Aufruhr in Istanbul: Selbstzensur? Türkische Medien unter Beschuss
Aktualisiert

Aufruhr in IstanbulSelbstzensur? Türkische Medien unter Beschuss

Die Proteste in der Türkei richten sich auch gegen die Medien. Ihnen wird vorgeworfen, die Demonstrationen ignoriert zu haben – aus Angst vor der Regierung.

von
Ezgi Akin
AP

Dichte Wolken aus beissendem Rauch über dem Taksim-Platz – doch einer der grössten Privatsender des Landes zeigt Pinguine am Fernsehen. Die Dokumentation lief ohne Unterbrechung, während auf anderen Sendern Kochshows oder eine Doku über Adolf Hitler zu sehen waren. Als Istanbul von den schwersten Anti-Regierungs-Protesten seit Jahrzehnten erschüttert wurde, schaute das Fernsehen einfach weg. Die regulären Nachrichtensendungen erwähnten die Demonstrationen nur kurz, um dann über andere Themen zu berichten. Kein Wort über die Gewalt, die vielen Verletzten und über das massive Eingreifen der Sicherheitskräfte, das später sogar Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan als unnötig hart bezeichnete.

Erst am Wochenende, als der Aufschrei zu laut wurde, um ihn noch ignorieren zu können, nahmen die TV-Sender langsam die Berichterstattung auf, am Montagabend waren die Vorfälle dann nahezu überall ein Thema. Doch der Schaden war bereits passiert. Am Sonntag und Montag versammelten sich Demonstranten vor den Gebäuden der Privatsender NTV und HaberTurk. Sie warfen den Medien vor, ein Volk von 75 Millionen mangelhaft informiert zu haben.

Die drei Affen

Auf einem Transparent waren die drei Affen zu sehen, die sich Augen, Ohren und Mund zuhielten: Nichts Böses sehen, nichts Böses hören und nichts Böses sagen. Auf dem Taksim-Platz stürzten Protestierende einen NTV-Übertragungswagen um und demolierten ihn völlig. In einem Land, in dem die Behörden wenig Skrupel haben, kritische Journalisten zu inhaftieren, sehen viele das Verhalten der Medien – insbesondere der TV-Sender – als Zeichen einer Selbstzensur. Der Vorwurf: Man übersieht einfach, was den Ärger der Regierung erregen könnte.

Das Fehlen der Berichterstattung wurde auch im Ausland registriert. Der Generalsekretär des Europarats, Thorbjörn Jagland, hielt die Medien dazu an, «vollständig und angemessen» über die Situation zu berichten. Bei den türkischen Medien ist die Botschaft der Öffentlichkeit offenbar angekommen. Dogus, einer der bedeutendsten türkischen Mischkonzerne, zu dem auch NTV gehört, entschuldigte sich dafür, dass am ersten Abend der Krawalle nicht darüber berichtet worden sei.

«Über alles berichten»

«Unsere Zuschauer fühlen sich betrogen», räumte Dogus-Chef Cem Aydin am Dienstag nach einem Treffen mit der NTV-Belegschaft ein. Die Kritik sei in weiten Teilen angebracht, sagte er. «Unser beruflicher Auftrag ist es, über alles zu berichten, so wie es passiert», fügte er hinzu.

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