Aktualisiert 14.08.2017 10:10

Hanf für Oma und Opa

Senioren rauchen CBD-Hanf für besseren Schlaf

In CBD-Shops tauchen neu auch über 80-jährige Senioren auf. Auf Anraten ihrer Grosskinder wollen sie mit einer Zigarette Altersgebrechen lindern.

von
B. Zanni
«Hey Grosi, warum rauchst du nicht mal CBD? Dann hast du keine Schmerzen mehr und bist besser drauf»: Einige Enkel wollen ihre Grosseltern auf den Geschmack von CBD bringen.

«Hey Grosi, warum rauchst du nicht mal CBD? Dann hast du keine Schmerzen mehr und bist besser drauf»: Einige Enkel wollen ihre Grosseltern auf den Geschmack von CBD bringen.

Screenshot/Youtube

Im Kopf ist die 90-jährige I. K.* noch topfit. Das Gehen bereitet ihr aber Schmerzen. Auch merkt sie immer wieder, wie ihre Kräfte nachlassen. Und liest sie in der Zeitung Neues über die «schreckliche Welt», sehnt sie sich nach dem Tag, «endlich verreisen zu können». Kürzlich meinte ihr Enkel: «Hey Grosi, warum rauchst du nicht mal CBD? Dann hast du keine Schmerzen mehr und bist besser drauf.» Er habe nur positive Erfahrungen damit gemacht und könne ihr die «legalen Joints» problemlos besorgen.

CBD-Shops spüren, dass Enkel ihre Grosseltern auf den Geschmack bringen wollen. Im Zürcher Green Passion CBD Shop interessieren sich laut Verkäufer Tiziano Visconti 60- bis 80-Jährige dafür. «Manchmal kommen die Grosseltern gleich mit ihren Enkeln in unseren Shop, um sich über CBD-Hanfblüten beraten zu lassen.»

CBD-Joint gegen Schmerzen

Teilweise informieren sich die Senioren laut Visconti auch ohne Begleitung. «Sie sagen dann: ‹Meine Enkel konsumieren ab und zu CBD und sagen, es könnte mir auch helfen›.» Sie hofften, dank CBD zum Beispiel besser schlafen zu können. Bei der zweiten Gruppe habe der Tipp der Enkel Jugendsehnsüchte geweckt. «Senioren, die früher schon Erfahrungen mit Cannabis gemacht haben, wollen einfach wieder einmal einen Joint rauchen, den sie wie ein Glas Wein geniessen.»

Auch im Hemp Basement in Romanshorn trifft man auf Omas und Opas. «Die älteste Kundin war 86», erinnert sich Geschäftsführerin Anita Safradin. Rund 40 Prozent ihrer Kunden seien Senioren, die sich für das Rauchen des Stoffs interessierten, oft begleitet von Enkeln. «Meist wollen sie damit typische Altersgebrechen wie Rücken- und Gelenkschmerzen oder Arthrose lindern.» Hans Peter Kunz, Geschäftsleitungsmitglied der Bio Can AG, erzählt: «In einem unserer Shops liess sich eine ältere Dame zeigen, wie man einen Joint dreht.» Pasquale Fiore, Inhaber der Hanftheke Luzern, berichtet von über 80-jährigen Kunden, die CBD-Hanfblüten kauften. «Was sie damit machen, weiss ich nicht.»

Angst vor Rausch

Die Anbieter raten Senioren, CBD in Form von Tropfen oder Vaporizern anstatt Zigaretten einzunehmen. Pasquale Fiore: «Wir glauben an das gesundheitsfördernde Potenzial des Cannabis. Das Rauchen steht für uns nicht im Vordergrund.» Doch damit sind die Shops nicht immer erfolgreich. Anita Safradin: «Raten wir zu CBD-Tröpfchen, winken einige Senioren ab und meinen: ‹Der Russ in der Lunge spielt keine Rolle. Ich rauche sowieso schon.›»

I. K. hingegen liess sich von ihrem Enkel nicht überzeugen. «Ich weiss nicht, wie eine solche Zigarette auf mich wirken würde. Vielleicht löst sie einen Rausch aus und ich bin danach nicht mehr bei Trost.»

«Ältere reagieren empfindlicher»

Über die Wirkung auf Senioren liegen laut Fachpersonen zu wenige Daten vor. Matthias Liechti, Leitender Arzt Klinische Pharmakologie und Toxikologie des Unispitals Basel, macht darauf aufmerksam, dass CBD-Tabak auch eine kleine Menge des rauscherzeugenden THCs (die legale Grenze liegt bei einem Prozent, Anm. d. Red.) enthält. «Es ist erwiesen, dass ältere Personen auf psychoaktive Substanzen empfindlicher reagieren. Daher ist es möglich, dass geringe Mengen bei einer betagten Person einen Rausch mit negativen Folgen auslösen können.»

Rudolf Brenneisen, Leiter der Schweizer Arbeitsgruppe für Cannabinoide in der Medizin, sieht bei angemessenem Konsum ein «relativ kleines Risiko». Ungesund sei jedoch das Rauchen per se. «Hanf hat viele alles andere als gesunde Bestandteile, die sich beim Verbrennen bilden.» Auch sei klinisch noch nicht erwiesen, dass CBD ein effizientes Mittel gegen Schmerzen sei. «Gleichzeitig liegen uns aber viele Patientenberichte vor, die vom Nutzen schwärmen.»

Altersforscher François Höpflinger würde nicht abraten: «Mit dem Enkelkind einen CBD-Joint zu rauchen, bringt Lebenslust.» Soziale Beziehungen reduzierten depressive Verstimmungen. «Leicht betäubende Mittel sind im Alter zudem weniger gefährlich als Alkohol. Denn im Alter nimmt die Alkoholunverträglichkeit zu.» Doch es gebe noch eine Reihe anderer Mittel, um die Stimmung aufzuhellen: «Haustiere, Gartenarbeit und Aktivitäten mit anderen Menschen sind mindestens so nützlich wie ein CBD-Joint.»

*Name geändert

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