Raiffeisen-Chef Vincenz: «Selbstdeklaration dürfte auch bei uns kommen»
Aktualisiert

Raiffeisen-Chef Vincenz«Selbstdeklaration dürfte auch bei uns kommen»

Raiffeisen-CEO Pierin Vincenz äussert sich vor den Medien pointiert zum Thema Steuerstreit: Er glaube, dass das Konzept der Selbstdeklaration später in der Schweiz zum Tragen komme.

Der Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz nimmt den Tadel der Bankiervereinigung mit Humor.

Der Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz nimmt den Tadel der Bankiervereinigung mit Humor.

Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz geht davon aus, dass auch in der Schweiz die Unterscheidung zwischen Steuerhinterziehung und Steuerbetrug fallen könnte. Deshalb äussere er sich so pointiert zum Thema Steuerstreit, sagte Vincenz am Freitag vor den Medien.

Derzeit werde vor allem an einer Lösung mit dem Ausland gearbeitet, aber mögliche, jetzt vom Bundesrat vorgeschlagene Konzepte wie die Selbstdeklaration dürften später auch innerhalb der Schweiz zum Tragen kommen. Für ein Institut wie Raiffeisen mit Millionen Kunden sei es deshalb wichtig, was entschieden werde.

Vincenz geht davon aus, dass auch in der Schweiz der Unterschied zwischen Steuerhinterziehung und -betrug fallen könnte oder zumindest verfeinert wird. «Falls dann auch die Schweizer Kunden eine Selbstdeklaration ausfüllen müssten, könnte das für Raiffeisen einen Riesenaufwand geben», sagte er. Deshalb wolle die Bank mitreden.

«Dann kriegt man halt eins auf den Deckel»

Die derzeit breit diskutierte Weissgeld-Strategie muss nach Ansicht des Raiffeisen-Chefs «mit Inhalt gefüllt» werden. Deshalb habe er sich auch zum Thema geäussert und in einer für Schweizer Banker ungewöhnlichen Aussage den automatischen Informationsaustausch in die Diskussion eingebracht.

Dass er von der Bankiervereinigung dafür getadelt wurde, nimmt er mit Humor. «Wenn man sich zu weit aus dem Fenster lehnt, kriegt man halt eines auf den Deckel», sagte er mit einem Lächeln. Er stamme aus der Raiffeisen-Kultur und dort sei man es sich gewohnt, Dinge permanent zu diskutieren.

Raiffeisen muss Wegelin-Erbe ausmisten

Die Raiffeisen-Gruppe ist 2011 prächtig gewachsen. Gefordert ist Raiffeisen-Chef Pierin Vincenz allerdings mit der neuen Privatbankentochter Notenstein, die aus der untergegangenen St. Galler Privatbank Wegelin hervorgegangen ist: Dort besteht Aufräumbedarf.

Die Bank Notenstein umfasst das Nicht-US-Geschäft der Bank Wegelin, die im Januar angesichts drohender Klagen amerikanischer Behörden wegen vermuteter Beihilfe zu Steuerdelikten zerbrochen ist. Einen Monat nach der Übernahme hat die Raiffeisen-Gruppe nach Angaben von Vincenz zwei bis drei Prozent der Notenstein-Privatkunden verloren.

Bis Ende März wolle die Raiffeisen-Gruppe alle Kundenbeziehungen überprüfen und problematische Fälle ausmisten. Institutionelle Anleger hätten aber keine Vermögenswerte von der neu gegründeten Bank abgezogen, betonte Vincenz am Freitag vor den Medien in St. Gallen.

Notenstein beschäftigt rund 700 Mitarbeitende an dreizehn Standorten. Trotz Verunsicherung beim Personal hat es laut Vincenz nur eine Kündigung gegeben.

3,5 Millionen Kunden

Insgesamt zogen die 328 Raiffeisenbanken der Schweiz im vergangenen Jahr 79 000 neue Kunden an. Die Bankengruppe, die sich mit der Zürcher Kantonalbank um das Prädikat der drittgrössten Bankengruppe des Landes duelliert, zählt 3,5 Mio. Kunden und verwaltete Ende 2011 Vermögen von 146 Mrd. Franken.

Der Bruttogewinn der Raiffeisen-Gruppe stieg um 4,2 Prozent auf 992,1 Mio. Franken. Einen Mehrertrag verzeichnete die Raiffeisen-Gruppe insbesondere im Zinsengeschäft, dessen Erfolg um 3,7 Prozent stieg. Dies verdankt Raiffeisen den Hypotheken: Die vergebenen Hauskredite stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 7,5 Prozent.

Trotz des hart umkämpften Hypothekengeschäftes liege Raiffeisen damit rund zwei Prozent über dem Schweizer Markt, sagte Vincenz. Den 128,5 Mrd. Fr. Hypothekarkrediten standen Ende Jahr 122,2 Mrd. Fr. Kundengelder gegenüber. Deren Bestand ist im Verlauf des Jahres um 4,9 Prozent gestiegen.

Kosten gestiegen

Doch nicht nur beim Zinsengeschäft, dem weitaus wichtigsten Geschäftspfeiler, stieg der Ertrag. Auch beim für Raiffeisen weniger bedeutenden Handelsgeschäft resultierte wie bei vielen anderen Geschäftsbanken ein deutliches Plus.

Und selbst den Ertrag aus dem Kommissions- und Dienstleistungsgeschäft konnte die genossenschaftlich organisierte Bankengruppe trotz der allgemeine Zurückhaltung an den Finanzmärkten leicht steigern.

Das Wachstum des Geschäfts führte indes auch zu höheren Kosten: Da der Geschäftsaufwand aber mit 3,8 Prozent weniger stark stieg als der Ertrag, resultierte schliesslich ein höherer Bruttogewinn.

Beteiligungen drücken Reingewinn

Unter dem Strich weist die Raiffeisengruppe aber dennoch einen um 5,1 Prozent tieferen Reingewinn als 2010 aus. Grund dafür ist die marktbedingte Abwertung von Beteiligungen, insbesondere jener an der Zürcher Privatbank Vontobel. Ohne diesen Bewertungsverlust von 56,5 Mio. Fr. wäre der Gruppengewinn um 3,9 Prozent gestiegen.

Im laufenden Jahr wollen die Raiffeisen-Banken in ihrem Kerngeschäft weiter wachsen und namentlich ihre Präsenz in den Städten und Agglomerationen verstärken. Mit dem Kauf der Bank Notenstein hat die Gruppe wie geplant ihre Geschäftstätigkeiten weiter diversifiziert.

Raiffeisen-Boss Pierin Vincenz erzählt im Video-Interview, weshalb er von der Bankervereinigung «eins auf den Deckel» bekommen hat. (sda)

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