Aktualisiert 10.08.2017 12:36

Kontroverser 800-m-LaufSelina Büchel gegen die Intersexuellen

Am Donnerstagabend beginnt an der Leichtathletik-WM in London der 800-m-Wettbewerb. Mit der Schweizerin Selina Büchel und umstrittener Konkurrenz.

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mal
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Die hyperandrogene Caster Semenya, Olympiasiegerin 2016, dominiert über die 800 m, seit sie ihren Testosteronwert nicht mehr reduzieren muss.

Die hyperandrogene Caster Semenya, Olympiasiegerin 2016, dominiert über die 800 m, seit sie ihren Testosteronwert nicht mehr reduzieren muss.

AP/Martin Meissner
Semenya bei Weltklasse Zürich 2016 vor der Schweizerin Selina Büchel.

Semenya bei Weltklasse Zürich 2016 vor der Schweizerin Selina Büchel.

Keystone/Jean-christophe Bott
Auch Francine Niyonsaba aus Burundi gilt als intersexuell, an den Olympischen Spielen 2016 gewann sie Silber.

Auch Francine Niyonsaba aus Burundi gilt als intersexuell, an den Olympischen Spielen 2016 gewann sie Silber.

Keystone/Jean-christophe Bott

Caster Semenya aus Südafrika, Francine Niyonsaba aus Burundi und Margaret Wambui aus Kenia gewannen an den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro Gold, Silber und Bronze über 800 m. Dieses Podest löste vor Jahresfrist eine riesige Kontroverse aus. Denn die drei Mittelstrecken-Läuferinnen gelten als hyperandrogen.

Ein hyperandrogenes Podest wie schon in Rio?

Das sind Menschen, die ohne eigenes Zutun nicht nur weibliche, sondern auch männliche Merkmale haben. Deshalb bezeichnet man sie des Öfteren auch als das dritte Geschlecht oder intersexuell. Ihr Körper produziert mehr Testosteron als bei Frauen üblich. Seit einem Beschluss des Internationalen Sportschiedsgerichts CAS in Lausanne nach Klage der indischen Sprinterin Dutee Chand müssen sie ihren Testosteronspiegel aber im Leistungssport nicht mehr senken.

Die Frauen mit gewöhnlichen weiblichen Testosteronwerten gingen im Medaillenkampf in Rio leer aus und die Schweizerin Selina Büchel verpasste als Neunte wegen des umstrittenen Trios den Final. Dasselbe Szenario als Mitläuferinnen droht ihnen nun auch an der WM in London, denn Semenya und Niyonsaba sind erneut die unbestrittenen Favoritinnen.

Das Warten auf die Neubeurteilung des CAS

Das wird nicht überall goutiert. Erst recht nicht, seit die IAAF Anfang Juli eine Studie veröffentlichte, in der festgehalten wurde, dass hyperandrogene Läuferinnen über 800 m einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den anderen Konkurrentinnen haben. In vier Wochen wird der CAS seinerseits das Verfahren nun wieder eröffnen. Doch bis eine Neubeurteilung vorliegt, könnte es noch Monate dauern.

Die Konkurrenz mit gewöhnlichen weiblichen Testosteronwerten reagiert teilweise heftig auf ihre offensichtliche Benachteiligung. So forderte die Amerikanerin Brenda Martinez bereits vor einem Jahr: «Da muss man endlich etwas machen!» Und auch bei der Kanadierin Melissa Bishop, die als «the best of the rest» gilt, war der Frust nach ihrem vierten Platz an den Olympischen Spielen in Rio gross. «Ich bin noch nie schneller und cleverer gelaufen als in diesem Rennen», erklärte sie hinterher. Es blieben ihr trotzdem nur die Brosamen. «Das schmerzt schon etwas.»

Büchel bricht eine Lanze für Semenya und Co.

Noch pointierter äusserte sich die Polin Joanna Jozwik, die in Rio Fünfte wurde: «Es ist schon merkwürdig für mich, dass die Obrigkeiten nichts dagegen unternehmen. Diese Kolleginnen haben einen sehr hohen Testosteronwert, ähnlich wie Männer, was erklärt, wie sie aussehen und wie sie rennen.»

Wesentlich sensibler spricht Selina Büchel über die ganze Thematik. Sie betont stets, dass sie froh sei, nicht darüber richten zu müssen. Die Meinung, dass der Sport dadurch kaputt gemacht werde, teilt sie nicht, das empfindet sie als zu krass. «Ich will diese Problematik neutral betrachten und nicht aus Sicht einer Konkurrentin», erklärte Büchel im Juli. Für die St. Gallerin ist auch die menschliche Tragödie dahinter ein Aspekt: «Sie sind so auf die Welt gekommen. Sie fühlen sich als Frauen.»

«Wenn ich pinkle, pinkle ich wie eine Frau»

Semenya ist der prominenteste Fall der drei intersexuellen 800-Meter-Läuferinnen. Nach ihrem WM-Titel 2009 wurde sie zunächst medial fast gelyncht und auch für zehn Monate suspendiert. Seither wurden die Regeln zweimal angepasst. Zunächst durfte sie nur noch starten, wenn sie ihren Testosteronwert mit chemischen Mitteln auf weibliche Werte senkte. Und plötzlich war Semenya nicht mehr wirklich konkurrenzfähig. Doch seit das CAS mit seiner Beurteilung diesen Entscheid vor zwei Jahren wieder umstiess, ist die Südafrikanerin so schnell wie noch nie.

Vor der WM in London erklärte Semenya in einem TV-Interview in ihrer südafrikanischen Heimat: «Wenn ich pinkle, pinkle ich wie eine Frau. Ich verstehe nicht, wenn man sagt, ich sei ein Mann oder ich hätte eine tiefe Stimme. Ich weiss, dass ich eine Frau bin, das ist keine Frage für mich.» Nach ihrer Bronzemedaille am Montag über 1500 m sagte Semenya an der Medienkonferenz dann sichtlich genervt, dass sie die ewige Diskussion um ihr Geschlecht langweile und sie keine Zeit für diesen Unsinn habe.

Was ist gerecht und was ungerecht?

Dieser Diskussion wird sich die Südafrikanerin, so lange sie aktiv ist, nie entziehen können. Dafür ist das Thema zu kontrovers. Doch letztendlich geht es einzig darum: Was ist hier gerecht und was ungerecht? Wenn Frauen mit gewöhnlichen Testosteronwerten chancenlos sind? Oder wenn Frauen mit männlichen Testosteronwerten, die es in der Gesellschaft ohnehin schon schwer genug haben, auch noch vom Leistungssport ausgegrenzt werden?

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