Alter vor Jugend: Senioren wollen Fukushima ausmisten

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Alter vor JugendSenioren wollen Fukushima ausmisten

Japanische Rentner melden sich freiwillig für die gefährlichen Aufräumarbeiten im AKW Fukushima. Wegen ihrem hohen Alter kann ihnen die Strahlung weniger anhaben als den Jungen.

von
kri

Die Lage in den Blöcken 1, 2 und 3 des Atomkraftwerks Fukushima-Daiichi bleibt auch drei Monate nach der verheerenden Reaktorkatastrophe prekär. Über den Zustand der Reaktordruckbehälter ist nach wie vor nichts bekannt, denn die Radioaktivität ist derart hoch, dass sich kein Arbeiter in ihre Nähe traut. Die Betreiberfirma Tepco hat zunehmend Probleme, genügend Arbeitskräfte für die gefährlichen Aufräum- und Instandsetzungsarbeiten zu rekrutieren. Möglicherweise werden sie schon bald auf ein Angebot zurückkommen, das sie bisher ausgeschlagen haben: Hunderte Fachleute, sofort verfügbar und zudem hoch motiviert. Zu gut um wahr zu sein? Vielleicht, denn es handelt sich ausnahmslos um Rentner.

Am Anfang dieser aussergewöhnlichen Geschichte, die ganz Japan bewegt, steht der 72-jährige Yasuteru Yamada. Als er am Fernsehen die jungen Arbeiter in Fukushima sah, hatte er eine Idee: Pensionierte Ingenieure wie er und andere Fachkräfte sollen ihnen unter die Arme greifen. Zusammen mit einem Jugendfreund gründete er Anfang April das sogenannte «Korps qualifizierter Veteranen». Sie verschickten tausende E-Mails und Briefe, richteten ein Twitter-Konto ein und starteten ihren eigenen Blog, wo Gleichgesinnte in zwölf Sprachen aufgerufen werden, dem Korps beizutreten.

Rund 400 Rentner mit sehr verschiedenen Profilen haben sich bisher gemeldet. «Sie wollen einen Kranführer? Wir haben einen», sagte ein sichtlich zufriedener Yamada Ende Mai gegenüber der britischen BBC. Auch Schweisser, Rohrverleger und Zeichner seien unter den Freiwilligen - ebenso wie Sänger und Köche. Unterhaltung und Essen seien schliesslich auch wichtig.

Rückkehr ins radioaktive Gebiet

Alte Generation in der Pflicht

Das Prädikat «Helden» lässt der rüstige Rentner nicht gelten. Der Einsatz von qualifizierten Senioren ist für ihn - ganz der Ingenieur - eine Frage der Logik: «Ich bin jetzt 72 und habe vermutlich noch 13 bis 15 Jahre zu leben», rechnete er der BBC vor. «Sogar wenn ich Strahlung ausgesetzt wäre, bräuchte der Krebs 20 bis 30 Jahre, um sich herauszubilden.» Ergo hätten die Alten eine geringeres Risiko Krebs zu bekommen als die Jungen. Diesen fehle ausserdem häufig die nötige Erfahrung, um in einer solchen Extremsituation rationale Entscheidungen treffen zu können.

Fukushima: Erste Bilder aus dem Abklingbecken

Yamada fühlt sich aber noch aus einem tieferen Grund zur Arbeit in Fukushima berufen: Da seine Generation das AKW gebaut, dessen Strom genutzt und immer behauptet hatte, die Kernkraft sei sicher, sei sie jetzt in der Pflicht. «Aus dieser Generation sollte sich die erste Truppe bilden, die die Wiederherstellungsarbeiten für das Kühlsystem auf sich nimmt», schreibt er auf seinem Blog.

«Wir müssen arbeiten, aber nicht sterben»

Vergleiche mit den Kamikaze-Piloten des 2. Weltkriegs, die sich und ihre Maschinen in Selbstmordkommandos in feindliche Ziele stürzten, bringen ihn zum Lachen. «Wir sind keine Kamikaze. Die Kamikaze waren seltsam, ohne jegliches Risikomanagement. Sie waren zum Sterben verurteilt, aber wir werden zurückkommen. Wir müssen arbeiten, aber nicht sterben», sagte er einem Reporter der BBC. Dieselbe Antwort würde er wohl Goshi Hosono geben, dem Atomberater des Premierministers. Dieser hatte im Mai gesagt, die Arbeiten in Fukushima benötigten noch kein «Selbstmord-Korps».

Ob die Rentnertruppe eines Tages tatsächlich an die Arbeit gehen wird, ist noch ungewiss. Die anfänglichen Vorbehalte auf Seiten der Regierung und Tepco scheinen angesichts fehlender Alternativen langsam zu schwinden. Yamada rechnet aufgrund der grossen Sommerhitze und –feuchtigkeit ohnehin nicht mit einem Einsatz vor dem Herbst. Niemand, auch keine alten Arbeiter, sollten überstürzt handeln. «Wir werden nichts Waghalsiges oder Sinnloses machen. Wir werden nicht vergeblich arbeiten», sagte er der «New York Times». Vorbereitet ist er allemal: Er hat einen seiner alten Schutzanzüge hervorgeholt und anprobiert. Er sitzt immer noch.

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