Selfmade-Superman lässt Kinokassen klingeln
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Selfmade-Superman lässt Kinokassen klingeln

Und es kommt immer noch einer aus den Tiefen der Archive: Wer hoffte, dass die Welle der Comic-Verfilmungen ihren Höhepunkt überschritten habe, der sieht sich getäuscht. Der neuste Superheld, «Iron Man», hat an den US-Kinokassen standesgemäss einen Superstart hingelegt.

Die Comic-Verfilmung aus dem Hause Marvel spielte am Wochenende in Nordamerika ersten Studioschätzungen zufolge 100,7 Millionen Dollar ein. Der Film übertraf damit alle Erwartungen. Es war mit Abstand der beste US-Filmstart dieses Jahres und der zweitbeste Start eines Einzelfilms überhaupt.

Ein neuer Sommer, eine neue Comic-Verfilmung, also. Aber im neuen Superhelden-Abenteuer «Iron Man» wird eine vielgeliebte Heftchen-Figur aus dem Jahre 1963 aufpoliert, die sich grundlegend von ihren Kollegen unterscheidet. Anders als die versehentlich mutierten «Fantastic Four», «Spiderman»- und «X-Men» ist Blechkamerad Stark der einzige Selfmade-Supermann; mit Grips und im Schweisse seines Angesichts rüstet er sich selbst zur Wunderwaffe auf.

Selfmade-Rüstung für Afghanistan

Der Grossindustrielle Tony Stark wird während der Vorführung seiner neuen Superwaffe in Afghanistan entführt. Der geniale Erfinder, der für die Warlords die Rakete nachbauen soll, bastelt stattdessen eine mit explosiven Extras ausgestattete Patchwork-Rüstung, mit der er sich in die Freiheit katapultiert. Doch Fieslinge mit Welteroberungsgelüsten setzen alles daran, um Starks eisernen Anzug nachzuschneidern. Der zum Menschenfreund gewendete «Iron Man» hat aber noch ein paar Tricks im handgeschmiedeten Ärmel.

Dieser pubertäre Unsinn macht ziemlich Spass: Das ist vor allem das Verdienst von Hauptdarsteller Robert Downey Jr., der sich nicht nur durch seine Aufenthalte in diversen Entziehungskliniken die Reputation als der coolste aller Hollywood-Versehrten erworben hat.

Whisky saufender Supermann mit Grips

Hier wird keiner mit juvenilen «Spider-Man»-Identitätskrisen oder bedeutungsschwangeren Polit-Botschaften à la «X-Men» belästigt: Der Whisky saufende, Frauen verbrauchende Milliardär kommt so herrlich unverschämt und dekadent daher, dass er die Zuschauer von Anfang an am Haken hat. Passgenau abgestimmt auf den unverwüstlichen Zampano ist das Ensemble, in dem Gwyneth Paltrow, niedlicher und kesser als je zuvor, als Tony Starks patente Assistentin für erotische Unterströmung sorgt. Jeff Bridges, mit Bart und Glatze kaum wiederzuerkennen, mimt den dämonisch-jovialen Widersacher. Die stoppeligen afghanischen Bösewichte dagegen werden relativ schnell beerdigt und die Handlung zielstrebig zu den amerikanischen Waffenlieferanten zurückverwiesen.

Der Feind sitzt hier nicht im Tora-Bora-Höhlensystem von Taliban-Warlords, sondern im Inneren der heimatlichen Festung, wo geldgierige Konzernvorstände unpatriotisches Schindluder treiben. Gelungen ist auch die Synthese zwischen dem «Heavy Metal» des Originalhelden aus den Sechzigern und dem «High Tech» des 21. Jahrhunderts. Das Genie verzieht sich am liebsten in seine geräumige Werkstatt im Keller, die aussieht wie die Garage eines durchschnittlichen Tüftlers. Dort verlustiert er sich mit altem Eisen, das er mittels holographischer Computermodelle zu einer neuen Rüstung zusammensetzt. Und sonntags liegt er vermutlich unterm seinem Hot Rod: der Superheld als Schrauber.

Mit Düsenantrieb durch die Stratosphäre

Regisseur Jon Favreau beweist zugleich Gefühl für das Potenzial der Darsteller und für gutes Timing. Rasant inszeniert sind nicht nur die sarkastischen Pointen des unmanierlichen Superhirns, sondern auch die atemberaubenden Actionszenen. Sei es nun ein luftiges Scharmützel zwischen Jagdbombern und dem mit Raketenantrieb durch die Stratosphäre düsenden Stark, oder das David- und Goliath-Duell eiserner Giganten: Robert Downey Jr., der beste Special Effect dieses Abenteuers, würzt pubertäre Omnipotenzfantasie mit selbstironischen Charme.

(dapd)

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