Alle gestört?: «Selbst wer nicht krank ist, erhält Pillen»
Aktualisiert

Alle gestört?«Selbst wer nicht krank ist, erhält Pillen»

Wer sich gesund fühlt, ist heute schon fast die Ausnahme: Der amerikanische Psychiater Allen Frances warnt vor einer Diagnosenflut bei psychischen Störungen.

von
Camilla Alabor
«Zwei Drittel aller verschriebenen Medikamente wären nicht nötig», sagt der amerikanische Psychiater Allen Frances. Er kritisiert, dass normale Probleme immer öfter als psychische Störungen diagnostiziert würden.

«Zwei Drittel aller verschriebenen Medikamente wären nicht nötig», sagt der amerikanische Psychiater Allen Frances. Er kritisiert, dass normale Probleme immer öfter als psychische Störungen diagnostiziert würden.

Sie kritisieren, dass heute als psychisch krank gilt, was früher normales Verhalten war. Können Sie ein Beispiel dafür geben?

Allen Frances: Wenn ein Mensch stirbt, ist es normal, dass seine Angehörigen eine Zeit lang um ihn trauern. Das kann Monate dauern oder sogar ein Jahr. Das hat nichts mit einer Depression zu tun, sondern ist ein natürlicher Vorgang. Das neue Psychiatriehandbuch (siehe Box) aber macht es möglich, schon nach zwei Wochen eine Depression zu diagnostizieren. Damit wird ein normaler Prozess zu einer Krankheit gemacht.

Sie sprechen von einer «Inflation an Diagnosen». Also sind gar nicht mehr Menschen psychisch krank als früher?

Nein. Diese Entwicklung hat einerseits mit der Pharmalobby zu tun, die aus den Krankheiten Profit schlägt. Ihre Botschaft lautet: Alle schwierigen Momente im Leben gehen auf eine psychische Störung zurück, die wir mit einem Medikament behandeln können. Ein grosses Problem ist aber auch, dass amerikanische Hausärzte im Durchschnitt nach sieben Minuten eine Diagnose stellen – mehr Zeit haben sie nicht für ihre Patienten. Die Hausärzte wissen so oft nicht, ob es sich um das normale Auf und Ab des Lebens handelt, oder um eine psychische Störung. Deshalb bekommen immer mehr Leute Medikamente verschrieben, die gar nicht krank sind.

Viele Patienten sind aber froh, wenn sie Pillen bekommen.

Ja, das stimmt leider. Die Leute glauben, mit einer Pille liessen sich ihre Probleme lösen. Dabei blenden sie aus, dass Medikamente auch Nebenwirkungen haben. Zudem ist eine psychiatrische Diagnose eine einschneidende Erfahrung. Denn wenn man erst mal eine Diagnose hat, begleitet sie einen oft ein Leben lang – ganz egal, ob sie nun zutrifft oder nicht. Dazu kommt, dass die Patienten oft stigmatisiert werden und ihr Selbstbewusstsein verlieren.

Was sollen die Patienten denn tun?

Die meisten Leute, die zum Psychiater geschickt werden, sollten besser eine Weile warten, bevor sie Medikamente schlucken. Oft löst sich das Problem mit der Zeit von selbst. Das gilt natürlich nicht für diejenigen, die ernsthafte Probleme haben. Aber wem es nicht gut geht, der sollte erst einmal alles andere probieren – wie etwa eine Psychotherapie – , bevor er sich darauf einlässt, Pillen zu nehmen.

Sie kritisieren auch, dass die Krankheiten zu lose definiert sind, so dass wir fast alle als psychisch krank gelten.

Nimmt man das neue Psychiatriehandbuch zum Richtwert, weisen 83 Prozent aller Jugendlichen während ihrer Jugend einmal eine mentale Störung auf. Das zeigt, wo das Problem liegt.

Wie hoch sind die Kosten dieses Phänomens?

Ich schätze, dass zwei Drittel aller eingenommenen Medikamente unnötig sind. In den USA alleine betragen die Kosten für Anti-Depressiva zwölf Milliarden Dollar pro Jahr. Zudem sterben hierzulande mehr Leute an einer Überdosis von Medikamenten als einer Drogenüberdosis.

Wie gross ist der Einfluss des Handbuchs in Europa?

Der Einfluss ist indirekt: Die europäischen Psychiater orientieren sich am ICD, dem Handbuch der Weltgesundheitsorganisation. Dieses ist aber vom amerikanischen Psychiatriehandbuch beeinflusst. Den Diagnosenwahn gibt es auch in Europa: Die Zahlen für ADHS, Autismus oder bipolare Störungen bei Kindern sind in Europa ebenfalls in die Höhe geschossen. Dabei ist es gerade bei Kindern problematisch, solche Krankheiten mit Pillen zu behandeln.

Warum?

Viele dieser Medikamente haben zur Folge, dass die Kinder dabei zunehmen – und zwar um bis zu 15 Prozent ihres Körpergewichts. Zudem ist es gerade bei Kindern schwierig zu beurteilen, was wirklich das Problem ist: ob sie aus einer Situation heraus reagieren, oder ob es sich wirklich um eine mentale Störung handelt.

In Ihrem Buch, «Normal», kritisieren Sie die Diagnoseninflation heftig. Was hat sich seit der Publikation im Frühling geändert?

Die Herausgeber des Psychiatriehandbuches haben einige Krankheiten wieder zurück genommen. So haben sie die Sexsucht gestrichen, ebenso wie die Internetsucht. Das liegt nicht nur an meinem Buch, aber es hat zumindest eine längst überfällige Diskussion ausgelöst.

Glauben Sie, der Trend zur Krankschreibung der halben Gesellschaft kann gestoppt werden?

Ja. Schon die Diskussion darüber, dass wir zu schnell Störungen diagnostizieren, ist ein erster Schritt dazu. Zudem sind sich die Leute dessen je länger je mehr bewusst. Sie äussern sich heute kritischer zur Flut an Diagnosen und Tests. Zwar scheint die Pharmaindustrie heute immer noch allmächtig. Aber das war vor 25 Jahren bei den Tabakfirmen auch der Fall.

Zur Person

Allen Frances ist einer der bekanntesten amerikanischen Psychiater. Für Diskussionen hat diesen Frühling sein Buch «Normal» gesorgt. In diesem kritisiert der 71-Jährige, dass heute bei psychischen Problemen viel zu schnell psychische Störungen diagnostiziert würden, obwohl sich die Probleme eigentlich im Bereich des Normalen bewegten.

Im Fokus von Frances’ Kritik steht die fünfte Ausgabe des amerikanischen Psychiatriehandbuchs (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, DSM), welche die Kriterien für psychische Krankheiten ausgeweitet hat. In früheren Jahren war Frances selber Vorsitzender der Kommission, die das Handbuch ausarbeitete. Er nimmt sich daher von der Kritik nicht aus und bezeichnet es als Fehler, schon in früheren Handbüchern die Kriterien für gewisse Diagnosen gelockert zu haben. So hätten sich die Diagnosen für Autismus und bipolare Störung bei Kindern seit der Publikation des letzten Handbuchs 1994 vervierzigfacht.

Am Mittwoch, 20. November, ist Allen Frances zu Besuch beim Gottlieb-Duttweiler-Institut in Rüschlikon. (ala)

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