08.10.2020 18:04

Bis zu 100 Mio ToteAlpen-Eiskern verrät, warum Spanische Grippe so heftig wütete

Nie starben mehr Menschen während einer Pandemie als bei der Spanischen Grippe. Über die Gründe wurde schon viel diskutiert. Ein Aspekt wurde dabei aber stets ausser Acht gelassen – bis jetzt.

von
Fee Anabelle Riebeling
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Ungewöhnlich kaltes und feuchtes Klima während des Ersten Weltkrieges (1914–1918) sorgte womöglich für die Verschärfung der als Spanische Grippe bekannten H1N1-Influenza-Pandemie (1918–1920). (Im Bild: Zerbombter Chateauwald bei Ypern, Belgien, 1917)

Ungewöhnlich kaltes und feuchtes Klima während des Ersten Weltkrieges (1914–1918) sorgte womöglich für die Verschärfung der als Spanische Grippe bekannten H1N1-Influenza-Pandemie (1918–1920). (Im Bild: Zerbombter Chateauwald bei Ypern, Belgien, 1917)

Wikimedia Commons/Frank Hurley/PD
Das berichten Forscher der Harvard University im Fachjournal «Geo Health» nach der Analyse eines Eiskerns. (Im Bild: Entnahme des Eiskerns im Monte-Rosa-Massiv, 2013)

Das berichten Forscher der Harvard University im Fachjournal «Geo Health» nach der Analyse eines Eiskerns. (Im Bild: Entnahme des Eiskerns im Monte-Rosa-Massiv, 2013)

Nicole Spaulding/University of Maine
Der rund 72 Meter lange Eiskern stammt aus dem Colle-Gnifetti-Gletscher auf der Grenze zwischen der Schweiz und Italien. In ihm sind insgesamt rund 2000 Jahre Klimageschichte konserviert – auch jene der Jahre 1915 bis 1918.

Der rund 72 Meter lange Eiskern stammt aus dem Colle-Gnifetti-Gletscher auf der Grenze zwischen der Schweiz und Italien. In ihm sind insgesamt rund 2000 Jahre Klimageschichte konserviert – auch jene der Jahre 1915 bis 1918.

Screenshot My Google Maps

Darum gehts

  • Bis zu 100 Millionen Menschen starben an der Spanischen Grippe, der ersten grossen Pandemie des 20. Jahrhunderts.
  • Dass so viele Personen dem Virus erlagen, lag nicht nur daran, dass zuvor der Erste Weltkrieg stattgefunden und die Menschen geschwächt hat.
  • Laut Forschern der renommierten Harvard-Universität trägt auch eine in dem Jahrhundert einmalige Klimaanomalie eine Mitschuld.
  • Und auch Stockenten könnten eine Rolle gespielt haben.

Als wäre der Erste Weltkrieg (1914–1918) mit seinen geschätzt 20 Millionen Toten nicht schlimm genug gewesen, grassierte in den Jahren 1918 bis 1920 auch noch die Spanische Grippe, an der weltweit wiederum bis zu 40 Millionen Menschen starben. Nach einigen Schätzungen könnten es sogar bis zu 100 Millionen gewesen sein.

Mitschuld an den vielen Toten dürfte einer im Fachjournal «Geo Health» veröffentlichten Studie zufolge auch das Erdklima gewesen sein. Dieses sei zur Zeit des Ersten Weltkrieges «kurz, aber heftig» eingebrochen, was in Nordeuropa zu äusserst kaltem und nassem Wetter geführt habe und den Menschen zusätzlich zugesetzt hat, so die Forscher. Sie bezeichnen die Phase als Klimaanomalie, die nur einmal im Jahrhundert während der Jahre des Ersten Weltkriegs und der Spanischen-Grippe-Pandemie auftrat.

2000 Jahre Klimageschichte

Zu diesem Schluss liess das internationale Forscherteam ein 72 Meter langer Eiskern kommen, der aus dem Colle-Gnifetti-Gletscher auf der Grenze zwischen der Schweiz und Italien stammt. In diesem sind insgesamt rund 2000 Jahre Klimageschichte konserviert – auch jene der Jahre 1915 bis 1918.

In dem Abschnitt, der diese Jahre dokumentiert, stellten die Wissenschaftler um Alexander F. More von der amerikanischen Harvard University merkliche Veränderungen im Natrium- und Chlorgehalt fest. Laut den Forschenden ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Alpen und ein Grossteil Nordwesteuropas von einem starken Zustrom kalter Meeresluft aus dem Nordatlantik betroffen waren.

Die Veränderungen hatten schwerwiegende Folgen, wie More und seine Kollegen festhalten: «Anhaltende sintflutartige Regenfälle und sinkende Temperaturen haben die Zahl der Opfer auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs erhöht.» Das zeigt der Vergleich der aus dem Eiskern gewonnenen Daten mit historischen Aufzeichnungen über Todesfälle während des Krieges: Jeweils während oder kurz nach den Kälte- und Regenphasen starben die meisten Menschen.

Klima, Stockenten, Millionen Tote

Doch das ist noch nicht alles: Die ungemütlichen Perioden haben auch «die Voraussetzungen für die Ausbreitung der Pandemie am Ende des Konflikts geschaffen», so More weiter. Und dies nicht nur, weil sie die Menschen körperlich schwächten.

Die Forschenden gehen davon aus, dass sich wegen der Klimaanomalie besonders viele Stockenten in Europa aufhielten und nicht wie in anderen Jahren zum Vogelzug aufbrachen. Die Vögel gelten als tierischer Hauptwirt des Grippevirus H1N1 und könnten den Erreger der Spanischen Grippe über Pfützen, Seen und andere Gewässer auf die Menschen übertragen und so die Pandemie verschlimmert haben.

Laut der Studie begann die tödlichste Welle der Pandemie in Europa im Herbst 1918 – und damit unmittelbar nach einer besonders ungemütlichen Wetterphase. «Ich sage nicht, dass dies die Ursache der Pandemie war», zitiert Standard.at More, «aber es trug sicherlich zu Verschärfung bei, ein zusätzlicher Faktor in einer ohnehin bereits explosive Situation.»

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278 Kommentare
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Problemlöser

09.10.2020, 12:51

Deren Probleme sollte man haben.

Kühlschrank

09.10.2020, 12:48

In ein paar Jahren gibt's keine Gletscherzeitung mehr.

peter

09.10.2020, 12:31

die meisten starben an der IMPFUNG!!