wurde, erhielt sie Hilfe von einem Sektenmitglied. Josie Herival rief – trotz der Anweisung des Gurus – eine Helpline an, die sie im Fernsehen gesehen hatte. Zwei Mitarbeiter einer Hilfsorganisation für Menschenhandel kamen und holten Morgan-Davies, Herival und eine dritte Frau aus dem Haus.

«Bis heute verfolgt sie der Gedanke, dass Jackie, die Maschine, sich an ihnen rächen wird», erzählt Befreier Gerard Stocks im Dokfilm. In den letzten drei Jahren hat Katy Morgan-Davies grosse Fortschritte gemacht. Nachdem sie lange in einer betreuten Wohnanlage lebte, zog sie kürzlich in eine eigene Wohnung. Ihrem Vater hat sie verziehen, sagt sie. «Das Leben ist zu kurz, um zu hassen und verärgert zu sein.»

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