Aktualisiert 11.01.2012 12:30

Schweizer in Pjöngjang«Selbst Sprüngli-Pralinés gibt es in Nordkorea»

Felix Abt kennt Nordkorea wie kaum ein anderer Schweizer – er lebte sieben Jahre in Pjöngjang. Ein Gespräch über Stromausfälle, erfundene Hungerkatastrophen und den Ruf der Schweiz.

von
Antonio Fumagalli

Herr Abt, sind Sie froh, nicht mehr in Nordkorea zu leben?

Das kann man so nicht sagen. Wir konnten dort ein ziemlich vernünftiges Leben führen und mit den paar Entbehrungen sind wir gut zurechtgekommen.

Entbehrungen welcher Art?

Es gab zum Beispiel nur dreimal täglich fliessendes Wasser - morgens, mittags und abends für je eine Stunde. Wenn es hin und wieder mal nicht warm war, mussten wir es zum Duschen halt auf dem Gaskochherd erhitzen. Zu essen hatten wir hingegen immer genug. Es ist erstaunlich, welche Auswahl an italienischen Weinen, französischen Käsen, ungarischen Salamis und Sprüngli-Pralinés aus der Schweiz in den Devisenläden zu finden ist.

Wie kommen solche Produkte überhaupt ins Land? Es gibt ja ein von der UNO verhängtes Embargo für Luxusgüter.

Ausländer und Nordkoreaner, die es sich leisten können, kommen immer an derartige Güter. Einzig Milchprodukte sind auch für sie in den Sommermonaten rar, weil die Kühlregale wegen Strommangel oft ausfallen. Für den Rest der Bevölkerung, also die Allermeisten, gibt es Märkte, wo immer mehr Güter aller Art angeboten werden. Dazu gehören Landwirtschaftsprodukte, die unzählige Familien auf eigene Initiative anpflanzen und mit Gewinn verkaufen. Grundsätzlich hat sich die Versorgungslage in den letzten zehn Jahren massiv verbessert, auch wenn die alljährlich von der UNO und humanitären Organisationen vorausgesagten Hungerkatastrophen einen anderen Eindruck vermitteln. Deren Voraussagen sind bekanntlich nie eingetroffen.

Wem nützt denn dieses verzerrte Bild der Realität?

Ich kann es mir nur so erklären, dass damit Spendengelder generiert werden sollen.

Kann man von einer eigentlichen Ausländer-Community in Pjöngjang sprechen?

Geschäftstüchtige und pragmatische Chinesen gibt es ziemlich viele. Westler, die sich nicht von negativen Schlagzeilen und der Embargopolitik abschrecken lassen, hingegen fast keine. Und wenn, dann arbeiten sie für eine Hilfsorganisation oder eine europäische Botschaft in Pjöngjang. Geschäftsmänner wie mich kann man also fast an einer Hand abzählen. Als ich 2005 die «European Business Association» ins Leben rief, hatten wir gerade mal zwölf Mitglieder.

Sie waren als Geschäftsführer tätig in Pjöngjang. Wie ist die Zusammenarbeit mit nordkoreanischen Angestellten?

Sehr gut. Sie sind ausserordentlich fleissig, diszipliniert und wissbegierig. Nach zwei, drei Jahren waren Vorgesetzte und Mitarbeiter in der Lage, ein Unternehmen selbstständig zu führen.

Genau in diese Kerbe – die Ausbildung von Führungskräften – wollte ja auch die Pjöngjang Business School (PBS) schlagen, die Sie leiteten.

Ja. Besonders am Anfang (die PBS wurde 2002 gegründet, Anm. d. Red.) lief es auch sehr gut. Multinationale Firmen wie ABB, die deutsche BASF oder die schwedische SKF schickten hochkarätige Dozenten und andere Grossunternehmen sicherten finanzielle Unterstützung zu. Das war auch ganz im Sinn der Schweizerischen Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit (DEZA), die nur für «Anschubfinanzierung» sorgte.

Was liess das vielversprechende Projekt scheitern?

Nach den nordkoreanischen Raketen- und Nukleartests und dem darauf folgenden politischen Druck haben sie alle kalte Füsse gekriegt und die Versprechen auf bessere Zeiten verschoben. Zudem hat das DEZA seine Unterstützung per 1. Januar dieses Jahres eingestellt. So musste die Schule geschlossen werden, obwohl sie ein äusserst vorteilhaftes Kosten-/Nutzenverhältnis aufwies.

Das Regime schneidet sich mit seiner isolationistischen Politik und den militärischen Drohgebärden ins eigene Fleisch.

Das ist eine Sicht, die im Westen weitverbreitet ist. Man muss aber sehen, dass die Nordkoreaner ernsthaft befürchten, von den USA überrollt zu werden. Die militärische Aufrüstung wird aufgrund dieser Existenzangst erst recht vorangetrieben.

Die Schweiz hat ihr Engagement in Nordkorea auf dieses Jahr hin zurückgefahren. Werden die guten Beziehungen zwischen den beiden Ländern darunter leiden?

Das glaube ich nicht. Aber die Schweiz wird garantiert an Einfluss verlieren, sie hatte auch aufgrund ihrer nachhaltigen Entwicklungshilfe einen hervorragenden Ruf bei der Regierung. Es war kein Zufall, dass die damalige Aussenministerin Micheline Calmy-Rey als erstes nichtkoreanisches Regierungsmitglied über die Demarkationslinie nach Südkorea schreiten durfte. Das war ein Zeichen grosser Wertschätzung.

Der langjährige Machthaber Kim Jong-II starb vor wenigen Wochen. Was wird sich mit den neuen Verhältnissen verändern?

Zunächst mal nicht viel. Kim Jong-Un wird die Politik seines Vaters weiterführen. Mittelfristig kann Nordkorea aber durchaus den gleichen Weg wie China oder Vietnam einschlagen, wenn wohl auch mit gedrosselter Geschwindigkeit. Voraussetzung dafür sind die diplomatische Anerkennung durch die USA, Sicherheitsgarantien und eine faire wirtschaftliche Behandlung. Der ehemalige US-Präsident Richard Nixon ging einst mit gutem Beispiel voran: Er normalisierte die Beziehungen mit dem im Westen ebenfalls dämonisierten «Rotchina» und legte damit einen wichtigen Grundstein für dessen atemberaubende Entwicklung.

Sieben Jahre in Nordkorea

Der 57-jährige Felix Abt lebte von 2002 bis 2009 in Pjöngjang und leitete dort unter anderem die ABB-Vertretung und die Pyongyang Business School. «Ich kenne ein paar einflussreiche Leute bei den Behörden. Sie wussten, dass ich kein Spion bin, ich hatte also viel Handlungsspielraum», sagt der gebürtige Aargauer.

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